Alex Capus

Geboren 1961 in der Normandie, lebt heute in Olten. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Erzählband, dem seither vierzehn weitere Bücher mit Kurzgeschichten, Romanen und Reportagen gefolgt sind. (2017)

alexcapus.de

Werke (Auswahl)

Das Leben ist gut.
Carl Hanser Verlag, 2016

Seiltänzer.
Hanser Verlag, 2015

Mein Nachbar Urs. Geschichten aus der Kleinstadt.
Hanser Verlag, 2014

Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer.
Hanser Verlag, 2013

Léon und Louise.
Carl Hanser Verlag, 2011

Eine Frage der Zeit.
Knaus Verlag, 2007

Mein Studium ferner Welten.
Residenz Verlag, 2001

2017

Das Leben ist gut

Carl Hanser Verlag, 2016

Der Barbetreiber Max findet sein Leben gut, so wie es ist. Richtig bewusst wird ihm das einmal mehr, als seine Frau Tina zum ersten Mal in ihrer 25-­jährigen Ehe beruflich ohne ihn unterwegs ist. In seinem humorvoll und elegant geschriebenen Roman verteidigt Alex Capus mit scharfem, aber versöhnlichem Blick die kleinen Gesten des unspektakulären Alltags. Ein Plädoyer für die Einfachheit des Schönen.

Aus: Alex Capus. Das Leben ist gut. Carl Hanser Verlag, 2016

Frühmorgens ist es angenehm kühl und still in der Bar. Ich liebe den Augenblick, in dem ich den Schlüssel drehe, die Tür aufstosse und dieser freundliche, vertraute Ort sich mir öffnet, der in der Nacht ein paar Stunden ruhen konnte. Das Eichenparkett glänzt im Dämmerlicht und duftet nach Wachs. Der Billardtisch schaut mich erwartungsvoll an, der blankpolierte Tresen lächelt. In der Ecke rumpelt die Eismaschine, die Kaffeemaschine schläft noch, im Keller brummen die Kühlaggregate. Die Toiletten sind gereinigt, die Seifenspender und Handtuchhalter aufgefüllt, überall duftet es nach Putzmitteln.

Lesung: Alex Capus und Reina Gehrig, 28.05.2017, SLT

Fr, 26.05.17, 13:00

SRF Live Sendung
Tagesgespräch
Cantina del Vino

So, 28.05.17, 18:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Reina Gehrig
2011

Léon und Louise

Carl Hanser Verlag, 2011

In seinem neuesten Roman erzählt Alex Capus die berührende Geschichte von Léon und Louise, die sich als Jugendliche in den Wirren des 1. Weltkrieges kennenlernen, vom Schicksal aber immer wieder auseinandergetrieben werden und trotzdem, gegen alle Konventionen, bis ins hohe Alter an ihrer Liebe festhalten. Es ist das persönlichste Buch von Alex Capus. Léon trage viele Züge von seinem französischen Grossvater, sagt er; so habe zum Beispiel auch dieser als Polizeichemiker in Paris gearbeitet; und in der Familie sei immer von einer heimlichen Geliebten gemunkelt worden.

Aus: Alex Capus. Léon und Louise. Carl Hanser Verlag, 2011

«Und du? Stehst dir hier jeden Abend die Beine in den Bauch?»
Oh, dachte Léon. Sie weiss also, dass ich hier jeden Abend rumstehe. Oh, oh. Das bedeutet doch wohl, dass sie meine Existenz bereits zur Kenntnis genommen hat, und zwar verschiedentlich. Oh, oh, oh. Und jetzt kommt sie her und tut, als ob sie mich nicht wiedererkennen würde. Oh, oh, oh, oh.
«So ist es, Mademoiselle. Sie finden mich hier, wann immer Sie wollen.»
«Wieso?»
«Weil ich nicht weiss, wo ich mir sonst die Beine in den Bauch stehen soll.»
«Ein grosser Bursche wie du? Sonderbar», sagte sie und wandte sich zum Gehen. «Ich habe immer gedacht, Eisenbahner seien regsame Leute, vielleicht sogar mit Fernweh. Da habe ich mich wohl getäuscht.»


