2026 – Silvan Jeger
Milch

Silvan Jeger

Draussen hatte es gerade zu regnen begonnen. Lola schälte sich aus ihrem feuchten Faultiermantel und hängte ihn an die Garderobe. Er seufzte schnatternd, als sie ihm die Nährlösung zuführte. In der Windel war nur etwas Urin. Lola legte schnell eine neue an. Ihr Mantel neigte dazu zu pinkeln, wenn sie nach Hause kamen. Vermutlich wegen dem Temperaturunterschied. Sie hatte sich angewöhnt keine Experimente zu wagen.

Lola musste auch. Sie streifte ihre nassen Krocks ab und schob sie vorsichtig Richtung Schuhregal. Erst kürzlich hatte sie den rechten ersetzen müssen. Lola hatte ihn wahrscheinlich mit etwas zu viel Vorfreude auf den Feierabend an die Wand geschmettert. Es hatte geknirscht. Allmählich hatte der Schuh zu stinken begonnen und war schliesslich eingegangen. Danach war es gar nicht so einfach gewesen, ein einzelnes Exemplar zu finden, das zur Schuppenzeichnung des linken passte.

Die rosa WC-Brille war angenehm warm. Und bewegte sich fast unmerklich unter Lolas Körpergewicht. An der Unterseite ihrer Oberschenkel pulsierte etwas. Ob es ihr eigener Herzschlag war oder der des Brillenmulls, konnte sie nicht sagen. Ein Moment von Symbiose? Sie tupfte sich sauber und liess das Papier in die Schüssel gleiten. Die Spülfische begannen sich umgehend darum zu kümmern.

Lola ging in die Küche. Ihre Milchhündin schaute sie wie immer mit grossen Augen an. Den Kiefer festgezurrt im Halterungsgestell folgte sie Lola mit ihrem Blick so weit wie möglich. Sie wedelte. Oder versuchte es zu tun. So interpretierte Lola das schabende Geräusch an der Rückseite des Metallrahmens. Ach, was für eine treue Seele! Lola schickte via Touchscreen eine Extraportion Nährlösung an die automatisierte Magensonde. Eine Windhündin war das mal gewesen. Vor Generationen. Lola lockerte die Kiefergurte etwas. Eine schmale Schönheit, genetisch sogar noch platzsparender modifiziert. Und hormonell genügsam gemacht. Als sich herumgesprochen hatte, dass Windhündinnenmilch einen verhältnismässig hohen Proteingehalt hatte, aber fast gar keine Laktose … Oder wie war das gewesen? Für Lola hatte sowieso die elegante Statur der Windhündinnen den Ausschlag gegeben. Das würde Milch sein, die schlank machte.

Wer etwas auf sich hielt, hatte die alten Melkmaschinen mit ihren Zwergziegen oder anderen Kleintieren umgehend verkauft oder verschrotten lassen und sich einen Windhündinnenapparat zugelegt. Lola hatte sich erst kurz zuvor eine moderne Schnabeltiermaschine besorgt. Da diese Tiere keine eigentlichen Zitzen besassen, sondern ihre Milch über Drüsen ins Fell abgaben, musste sie mit einem neuartigen Saugschaber gewonnen werden. Ein Wunder der Technik. Die Moschusnote im Nachgeschmack hatte Lola aber immer irgendwie gestört.

Plötzlich waren im Büro alle Windhündinnenmilchexpertinnen. Tara hatte ihr bei ihrem letzten Besuch unaufgefordert geraten, die Saugbecher regelmässig ein paar Stunden pro Tag abzunehmen, um die Zitzen an der frischen Luft etwas regenerieren zu lassen. Die Milch würde so viel, viel weniger bitter!

Vielleicht war da was dran. Aber jetzt hatte Lola Lust auf einen Schluck frische Milch. Sie berührte die Schaltfläche. Das Gerät surrte und begann nach einem Augenblick regelmässig zu schmatzen. Das in diesem Melklärm fast unhörbare Winseln verstand Lola als zustimmenden, wenn nicht sogar dankbaren Kommentar ihrer Hündin.

Sie trank den Becher in einem Zug leer.

