Ursula Fricker

Ursula Fricker, geboren 1965 in Schaffhausen, lebt in der Nähe von Berlin. Schauspielausbildung und Studium der Sozialarbeit. Sie arbeitet heute als Autorin und Theaterpädagogin. Diverse Auszeichnungen, u.a. Shortlist des Schweizer Buchpreises 2012. (2016)

Werke (Auswahl)

Lügen von gestern und heute.
dtv, 2016

Ausser sich.
Rotpunkt Verlag, 2012

Das letzte Bild.
Rotpunkt Verlag, 2009

Fliehende Wasser.
Pendo Verlag, 2004

2016

Lügen von gestern und heute

dtv, 2016

Ein Text über Menschlichkeit, Grenzen, Ideale und Gewalt, der sich mitten in die gesellschaftspolitische Gegenwart stellt. Eine Art Kollektivroman mit drei zentralen Figuren: Isa kämpft kompromisslos für die Aufnahme sämtlicher «Refugees», Innensenator Otten muss für die Realpolitik einstehen und Beba, die aus einem Kriegsgebiet floh, ist da, wo sie jetzt leben kann, noch lange nicht angekommen.

Aus: Ursula Fricker. Lügen von gestern und heute. dtv, 2016

Weiterleben? Unter Menschen, von denen man nicht wusste, ob sie eines Tages alte Ideen aus dem Schrank kramen und sie anziehen würden. Farben und Schnitte in einer Mode, die man nie mehr für möglich gehalten hätte. Man würde nicht begreifen können, warum alle wieder schön fanden, was sie gestern noch wegwerfen wollten.
Beba versuchte zu vergessen und vergass ständig, zu vergessen. Wider Willen wurde sie immer wieder Zeuge dieses neuen Tages, der in solch verflucht schönen lichten und zarten Farben aufzog, der so rein und unschuldig über den Bergen dämmerte – als wäre nichts geschehen.


Lesung: Ursula Fricker und Verena Stössinger, 06.05.2016, SLT

Fr, 06.05.16, 15:00

Lesung
Landhaus Landhaussaal
Moderation: Verena Stössinger

Fr, 06.05.16, 17:00

SRF Live Sendung
Kultur aktuell
Cantina del Vino
2012

Ausser sich

Rotpunkt Verlag, 2012

Auf der Autofahrt zu Freunden passiert es: Sebastian, erfolgreicher Architekt in Berlin, erleidet einen Hirnschlag. Trotz rascher medizinischer Hilfe bleibt der Mann schwerst behindert. Mit grosser Sensibilität zeigt Ursula Fricker in ihrem neuen Roman «Ausser sich», wie ein einziger Moment das Leben nachhaltig verändert: nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für seine Partnerin Katja. Was geschieht zum Beispiel mit der Liebe, wenn der Gefährte sich an nichts mehr erinnert ? Und welchen Wert hat ein Leben, dem jegliche Wünsche und Perspektiven abhanden gekommen sind?

Aus: Ursula Fricker. Ausser sich. Rotpunkt Verlag, 2012

Ich trat ein. Ich sah etwas in einem Bett liegen. Eine Maske, beinahe so weiss wie das Laken. Ich ging. Den langen Weg von der Tür zum Bett. Ich sah nichts, nur diese Ahnung eines Gesichts, Schläuche aus Mund und Nase. Fremd, so fremd die Hände. Ich legte meine Hand auf seine. Kühl. Ganz kühl. Bastian. Leer war mein Kopf. Was war geschehen? Zum wievielten Mal? Wo waren wir? Ich fühlte mich noch auf der Autobahn. Schneller unterwegs, als ein Mensch verkraften kann. Gegen eine Wand fahren, die plötzlich aus dem Boden wächst. Das passte nicht zu uns.

Lesung: Ursula Fricker, 18.05.2012, SLT

Fr, 18.05.12, 16:00

Lesung
Landhaus Landhaussaal
Moderation: Luzia Stettler
2004

Fliehende Wasser

Pendo Verlag, 2004

Aus: Ursula Fricker. Fliehende Wasser. Pendo Verlag, 2004

Man fand ihn im Graben neben einer Land-strasse. Zwischen zwei winzigen Dörfern ganz am Ende der Schweiz, dort, wo jeder Schritt an eine Grenze stösst. Unter einem Schaum zarten, frischen Schnees lag er begraben, wie friedlich schlafend im eisigen Bett, die Augen geschlossen. Es wurde gerade hell.
Zuerst hielt man ihn für einen schlafenden Betrunkenen, später für einen toten Betrunkenen.
Aber mein Vater ist nie betrunken gewesen.
Sein Fahrrad lag einige Meter weiter, halb in den Graben gerutscht, ein hellgrünes Dreigangfahrrad mit bis auf das Gewebe abgefahrenem Mantel, vorne und hinten.
Der alte Bauer Sieber hatte den Toten gefunden. Morgens um halb acht. Auf dem Weg zum Bahnhof streiften die Lichter seines Traktors das liegende Fahrrad, brachten die Katzenaugen kurz zum Leuchten und der Bauer Sieber dachte bei sich, dass zu einem Fahrrad doch auch ein Fahrer gehöre. Er hielt an, stieg vom Traktor und ging zurück. Sah in den Graben.
Heiliger Bimbam.
Der Mann lag auf dem Rücken. Die Hände, das sei ihm aufgefallen, in den Taschen einer idiotisch dünnen Jacke vergraben, es sei doch schliesslich Winter, oder? Keiner von hier. Ein Fremder. Soviel sei ihm gleich klar gewesen. Der alte Bauer Sieber stieg trotz stechender Gelenke in den Graben hinunter, wollte den Mann wachrütteln, schlug ihm hart ins Gesicht, besoffen, dachte er, vom Velo gefallen im Dusel, aufwachen muss der, aufwachen. Der Morgen war schön, klar und kalt. Alle zweihundertunddrei Einwohner des Dorfes standen am Graben und blickten auf den Leichnam hinunter.


Fr, 21.05.04, 11:00

Lesung
Landhaus Säulenhalle
Moderation: Sabine Graf