2026 – Michael Vogt
Das Fenster

Michael Vogt

Ich sitze da. Holzklötze vor mir. Die Wand ist weiss. Das Weiss ist still. Ich höre Schritte vor der Tür. Sie hallen. Ich höre Stimmen, die miteinander reden. Ihre Stimme höre ich nicht. Sie ist da. Mama ist bei ihr. Ich nehme einen Klotz in die Hand, einen zweiten, stelle den einen auf den anderen, einen dritten und vierten, ich stelle Klotz auf Klotz, nochmals und nochmals, bis der Turm laut krachend zusammenfällt. Dann ist es wieder still. Ich darf nicht zu ihr. Sie hat keine Haare.
Ich nehme erneut einen Klotz. Lege ihn flach vor mich hin. Nehme zwei weitere. Stelle sie auf den ersten. Einen auf die eine Seite. Den anderen auf die andere. Nehme einen vierten. Lege ihn obendrauf. Ich beuge mich vor. Schaue hindurch. Ich sehe nur die weisse Wand. Ich sehe nicht sie. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Sie ist in einem Zimmer. Hier. Allein. In einem Zelt. Ein durchsichtiges Zelt in einem Zimmer. Abgetrennt von allem. Ich lehne mich zurück. Beuge mich vor. Schaue nochmals hindurch. Stelle mir vor, dass ich sie sehe. Sie liegt in einem Bett. Das Ende aufgerichtet. Sie hält ein Buch in der Hand. Ein Bilderbuch. Lesen kann sie nicht. Ich beuge mich weiter vor. Berühre den obersten Klotz. Die Klötze fallen um. Ich erschrecke. Ich schaue zur Tür. Dahinter höre ich Schritte und Stimmen. Sie bleiben nicht stehen. Sie verstummen nicht. Die Tür bleibt zu.
Ich drehe mich zurück zu den Klötzen. Nehme einen. Lege ihn vor mich hin. Greife nach zwei weiteren. Stelle sie auf den ersten. Einen auf der einen Seite. Den anderen auf der anderen. Einen vierten obendrauf. Ich beuge mich vor und schaue hindurch.
Als ich sie das letzte Mal sah, drückte sie ihre Nase an ihr Zimmerfenster. Ich stand hinter dem Spital auf dem Helikopterlandeplatz. Sie war weit weg, so dass ich sie kaum erkennen konnte. Sie winkte. Ich winkte zurück. Näher kamen wir uns nicht. «Hallo, halloo! – Hallooo!» Ich rief. Rief lauter. Fuchtelte mit dem Arm. Mehr. Mit beiden Armen. Wilder. Sie sah mich. Winkte zurück. Hören konnte sie mich nicht. Das Fenster war zu. Sie durfte es nicht öffnen. Sie könnte krank davon werden. Sie ist schon krank. Sie könnte sterben. Sie musste zurück in ihr Zelt. Ihr Zelt im Zimmer. Zurück ins Bett, das im Zelt steht. Da ist sie allein. Sie darf keine Kinder sehen. Weder mich noch unseren Bruder. Nicht ihre Freundinnen. Wir könnten sie anstecken. Sie kann sich nicht wehren. Ihr Blut ist krank. Sie hat keine Blutpolizei. Diese fehlt ihr schon sehr lange.
Ich lehne mich zurück. Ich schaue zur Tür. Höre Schritte. Sie gehen weiter. Ich drehe mich zurück. Schaue zur Wand. Das Weiss ist still. Dann beuge ich mich vor und schaue hindurch. Ich stelle mir vor, ich schaue durch das Fenster eines Schlosses. Schau hinaus. Hinunter zum Hof. Da ist sie. Sie ist eine Prinzessin. Sie spielt. Sie rennt. Ich höre sie lachen. Es geht ihr gut. Ihre Freundinnen sind da. Sie spielen Fangen. Meine kleine Schwester ist schnell. Sie rennt ihnen davon.
Plötzlich öffnet sich die Tür. Erschrocken drehe ich mich um. In der Tür steht eine Frau. Sie lächelt, wendet den Kopf nach hinten und sagt: «Nein, hier ist sie auch nicht.» Sie schaut wieder herein und sagt zu mir: «Lass dich nicht stören.» Dann schliesst sie die Tür.
Ich höre, wie sich ihre Schritte entfernen. Sie spricht zu jemandem. Dann ist es still. Ich schaue zur Wand. Die Stille ist weiss.
