Theres Roth-Hunkeler

Geboren 1953, lebt in Baar. (2010)

www.roth-hunkeler.ch

Werke (Auswahl)

Was uns blüht.
2009

Erzähl die Nacht.
Rotpunkt Verlag, 2000

Die zweite Stimme.
Rotpunkt Verlag, 1997

Der Verlauf.
1991

2010

Was uns blüht

2009

Die Autorin literarischer und kulturjournalistischer Texte doziert an der Hochschule der Künste in Bern «Text und Sprache». Ihr vierter Roman «Was uns blüht» vereint Figuren, Landschaften und Stimmen zu einer Sprachmelodie, die auch nach Island führt. Auf der Atlantikinsel begegnen sich Menschen zweier Generationen, verbunden durch scheue Zuneigung und Neugierde auf die Zukunft. Die Nordreise verläuft für sie alle anders als vorgestellt, schneidende Winde zerren an ihnen.

Aus: Theres Roth-Hunkeler. Was uns blüht. 2009

Es war ein Brand. Feuer und Flamme. Der Dottore räusperte sich, verscheuchte mit der Hand Rauch, der nicht da war. Und schwieg. Erzählen hiesse ja immer auch zählen. Schritte zählen und zögern, auf- und abzählen, die Jahre zählen, sie reihen, jeder Tag ein Jahrestag, aufzählen die hohen Sommer und die tiefen Winter. Nächte voller Grillengezirpe und andere Nächte gefüllt mit Kälte und Angst und Schneeverwehungen. Einatmen. Ausatmen. Morgen und wieder Abend. Nacht und Tag. Und dann schert ein Tag aus. Springt aus der Reihe. Ordnet sich nie ein.

Podium: Frauenliteratur, 14.05.2010, SLT
Lesung: Theres Roth-Hunkeler, 14.05.2010, SLT

Fr, 14.05.10, 11:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Eva Bachmann

Fr, 14.05.10, 17:00

Podium
Frauenliteratur: Ein Fall fürs Archiv?
Mit: Doris Stump, Dr. Beatrice von Matt
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Eva Bachmann
2001

Erzähl die Nacht

Rotpunkt Verlag, 2000

Aus: Theres Roth-Hunkeler. Erzähl die Nacht. Rotpunkt Verlag, 2000

Ich trete meinen Bruder in die Welt. Stosse, schubse und schiebe ihn. Er zuerst. Endlich ist er fort. Ich habe Platz. Kopfüber liege ich zum ersten Mal in meinem Vorleben allein im Dunkeln. Ich breite mich aus, schwimme im Becken, dann strample ich und folge ihm. Ich kam gut voran, Zwilling hatte mir den Weg durch den Kanal gebahnt. Als ich die innerste Welt verliess, stürzte hinter mir das Muttergebirge ein. Leer war nun der Frauenbauch, und leer sollte er bleiben, ein Brachland für immer. Zwilling hiess schon, als ich ankam, eine halbe Stunde nach ihm, Paul, indes, mit mir hatte niemand gerechnet. Der Mutter fiel kein Name mehr ein, als ihr schon wieder ein neues Kind zur Begutachtung in die Arme gelegt wurde. Paula, vorgesehen, für den weiblichen Fall, war nahezu aufgebraucht. Wer A sagt, dachte die Mutter, die Fortsetzung stellte sich nicht ein. Sie war nicht in der Lage zu denken, ihr Kopf arbeitete noch nicht. Sie sehnte sich nach Schlaf, aber die Nachwehen zerrten an ihr und die Nadelstiche ins wunde Fleisch schmerzten. Paul hatte die Mutter zerrissen und hinterher kam auch noch ich. Ungelegen. Mein Erscheinen hatte zur Folge, dass die Mutter in den ersten Tagen nach der Niederkunft von niemandem Besuch erhielt. Diese Ruhe beunruhigte sie. Und wie. Sie konnte nicht begreifen, dass die Doppelankunft keinerlei Echo auslöste im Dorf. Sie grübelte darüber nach, anstatt das Wochenbett für ausgiebigen Schlaf zu nutzen. Die Erklärung war einfach: Die Frauen mussten eine zweite Garnitur stricken. In Rosa. Das dauerte.

Fr, 25.05.01, 15:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Martin Wyss
1997

Die zweite Stimme

Rotpunkt Verlag, 1997

Aus: Theres Roth-Hunkeler. Die zweite Stimme. Rotpunkt Verlag, 1997

Lieber Peter, bestimme Du, wo und wann das Treffen stattfinden soll. Ich wünsche mir einen Tisch und zwei Stühle, kein stimmungsvolles Lokal. Die Stühle dürfen abgenutzt sein, ihr Bastgeflecht darf sich lösen. Vielleicht liegt die Stadt am Meer. Wir werden schwimmen. Weit hinaus. Wir werden ein wenig vom Kurs abkommen, obwohl die Strömung nicht spürbar sein wird, denn das Meer wird ruhig sein. Wie ein Tisch. Das Wasser wird sehr klar sein, wir werden hinuntersehen bis zum Meeresgrund. Wir werden die schwarzen Flecke auf dem sandigen Grund als Steine ausmachen. Die Quallen werden schlafen. Wir werden die ziehende Tiefe unter uns spüren. Bei jedem Schwimmzug wird sie da sein. Nicht schwarz, klar. Wir werden ohne Angst schwimmen und der leisen Beunruhigung der Tiefe mit dem Gleichmass kraftvoller Arm- und Beinschläge begegnen. Nach einiger Zeit werden wir uns aufs Wasser legen, auf dem Rücken liegend ausruhen, dann werden wir umkehren, bevor die Dunkelheit hereinbricht. Wir werden erschöpft sein, müde, werden am Strand warten, bis die Lichter angehen und die Orte, die für die Fortsetzung in Frage kommen, beleuchtet sind. Kannst Du überhaupt schwimmen, mein ferner Wortschatz? Gute Nacht.

Sa, 10.05.97, 11:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Friederike Kretzen
1990

Der Verlauf

1991

Aus: Theres Roth-Hunkeler. Der Verlauf. 1991

Erst, als feststeht, dass Ruedi die Toilette nicht mehr benutzt, wird er weggebracht. Tag und Nacht steht das Fenster seines Zimmers offen, die Mutter scheuert die Wände mit Schmierseifenwasser, Ruedis Bett wird verbrannt. Das Zimmer heisst noch lange «Ruedi-Zimmer» niemand betritt es gerne. Es kommt kein anderer Knecht ins Haus. Er ist in der Anstalt, sagen die Eltern, wenn jemand nach Ruedi fragt. Dass er nicht zurückkommen wird, hat das Kind gleich gewusst, als es sah, wie die Mutter sein Zimmer putzte und neue Gardinen aufhängte. Manchmal stellt sich das Kind vor, Ruedi sei wieder im Zimmer, es hört ihn, den Geräuschlosen, sieht ihn, wie er mit verschränkten Armen auf dem Bett liegt. Leutescheu. Das Kind lernt neue Wörter, lernt, dass es Wörter gibt, die leiser ausgesprochen werden müssen. «Interniert» ist ein solches Wort, das überdies beim Aussprechen nach einem bestimmten Blick verlangt. Es ist ein Wort, das Ruedi meint. «Gemüts ist ein Zwischenwort, gehört nur in einer bestimmten Verbindung zu Ruedi, nur dann, wenn sie sagen: Er hat es mit dem Gemüt. «Gemüt» hat noch andere Bedeutungen: Das Kind hat Gemüt, sagen sie auch.

Fr, 25.05.90, 16:00

Lesung
Kreuzsaal
Moderation: Liliane Studer