Catalin Dorian Florescu

Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara (RO). 1982 Flucht nach Zürich, wo er heute noch lebt. Studium der Psychologie und Psychopathologie. Seit 2001 freier Schriftsteller. Diverse Auszeichnungen, u.a. Schweizer Buchpreis 2011 und Josef von Eichendorff-Literaturpreis 2012 für sein Gesamtwerk. (2016)

www.florescu.ch

Werke (Auswahl)

Der Nabel der Welt.
C. H. Beck Verlag, 2017

Der Mann, der das Glück bringt.
C. H. Beck Verlag, 2016

Jacob beschliesst zu lieben.
C. H. Beck Verlag, 2011

Der blinde Masseur.
Pendo Verlag, 2006

Der kurze Weg nach Hause.
Pendo Verlag, 2002

Wunderzeit.
Piper Verlag, 2001

2016

Der Mann, der das Glück bringt

C. H. Beck Verlag, 2016

Florescu erzählt in seinem Roman zwei ineinanderfliessende und auseinanderdriftende Geschichten. Die eine spielt im sozial harten New York, in den Ghettos der Juden, Iren, Italiener, wo ein junger Zeitungsverträger sein Gesangstalent entdeckt. Die andere führt ins Donaudelta, in eine vom Kampf ums Überleben geprägten Welt. Ein ganzes Jahrhundert umfasst der Roman, in dem sich Familiengeschichten mit Zeitchroniken verbinden

Aus: Catalin Dorian Florescu. Der Mann, der das Glück bringt. C. H. Beck Verlag, 2016

Der East River lag in der Morgendämmerung wie ein breiter, bleierner Streifen. Er war geduldig, er wollte dem Menschen nicht ins Handwerk pfuschen. Er würde die Toten des Ghettos an diesem Tag nicht mehr kriegen, dafür aber andere…
Es war nicht der Fluss, der sich zu fügen hatte, da man ausgerechnet hier eine Stadt gebaut hatte, sondern der Mensch. Nur jetzt gönnte er sich eine Pause und schaute unbeteiligt zu, wie die Mannschaft des Dampfschiffes die kleinen weissen Särge an Bord brachte. Sie waren kaum vom Schnee zu unterscheiden, der seit dem letzten Abend gefallen war und nun dick auflag.


Lesung: Catalin Dorian Florescu und Christoph Kuhn, 06.05.2016, SLT

Fr, 06.05.16, 10:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Christoph Kuhn

Sa, 07.05.16, 18:00

Kurzlesung
Aussenbühne Klosterplatz
2011

Jacob beschliesst zu lieben

C. H. Beck Verlag, 2011

Der grossartige Erzähler Florescu spürt in seinem fünften Roman einer Auswanderer-Dynastie nach, die im 18. Jahrhundert aus Lothringen in die Region Banat in Rumänien gezogen ist. Jacob, geboren 1926, sucht, anders als seine männlichen Vorfahren, nach Glück, das nicht auf dem Unglück anderer beruht. Florescu schweift in fulminanten Erzählbögen vom dreissigjährigen Krieg bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts und lässt Jacob am eigenen Leib Welt-, Dorf- und Familiengeschichte erfahren.

Aus: Catalin Dorian Florescu. Jacob beschliesst zu lieben. C. H. Beck Verlag, 2011

In jedem Sturm steckt ein Teufel. In einem sommerlich flüchtigen, wie auch in einem, der sich tagelang schwer aufs Land legt. Er versteckt sich vor Gott. Je ängstlicher er wird, desto kräftiger wirbelt er die Luft und die Erde auf. Doch auch das nützt ihm wenig. Wenn dann der Sturm draussen auf den Feldern jault, wissen die Menschen, dass Gott den Teufel gefunden hat. Hat er Glück, so kann er fliehen. Er tritt aus dem Orkan heraus, der Wind legt sich, und die Wolken lösen sich auf, als ob es sie nie gegeben hätte.
Im Juli 1924 kam mein Vater aus solch einem Gewitter heraus, und er widersprach jenen nie, die meinten, er habe mit dem Teufel paktiert. Nicht, als er Mutter heiratete, nicht, als sie mich bekamen, und auch nicht, als er alles wieder verlor.