Ich denke: Mama, wann kommst du.
Ich begleite Mama oft ins Spital. Meistens am Mittwochnachmittag. Dann fahren wir in die Stadt. Wir fahren vorbei an einem Hochhaus, das silbrig glänzt. Dahinter steht das Kinderspital. Neben dem Parkplatz ist eine Wiese. Darauf steht ein Esel. Ich mag ihn.
Manchmal steht er am Gatter. Dann renne ich hin, kaum hat Mama parkiert. Streichle ihn.
Manchmal steht er mitten in der Wiese. Dann winke ich ihm und rufe: «Komm! Hoh! Komm her!»
Manchmal wendet er sich zu mir. Oder er dreht sich von mir weg. Meistens bewegt er sich gar nicht. Wenn er «iah» ruft, freue ich mich.
Ich bleibe beim Esel, bis mich Mama ruft: «Komm!»
Meistens tue ich so, als ob ich sie nicht höre.
«So komm jetzt endlich!»
Dann renne ich zurück.
Heute war der Esel nicht auf der Wiese. Ich blieb bei Mama, und wir liefen zum Eingang.
Hinter der Schiebetür befindet sich eine grosse Halle. In einem Büro gegenüber sitzt eine Frau.
Meistens laufe ich voraus. Ich kenne den Weg. Zum Eingang rein, links, nochmals links. Da geht es rein zum Spielzimmer.
Manchmal sind andere Kinder da. Meistens nicht. Dann bin ich allein.
Oder wir sind zu zweit. Denn manchmal kommt mein Bruder mit. Er ist älter als ich. Er ist in der vierten Klasse. Er hat nicht immer Zeit. Oder er will nicht. Vielleicht nimmt ihn Mama auch nicht mit, weil wir uns streiten.
Ich schaue auf meine Holzklötze und denke: Das ist ein Fenster. Und auf der anderen Seite beginnt eine andere Welt. Eine Welt, in der meine Träume keine Träume sind. Dort ist sie nicht krank. Dort ist sie gesund. Dort geht sie zur Schule. Und wir spielen. Meine Eltern streiten nicht. Mein Bruder und ich streiten nicht. Alles ist gut.
Die Tür öffnet sich und die Frau von vorhin schaut wieder herein. Sie fragt: «Hast du ein Mädchen gesehen? Braune, lange Haare. Mit blauem Jupe und rotem Pullover.»
«Nein», antworte ich.
«Wenn du sie siehst, sag ihr, dass ihre Mutter sie sucht, und sie sich bei der Dame vom Empfang melden soll. Da drüben.» Sie zeigt mit der Hand zum Büro mit der Frau. «Machst du das?»
«Ja», antworte ich.
Sie sagt «gut» und «danke» und schliesst die Tür.
Ich höre ihre Schritte. Sie läuft Richtung Frau im Büro. Ich frage mich, warum dieses Mädchen nicht hier im Spielzimmer ist. Warum darf sie einfach herumlaufen und ich nicht? Ich beuge mich vor und schaue durch mein Fenster.
Ich schaue aus dem Fenster eines Baumhauses. Unten fliesst ein Bach. Grosse Steinbrocken liegen am Ufer und im Bachbett. Mein Bruder steht auf dem grössten in der Mitte. Das Wasser fliesst um ihn herum. Es tost und spritzt. Er ruft mir etwas zu. Ich verstehe ihn nicht. Er winkt, setzt zum Sprung an. Springt auf den nächsten Brocken. Zum übernächsten. Zum überübernächsten. Und so weiter. Bis er auf der anderen Seite steht. Dann dreht er sich um. Schaut zu mir hoch. Winkt abermals.
Dann höre ich sie rufen. Überrascht schaue ich in die Höhe. Sehe ausser dem hellen Grün der Bäume nur das milde Blau des Himmels.
«Hallo!»
Klar und deutlich. Das ist ihre Stimme. Ich rufe ihren Namen. Ihr Gesicht erscheint an der Dachkante über mir.
«Hallo», wiederholt sie, nur dass sie es zu mir sagt.
«Wie bist du auf das Dach gekommen?», frage ich sie.
«Du musst bei der Tür hochklettern.»
