Urs Richle

Geboren 1965, lebt in Genf. (2011)

www.ursrichle.ch

Werke (Auswahl)

Das taube Herz .
Knaus Verlag, 2010

Mall oder Das Verschwinden der Berge.
Piper Verlag, 1993

2011

Das taube Herz

Knaus Verlag, 2010

Nach neun Jahren publizierte Urs Richle letzten Sommer mit «Das taube Herz» sein neues Buch als fiktiven Historienroman im Uhrmachermilieu des 18. Jahrhunderts im Schweizer Jura. Der geniale Uhrmacher Jean-Louis Sovary soll einen Schachautomaten konstruieren, der gegen den von Wolfgang von Kempelen gebauten historischen «Schachtürken» antreten soll. Kenntnisreich situiert Richle die tragische Liebesgeschichte im historischen Kontext der Philosophie, Anthropologie und Mechanik des 18. Jahrhunderts auf faszinierende und vereinnahmende Art und Weise.

Aus: Urs Richle. Das taube Herz . Knaus Verlag, 2010

Während des Ausläutens der Messe an einem warmen Frühlingstag im Jahr 1758 lag in dem kleinen jurassischen Dorf Le Locle ein Knabe im Kirchturm unter dem Glockenspiel und beobachtete die Bewegungen der Balken, der Seile, der kleinen und grossen Räder. Über ihm schlugen die Klöppel gegen die hin- und herschwingenden, gusseisernen Hüte. Akustische Explosionen platzten durch den Turm, drohten sein Zwerchfell zu zerreissen, fuhren durch Mark und Bein und liessen die Gänsehaut in Schüben über den ganzen Körper des Knaben wachsen. Es war Sonntag und der Tag seines zehnten Geburtstages. Einige Stockwerke tiefer zog sein Vater an den Seilen und setzte damit die Mechanik des Glockenspiels in Bewegung.

Lesung: Urs Richle, 03.06.2011, SLT

Fr, 03.06.11, 11:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Rudolf Probst
1994

Mall oder Das Verschwinden der Berge

Piper Verlag, 1993

Aus: Urs Richle. Mall oder Das Verschwinden der Berge. Piper Verlag, 1993

Der Gonzen, sagte er einmal, ist eine von vielen. Ein Berg wie jeder andere. Malls Geschichte, denke ich, ist eine von vielen, eine wie jede andere. So wie im Gonzen Steine abgetragen wurden, sagte er, werden überall Steine abgetragen und daneben wieder aufgehäuft. Wir tragen die Steine ab und bauen sie daneben wieder auf. Der Berg wird zerhackt und daneben wieder zusammengesetzt. So hat's angefangen, sagt Mall, zerhacken und wieder zusammensetzen. Schau dir die Stadt an, Ulrich, schau da unten dieser Trümmerhaufen! Er zeigt zum Fenster hinaus. Abgetragen und wieder zusammengesetzt, das ist die Stadt, die Häuser konstruierte Berge. Das ist alles, sagt Mall, zerhacken und wieder zusammensetzen. Wenn der Berg weg ist, ist der konstruierte Berg vollständig da, und er kann abgetragen werden. So geht's im Kreis, zerhacken, abtragen und wieder aufbauen, wieder wegsprengen wieder zusammensetzen, nichts weiter. Wir halten uns am Leben und bringen uns gleichzeitig um. Wir kaufen ein, essen und bringen uns um. Wir bringen uns zu Ende und leben. Jeder Tod ist ein Zu-Ende-Bringen dieses Kreises. Wer andere umbringt, meint eigentlich sich selbst. Krieg, sagt er, ist die Verzweiflung vor dem eigenen Tod, der nicht eintritt. Wir bewegen uns nach vorn mit Blick zurück und bringen uns um. Jede Bewegung ist eine Bewegung nach vorn mit Blick zurück. Wir gehen alle rückwärts, weil wir vorwärtsgehen mit Blick zurück. Wir gehen so kange, sagt er, bis er zufällig die Klippe getroffen haben, die uns auslöscht. Wir gehen und bringen uns um. Wir gehen, kaufen ein, essen und bringen uns um.

Fr, 13.05.94, 10:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Liliane Studer