Raoul Schrott

Geboren 1964, aufgewachsen in Tunis und Landeck/Österreich, studierte Literatur und Sprachwissenschaft in Innsbruck, Norwich, Paris und Berlin. Er wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt in Österreich. (2015)

Werke (Auswahl)

Die Fünfte Welt. Ein Logbuch.
Haymon Verlag, 2007

Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen. Ein Brevier.
Carl Hanser Verlag, 2001

2007

Die Fünfte Welt. Ein Logbuch

Haymon Verlag, 2007

Aus: Raoul Schrott. Die Fünfte Welt. Ein Logbuch. Haymon Verlag, 2007

Eine Grenze zwischen Lebendem und Totem lässt sich kaum noch ziehen, sie gehen ineinander über. Und was ich über diese Landschaft weiss, ist so wenig wie über mich selbst; zwischen dem, was nicht mehr denkbar, und dem, was nicht mehr begreifbar ist, scheint kaum noch ein Unterschied: die Stille des Abends gibt über nichts Auskunft ausser über sich selbst. Es ist, als verlören mit dem schwächer werdenden Licht auch das Fremde und das Eigene ihren Ort und höben sich auf (es in Worte zu fassen, ist schwierig, auch jetzt noch). Stattdessen wird das Blau am Horizont grösser, es beginnt umso tiefer zu leuchten, während es sich gleichzeitig an seinem Rand ins Weiss auszudünnen beginnt, der Erdschatten aufsteigt hinter mir und die ers-ten Sterne sichtbar werden. Im Lager drüben sehe ich unseren Fahrern beim Gebet zu und höre ihr «Allah il-Allah», höre, wie sie einen Gott anrufen, dessen Namen aus der einen Silbe Lah besteht, derselben, die auch im christlichen Hallelujah, im houloi der Griechen und dem alala der Babylonier steckt: nichts als ein Gestus, der in seiner Einfachheit alles Humane beinhaltet – Gott, der nichts als eine Singsilbe ist, ein vokalisches Apostrophieren dessen, was da ist: dieses grossen Blaus.

Sa, 19.05.07, 17:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Alexandra Kedves
2001

Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen. Ein Brevier

Carl Hanser Verlag, 2001

Aus: Raoul Schrott. Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen. Ein Brevier. Carl Hanser Verlag, 2001

Der Mond steht wieder da, wo ich ihn dir ins Reine des ersten Briefs schrieb. Die matten Bänder des Lichts reichen bis hierher, beinahe wie immer, und im Hochsteigen ändert sich seine Farbe, von einem niederen Gelb zum Weiss. Ich mache für zwei Nächte Zwischenstation in der Schweiz und der ganze Zürcher See liegt vor mir, schwarz wie Molasse, die Wellen, als würden sie von ihrem eigenen Gewicht aufgehalten. Capricornus westlich, über der Linie der Hügel. Und ich denke, jetzt merke ich auch, wann du in deine Maske fällst, in deine Maske aus dem Holz des Maulbeerbaums - wenn du einatmest, die Vokale des ersten Wortes kaum noch hörbar sind und alles, was folgt, diesem Bogen folgt: ein wenig erbittert. Haben Engel einen freien Willen? Denn ihrer ist eine lange Nacht.
Ich werde nicht sagen, was ich gerne sagen möchte, schreibe weiter im Dunkeln, es ist hell genug, um den Schatten der Hand und des Bleistifts auf dem Papier zu sehen, ein seidiges Blau. Und da ist eine Stelle in diesem vollkommen ruhigen Wasser, ein breiter Ring, der sich formt und ausdehnt und den Mond widerspiegelt. Kühe brüllen von da, wo die Bienenstöcke stehen. Ich kaue und spucke, das Wachs auf eine Seite, den Honig auf die andere, bevor es Winter wird. Ich weiss jetzt auch, warum du nie geantwortet hast - weil du dadurch nur noch tiefer in mich einsinkst. Lass dich auf den Nacken küssen und dir eine gute Nacht sagen.


Sa, 26.05.01, 11:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Sibylle Birrer