Sie lacht. Ich lache zurück. Und dann ist sie weg. Ich schaue zurück über den Bach. Mein Bruder klettert die Böschung am Ufer hoch. Zwischen den Steinen sehe ich Spuren im Kies. Das ist der Weg zurück. Oben dreht er sich zu uns. Winkt. Verschwindet hinter dem Damm. Ich drehe meinen Kopf zum Himmel. Rufe nach ihr. Ihr Kopf erscheint nicht mehr. Ich schaue zurück zum anderen Ufer. Schaue nochmals hoch. Rufe. Nichts. Ich schaue nach unten. Da steht sie. Auf dem ersten grossen Brocken. Setzt zum Sprung an. Sie ist klein. Sie sucht sich einen anderen Weg. Sie springt. Und springt. Und springt. Bis sie drüben ankommt. Sie klettert hoch. Auch sie verschwindet hinter dem Damm. Ich drehe mich um, möchte raus zur Baumhaustür und aufs Dach klettern. Ich fühle mich gut. Lächle. Doch da steht nur die grosse Tür des Spielzimmers. Ich drehe mich zurück. Sehe wieder die Wand. Weiss und still.
Ich schaue zum Fenster. Ich möchte ins Baumhaus. Es ist gross. Hoch. Spannend. Der Bach. Die Insel. Die vielen Büsche. Dazwischen Steine. Grillen. Eine Gottesanbeterin. Ich möchte dahin. Schaue hindurch. Sehe nur die Wand. Weiss. Still.
Dann ein Geräusch. Ganz leise. Ich drehe meinen Kopf zur Tür: Da steht ein Mädchen. Braune, lange Haare. Mit blauem Jupe und rotem Pullover. Sie blickt zu mir, lächelt und fragt: «Was machst du da?»
Verwundert schaue ich sie an. Sie lächelt immer noch.
Ich lächle zurück: «Ich spiele.»
Sie zeigt mit dem Finger zu den aufgestellten Klötzen.
«Das ist ein Fenster. Mein Traumfenster. Es macht Träume wahr.» Ich schaue wieder hindurch. «Vorhin sah ich meine kleine Schwester. Dort drüben ist sie eine schöne Prinzessin mit langen Haaren in einem mächtigen Schloss auf einer hohen Bergspitze und spielt mit ihren Kammerzofen im Schlosshof. Sie wird von einem bösen Ritter gefangen gehalten, weiss das aber nicht, denn nur ich weiss das und habe mich ins Schloss geschlichen, um sie zu befreien.»
«Deine Schwester ist eine Prinzessin?», unterbricht mich das Mädchen.
«Nein. Meine Schwester liegt hier im Spital. Sie hat Krebs, weil sie keine Blutpolizei hat. Meine Mutter besucht sie. Ich darf nicht zu ihr. Wenn ich Husten habe, huste ich Hustenräuber aus, und meine kleine Schwester atmet sie ein. So gelangen sie in ihr Blut. Und weil sie keine Blutpolizei hat, machen die Hustenräuber sie krank. Noch mehr, als sie schon ist. Sie hat auch keine Haare.»
Das Mädchen schaut mich an. «Meinst du so wie ich?»
Ich folge ihrer Hand. Sie greift nach ihren Haaren, zieht sie sich vom Kopf und streckt sie mir entgegen. Dann sehe ich ihren kahlen Kopf. «Ja, genau so.»
«Hat sie Leukämie?»
«Ja.» Dann sage ich: «Eine Frau sucht dich. Deine Mutter, oder? Ich soll dir sagen, du sollst zur Frau im Büro da draussen gehen.»
«Ach, die wollen nur, dass ich zurück auf mein Zimmer gehe. Aber ich will nicht.» Sie setzt sich zu mir auf den Boden.
«Warum nicht?»
«Ich will zu Hause sein. So wie die letzten Tage. Nur für immer. Da tut es nicht weh.»
«Was tut weh?»
«Die Spritzen, die Therapie, einfach alles.» Sie schaut mich an: «Wenn ich durch das Fenster blicke, sehe ich dann meine Träume?»
«Natürlich.»
Sie betrachtet die Klötze eine Weile. Dann legt sie sich auf den Bauch und stützt ihren Kopf auf ihren Händen auf.
«Siehst du etwas?»
«Ich weiss nicht», antwortet sie. Eine ganze Weile sagt sie nichts. Auch ich sage nichts.
Dann. «Ja. Doch.»
Ich lächle.
Sie lächelt zurück.