Fr, 03.06.11, 13:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Raphael Urweider
2006

Der blinde Masseur

Pendo Verlag, 2006

Aus: Catalin Dorian Florescu. Der blinde Masseur. Pendo Verlag, 2006

Es gab noch ein Körnchen Schönheit. Solange ich das glaubte, war ich sicher. Ich hatte die Grenze vor zehn Minuten überschritten. Der Pope sass neben mir und roch nach Knoblauch. Der Geruch wanderte von seinem Magen hinauf in seinen Rachen, dann in den Mund. Er hüllte uns darin ein, mich, seine Frau, den Jungen, den alten Waldarbeiter und sich selbst, wenn er so weitermachte, würde ich ohnmächtig werden und gegen einen Baum fahren. An Bäumen mangelte es diesen Strassen nicht, an Kreuzen ebenso wenig. Es waren Landbäume, die nach allen Richtungen wuchsen, nur die Landkirchen wuchsen in den Himmel. Sie hatten Rückgrat. Unter den Bäumen standen Kreuze. Jedes Kreuz hatte seine Familie. Sie versammelte sich rundum und flüsterte: Der Ärmste, hier ist es passiert. Dann erzählten sie sich das Leben des Ärmsten. Das waren dann Bäume mit Geschichten. Alle paar Kilometer war das Land mit Toten gespickt, bis die erste Hilfe zu spät kam, lagen sie da und warteten. Vielleicht war das nicht der schlechteste Ausgang, wenn man aus dem Leben wollte. Man lag im Schatten, ein leichter Wind zog vorüber und auch der Teufel, der nachschaute, ob er einen mitnehmen konnte. Der Pope war für eine letzte Ölung gerufen worden, und er hatte gleich die ganze Familie mitgenommen.

Fr, 26.05.06, 15:00

Lesung
Altes Spital, grosser Saal
Moderation: Roland Erne
2000

Wunderzeit

Piper Verlag, 2001

Aus: Catalin Dorian Florescu. Wunderzeit. Piper Verlag, 2001

Das gelbe Zollhaus hat Fenster, und mehrere Türen gehen auf und wieder zu. Vater findet bestimmt einen Ausgang. Den halten sie bestimmt nicht dort drinnen fest. Vater ist grossartig, wenn es darauf ankommt. Und jetzt kommt es darauf an. Jetzt sitzen wir nicht im Kino, wir sitzen in der Realität. So sieht sie also aus, die Realität, und Vater hat einen Pakt mit ihr geschlossen. Nein, er wird es schaffen. Er ist zu schlau für sie. Er brachte uns schliesslich einmal nach Amerika. Er wird es schaffen, und die Geschichte wird gut ausgehen.
Jetzt ist Vater der stärkste Mann der Welt, und wenn ich fest daran denke, ist er unbezwingbar.
Es sind genau zwei Minuten und dreissig Sekunden vorbei, seitdem Vater das Auto verlassen hat. Seit genau einer Minute ist er im Hausinnern verschwunden. Da haben sie ihn bestimmt nicht foltern können, in einer Minute. In einer Minute, da können sie nicht einmal fertig pissen, unsere Jungs. Ich habe einmal die Zeit gestoppt: Hosenschlitz auf, pissen, den Willi schütteln, Hosenschlitz zu. Knapp eine Minute. Zuschlagen liegt da nicht drin.
Wir sind am Ende unseres Vaterlandes. Wie alle Dinge hat auch es ein Ende. Man kann ihm das Ende früher oder später setzen.
„Früher oder später, da werde ich wahnsinnig“, sagte Mutter.
„Früher oder später, da schlage ich zu“, sagte Vater.
„Früher oder später, da verlasse ich dich.“
„Früher oder später, da verlassen wir dieses Irrenhaus. Wir setzen dem Ganzen ein Ende.“
Wir wählten Früher.


Fr, 02.06.00, 11:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Sibylle Birrer