37. Solothurner Literaturtage finden vom 15.-17. Mai 2015 statt







Sabina Altermatt

Die Kurven wollten kein Ende nehmen. Anita sah nur noch dicke Tannenstämme, die sich um sich selber drehten, und Äste, die im Kreis herumwirbelten. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie den Fahrer bitten, kurz anzuhalten. Sie kurbelte das Fenster nach unten und hielt das Gesicht in die Luft. Es roch nach Moos, feuchter Erde und verwesten Blättern. Die Sonne war schon lange hinter den Bergen verschwunden.
Die zwei Polizisten wechselten ein paar Worte auf Romanisch. Anita verstand kaum ein Wort.
«Ein bisschen viel frische Luft für eine Unterländerin», meinte der Fahrer plötzlich und lenkte den Wagen auf einen kleinen Ausweichplatz.
Der Kies knirschte unter den Reifen.
Anita öffnete die Tür und stieg aus. Die Luft legte sich beruhigend auf ihre Lungen. Sie trat an die Böschung. Unten in der Schlucht sah sie den Rhein, der sich in den Berg gefressen hatte und um bewaldete Hügel floss.
Zurückgeblieben waren steile Kalksteinklippen, in den Fels geschnitzte Kerben mit scharfen Kanten, auf denen sich ein paar knorrige Föhren hartnäckig festklammerten.
Sie dachte an den Montserrat, den «zersägten Berg» in der Nähe von Barcelona, den sie einmal zusammen mit ihrem Vater besucht hatte. Dort, sagt man, seien es Engel gewesen, die den Berg angeschnitten haben, damit man ihn besteigen könne. Im Gegensatz zur Rheinschlucht waren die Felsen jedoch rund.
Wie aus Teig geformte, riesige Tiere.

(Aus: Verrat in Zürich West)