2021 – Daniela Dill
Ein Bild von einer Frau

Ein Mann hat mal zu mir gesagt,
ich sei ein Bild von einer Frau.
Eine Frau, die selbst in Grau
deutlich aus dem Alltag ragte;
wenn ich mich nur schminken würde.

Keine Frage, der Typ war eine Pfeife,
doch eh ich das begreife,
streif ich mir den Lippenstift
über meinen Mund,
mach ihn rund
und bekund den Grund,
mich von mir zu trennen.

Se-pa-rie-ren, deformieren,
epilieren, kostümieren,
parfümieren, Haar frisieren,
Hand lackieren, Lid schattieren
– ein Meisterwerk wies Gott nicht schafft !
Diese Augen, diese ozeanblauen Augen
und diese Lippen, diese blutroten Lippen.

Ich war eine Pfeife,
doch eh ich das begreife,
streif ich mir ein Silberkleid
über meinen Leib und verbleib
noch Stunden vor dem Bilde stehen.
«Spieglein, Spieglein, wehe, wehe,
wenn ich nicht die Schönste bin!» –
«Mädchen, Mädchen, gehe, gehe,
eil des Weges schnell dahin
und wiss’ es bald höchst selbst!»

Dein Rat sei mir Mission
und so bin ich schon über alle Berge
und find die Zwerge im Alpenrock!
Ich stolzier, posier, inszenier
und tanz nicht lange
um den heissen Brei, sondern schrei
durch den Saal bis zur hintersten Wand:
«Seht, ich bin die Schönste im Silbergewand!»

Niemand reagiert,
bis ein Jüngling etwas fremdgeniert
diskret sich zu mir rüber neigt
und mit dem Finger auf ein Mädchen zeigt:
«Gewiss bist du recht schön, das geb ich offen zu,
doch sie im weissen Kleid ist viel schöner als du !»
– «Wie, die dort drüben mit der Schorle in der Hand ?
Die ist euch wahrlich als Schönste hier bekannt ?»
Möge ihr der nächste Schluck im Hals stecken bleiben !

Irritiert steh ich am Rand und land
mit meinem Wertgefühl unsanft auf dem Boden.
Meine Stimmung ist im Keller.
Im Weinkeller.
Still wein ich vor mich hin,
still wein ich in mich rein;
zwei drei Flaschen,
zwei drei volle Tränentaschen
bis zum letzten Weintropfen.

Hopfen und Malz stehn an der Bar bereit,
jetzt ist es Zeit für etwas Aufmerksamkeit:
This is the rhythm of the night.
Locker vom Hocker stürm ich die Tanzfläche,
komplett befreit, in die Menge steche
und treib es zu und treib es breit
zu weit mit der Freizügigkeit.
Die Katze in mir, sie wetzt ihre Krallen
und lässt den Sack, die Hüllen fallen.
Barfussig und barbusig, völlig unverwunderbar,
tanze ich und rüttle mich
und schüttle ich mein Katzenhaar.

Am nächsten Morgen lieg ich mit einem Kater im Bett.
Wie von einer Walze platt gefahren
kriech, keuch, fluch ich Richtung Badezimmer
und hab noch immer keinen Schimmer
ob der letzten langen Nacht.
Doch schöpf ich arg Verdacht, sobald ich endlich gerade steh
und meine Fresse im Abbild seh:
«Spiegel, du Arschgesicht ! Ich klag dich an des Hochverrats !»
– «Mädchen, es ist mir Pflicht, als Partner des Naturvertrags.»
Während Stunden, stundenlang,
schau ich mein Gegenüber an.
Diese Augen, diese ozeanblauen Augenringe
und diese Lippen, diese blutrot verschmierten Lippen –
ich bin ein Bild von einer Frau.