Lesung: Alex Capus, 04.06.2011, SLT

Sa, 04.06.11, 20:30

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Luzia Stettler
2007

Eine Frage der Zeit

Knaus Verlag, 2007

Aus: Alex Capus. Eine Frage der Zeit. Knaus Verlag, 2007

Es ist ja nicht so, dass der Mensch sich in jedem Augenblick seines Lebens darüber Rechenschaft gibt, wie wichtig oder belanglos die Dinge sind, die er so treibt, während die Zeit vergeht. Jeder rührt seinen Teig, schleppt seinen Stein, striegelt sein Pferd. Man hat Zahnschmerzen und macht Pläne, isst Suppe und geht sonntags spazieren; und ehe man es sich versieht, ist eine Pyramide gebaut, eine Millionenstadt mit Brot versorgt, ein Zarenreich gestürzt. Grosse Taten, unsterbliche Werke – die vollbringt man nicht im Vollgefühl ihrer Bedeutsamkeit; man mag sich nicht unablässig selbst befragen. Sonntags vielleicht, und an Silvester. Aber doch nicht bei der Arbeit. Schiffbaumeister Anton Rüter zerbrach sich gewiss nicht den Kopf über die historische Bedeutsamkeit des Augenblicks, als ihn die Fabriksirene der Papenburger Meyer Werft am 20. November 1913 kurz nach halb elf Uhr zur Schiffstaufe rief. Eine Pause war eine Pause. Es würde Ansprachen und Branntwein für alle geben, und dann Tabak in jenen langen, holländischen Tonpfeifen, die die Werft für solche Anlässe kistenweise auf Lager hielt. Er durchmass mit sparsamen Schritten den Maschinenraum des nagelneuen Schiffes, schob vorsichtig am Dampfregler und lauschte dem Stampfen der Kolben, dem Summen der Räder und dem Zischen der Ventile.

So, 20.05.07, 14:30

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Wolfgang Bortlik
2001

Mein Studium ferner Welten

Residenz Verlag, 2001

Aus: Alex Capus. Mein Studium ferner Welten. Residenz Verlag, 2001

»Eher gehe ich auf den Strich, als daß ich hierher ziehe«, sagte die Mutter.
»Ich weiß, was du meinst«, sagte der Vater. »Aber das Haus ist in Ordnung.«
»Das Haus ist zum Kotzen.« Die Mutter spuckte ihre Worte aus wie Olivenkerne. »Das Haus ist ein Schluck abgestandenen Tees. Es ist die Rückseite eines Radios. Es riecht nach dem Atem einer Kuh. Es sieht aus wie ein …«
»Es hat sechs Zimmer, einen großen Keller und zwei Badezimmer« sagte der Vater. »Doppelt soviel Raum, wie wir jetzt haben. Du bekommst ein Zimmer für
dein Klavier, und falls doch noch ein Kind kommt …«
»Das Haus hat ein schmiedeeisernes Schnörkelgitter vor dem Klofenster, um
Himmels Willen!«
»Ich schraub’s ab, bevor wir einziehen. Du wirst es nie wieder sehen, das verspreche ich dir.«
»Und das ägyptische Mosaik an der rückwärtigen Faßade?«
»Das meißle ich weg. Dauert keine zwanzig Minuten.«
»Was stellt das verdammte Mosaik eigentlich dar? Kleopatra oder Nofretete, oder eine andere von diesen antiken Schlampen?«
»Susanne, bitte.«
»Und die Blautanne im Vorgarten, meißelst du die bitte auch weg, wo du
schon dabei bist? Und die Sitzbank aus Granit, und die römischen Terrakotta-Dachziegel, und die Tessiner Grotto-Gemütlichkeit im Wohnzimmer?«


Sa, 26.05.01, 09:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Martin Wyss