Helen Meier

«Miguel liest nicht mehr, er tut nur so. Wenn Sie Storm kennen würden, hätten Sie es gemerkt. Er erzählt mir immer wieder aus seinem Leben, etwas weit Abliegendes, vielleicht von dem, was er nach dem Krieg in einer Monatsschrift, sie hiess ‹Das Recht und die Gerechtigkeit›, gelesen oder geschrieben hat. Im hohen Alter scheint die Zeit die Ewigkeit der Geschehnisse zu sein.» Eine Art von seltsamer Sehnsucht nach den Erinnerungen dieser zwei Menschen überkam Nora. Versammelten die nicht ihr Erlebtes immerwährend um sich, fest wie ein Turm, leicht wie ein Hauch, zauberisches Spiel, das zum weitoffenen Fenster hereinfloss? «Hören kann ich noch gut, ich höre Radio, mein Sohn nimmt Vorträge auf Band auf. Aber am Ende bleibt doch alles Geschwätz. Das zweiseitige Reden aber, der unmittelbare Austausch von zweien, die sich etwas zu sagen haben» – Frau Laube wandte sich an Nora – «das ist wundervoll, und ich sehne mich oft nach solchen Gesprächen. Reden Sie aber nicht zu viel, reden Sie nur, wenn Sie nicht anders können, wenn Sie ihr Inneres blosslegen müssen, damit die andere nicht erblindet.» Sie lächelte Celestina an, legte die Hand auf ihren Arm. Draussen gleisste der See, Luft weht frühsommerlich über sie weg. Frau Laube griff nach dem Fernglas.

(Aus: Schlafwandel)