Im Brutkasten schlotterten die Wachtelkücken eng beieinander. Lola suchte sich eines aus, setzte es behutsam in den Redeemer und startete am Interface den Erlösungsvorgang. Nach wenigen Sekunden sackte es in sich zusammen und wurde dann, noch hinter dem Sicherheitsglas, von den flinken Greifärmchen der Küchenmaschine gerupft, geköpft und ausgenommen. Das Kleine würde sie für eine knappe halbe Stunde im Combi-Steamer schmoren. Dazu zum Beispiel Maniokbrei. Und heute vielleicht sogar etwas frisches Gemüse vom Dachgarten?

Sie schlüpfte vorsichtig in ihre zimperlichen, aber angenehm warmen Echsenschuhe. Draussen regnete es noch stärker als vorhin. Sie würde nicht ohne Regenschirm hochgehen. Die geröteten Kulleraugen ihres Flughunds starrten ins Leere. Als sie den Schirm im Lift zur Kontrolle ein wenig aufspannte, ächzte das Tier. Es lebte also noch. Ein gutes Zeichen. Sonst würde die Haut schnell rissig und undicht.

Während Lola ein paar bleiche, höchstens fingerdicke Karotten aus der schwarzen Erde ihrer Gartenparzelle zog, trommelten die Regentropfen auf die dünne Flughaut. Mit den Nägeln zwackte sie das Kraut ab und warf es ins Gehege der Riesentausendfüssler, die pfeilschnell unter ihrem Unterstand hervorgetrippelt kamen, um sich auf das bisschen Grün zu stürzen. Da waren schon ganz feisse Exemplare dabei. Bald könnte sie wieder einmal einen knusprigen Auflauf zubereiten. Wieso eigentlich nicht, wenn Tara das nächste Mal zu Besuch kommt? Die würde Augen machen. Von wegen bitter. Ihre Milchhündin hatte halt einfach diese eigene, ganz spezielle Zusammensetzung. Das hatte mit dem Technischen und der Handhabung ihrerseits sicher nichts zu tun.

Als der Lift wieder in Lolas Stockwerk angekommen war, sah sie, dass sie ihre Wohnungstür offen gelassen hatte. Von den Nachbarinnen war nichts zu befürchten. Aber es gehörte sich nicht, den Eingangsbereich der Wohnung fremden Blicken auszusetzen. Oder umgekehrt, ihn fremden Blicken zuzumuten. Wie ein offener Hosenschlitz. Kopfschüttelnd zog Lola die Tür hinter sich ins Schloss.

Den tropfnassen Regenschirm spannte sie über der Badewanne zum Trocknen auf und ging in die Küche, um die Karotten zu waschen – aber blieb wie angewurzelt auf der Türschwelle stehen. Ihre Milchhündin war weg. Verschwunden. Hatte sich aus der Melkapparatur losgerissen. Wie konnte …? Die Zitzenbecher baumelten an ihren Sammelschläuchen. Die Trichter und Röhrchen des Fäkalabsaugers zeigten ins Leere. Die Metallstreben des seitlichen Stabilisierungsmechanismus waren verbogen. Einfach weggedrückt. An den jetzt sichtbaren Innenseiten der gepolsterten Manschetten und Gurte schimmerten die Stellen dunkel, an denen sich die Hündin wundgescheuert haben musste. Während der letzten Monate. So ganz ohne angeschlossenes Tier wirkte die Vorrichtung fast grausam.

In jeder Hand ein paar Karotten als stumpfe Dolche begann sich Lola vorsichtig in der Wohnung umzusehen. Mehrere Augenpaare folgten ihren Bewegungen. Aber keines gehörte ihrer Milchhündin. Konnte sie … oje, die Wohnungstür! Lola deponierte die Karotten im Vorbeieilen vor dem Redeemer, in dem das geschlachtete Wachtelkücken noch immer auf seine Zubereitung wartete, jagte in den Flur, stolperte beinahe über ihre Krocks, riss die Tür auf: gähnende Leere.

Keine Windhündin weit und breit. Lola horchte ins Treppenhaus. Im Prasseln des Regens waren keine klickenden Hundekrallen auszumachen.

Auch war kein Winseln zu hören.