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37. Solothurner Literaturtage finden vom 15.-17. Mai 2015 statt







Christoph Hein

Nach dem Anruf setzten sie sich an den Wohnzimmertisch und sahen die Briefe durch, die ihnen Karin Gloedel übergeben hatte. Die Briefe waren alle für ihren Sohn bestimmt und die meisten von ihnen, zwölf Briefe, stammten von Katharina Wolkenschläger. Ein Brief kam von einem evangelischen Bischof, der ihn zu überreden suchte, die Illegalität aufzugeben, sich den Behörden zu stellen und in allem übrigen dem Rechtsstaat zu vertrauen, der in unserer gebrechlichen Welt die einzige menschliche einrichtung sei, Unrecht zu ahnden, ohne gleichzeitig neues zu verschulden. Er wisse, schrieb ihm der Bischof, dass ihm Unrecht widerfahren sei, und er unschuldig im Gefängnis gesessen habe. Um nun zu seinem Recht zu kommen, möge er alles tun, was er mit Recht ausführen könne. Sei in dieser Welt für ihn das Recht nicht zu erlangen, und auch ein Rechtsstaat könne uns keine Gerechtigkeit garantieren, so sei es um seiner selbst willen besser, das Unrecht zu erleiden und hinzunehmen, anstatt mit neuem Unrecht das erlittene tilgen zu wollen. Der Staat werde andernfalls und dann mit jedem Recht sich mit seinen Gewalten gegen ihn wenden, und er würde sein Unglück nicht tilgen, sondern fortsetzen und vergrössern. Die letzten Sätze in dem Brief lauteten: Um Ihretwillen, kehren Sie um. Kommen Sie zu uns zurück. Meine Tür steht Ihnen offen.

(Aus dem Romanmanuskript „In seiner frühen Kindheit ein Garten)