
Mit zwölf brachte mich mein Vater nach China. Wir fuhren zuerst mit dem Bus und flogen dann von Lhasa aus nach Chengdu, wo ich in ein Internat kam und die höhere Schule besuchte. In den tibetischen Schulen wurde der Unterricht auf Chinesisch gehalten. Uns tibetischen Kindern musste die Sprache erst beigebracht werden, was zur Folge hatte, dass wir im Sachunterricht schlechte Noten bekamen. Doch nur wer Chinesisch fliessend sprach und in der Schule gut war, der hatte später Aussichten auf einen Beruf, der sich lohnte. So kam es, dass viele tausend tibetische Schüler in chinesischen Internaten erzogen wurden. Eltern und Kinder litten sehr unter der Trennung. Nach einigen Jahren aber, wenn die Schüler wieder heimkehrten, gefielen ihnen die Chinesen sehr, ihnen gefiel alles, was sie taten. Nambol, mein Vater, nahm dieses Risiko auf sich, weil er an meine Zukunft dachte. Er arbeitete in der Verwaltung und hatte es geschafft, mich in diesem Internat unterzubringen. Nambol hatte mir das alles gut erklärt und ich sah die Notwendigkeit ein, auch wenn es mir schwer fiel. Vater regelte alles für mich und kehrte nach Tibet zurück: Ich sollte ihn sechs Jahre lang nicht mehr sehen.
(Aus: Tara und die Reiter des Windes)

Plakat 2010 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
Die 33. Literaturtage finden statt vom 3. bis 5. Juni 2011, wie immer am Auffahrtswochen-
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