Alain Claude Sulzer

Geboren 1953, lebt in Basel. (2011)

www.alainclaudesulzer.ch

Werke (Auswahl)

Die Jugend ist ein fremdes Land.
Verlag Galiani Berlin, 2017

Zur falschen Zeit.
2010

Ein perfekter Kellner.
2004

Urmein.
Klett-Cotta Verlag, 1998

Bergelson.
1985

2011

Zur falschen Zeit

2010

Immer wieder schreibt Alain Claude Sulzer eindringlich über Menschen, die an den Konventionen ihrer Zeit zerbrechen: Im preisgekrönten Roman «Ein perfekter Kellner» erzählte er zum Beispiel vom Elsässer Etienne, der in den 30er-Jahren im Hotel Giessbach am Brienzersee arbeitet und sich hoffnungslos in einen Kollegen verliebt. Und auch sein jüngstes Werk «Zur falschen Zeit» zeigt einen Mann, der nicht der Stimme seines Herzens folgen konnte und deshalb den Freitod wählte. Erst Jahre später entdeckt der Sohn das tragische Geheimnis des Vaters.

Aus: Alain Claude Sulzer. Zur falschen Zeit. 2010

Mein Vater starb nur wenige Wochen nach meiner Geburt. Mir blieb nichts als ein Foto. Es gehörte zur Einrichtung wie das Bett und der Tisch, wie Schongauers Maria im Rosenhag, die Gardinen und der Schrank, Dinge, mit denen meine Mutter schon vor Jahren mein Zimmer ausgestattet hatte. Obwohl das gerahmte Porträt meines Vaters schon immer Teil der Einrichtung gewesen war, hatte ich ihm lange keine besondere Aufmerksamkeit mehr geschenkt, bis ich eines Nachmittags während der Herbstferien vor dem Bücherregal stehenblieb und es, zum ersten Mal seit langer Zeit, genauer betrachtete.

Lesung: Alain Claude Sulzer, 03.06.2011, SLT

Fr, 03.06.11, 10:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Urs Schaub
2005

Ein perfekter Kellner

2004

Aus: Alain Claude Sulzer. Ein perfekter Kellner. 2004

Jakob betrachtete ihn ungeniert, vielleicht hatte er ihn durchschaut. Hatte er ihn tatsächlich durchschaut? Über alles, fast alles, hatten sie später geredet, aber darüber nicht, es gab auch Dinge, über die man nicht sprach, und je länger sie sich kannten, desto zahlreicher wurden die Dinge, über die sie nicht mehr sprachen. In diesem Augenblick schwor sich Erneste, dem jungen Mann zu helfen, ihm wie einem Bruder beizustehen, ihm aus jeder Verlegenheit zu helfen, alles Übel von ihm abzuwenden, ihn selbst dann vor dem Tode zu bewahren, und wenn die Verteidigung den eigenen Tod bedeutete. Die Dinge, die Erneste in diesem Augenblick durch den Kopf gingen, hatten so viel Gewicht gehabt, dass sie noch dreissig Jahre später ganz gegenwärtig waren. Jakob erschien ihm als der Sohn, den er nie haben würde, als der verständnisvolle Bruder, den er nie gehabt hatte, als Vater und Mutter, die er sich gewünscht hätte, und ebenso als tausend andere Dinge, die er sich gar nicht eingestehen konnte.

Fr, 06.05.05, 15:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Sabine Graf
1999

Urmein

Klett-Cotta Verlag, 1998

Aus: Alain Claude Sulzer. Urmein. Klett-Cotta Verlag, 1998

Den Bewohnern des Schlosses, die sich im Lauf der vergangenen Jahre an einen verhaltenen, fast zögerlichen Gang der Dinge im Rahmen einer eilig vergehenden Zeit gewöhnt hatten, mochte es scheinen, als überstürzten sich die Ereignisse, was sicher auch daran lag, dass sie dazu verurteilt waren, Zuschauer zu bleiben; ihre Stimmen trugen nicht weit genug, um über einen kleinen Radius hinaus gehört zu werden.

Sa, 15.05.99, 11:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Irene Weber Henking
1987

Bergelson

1985

Aus: Alain Claude Sulzer. Bergelson. 1985

Die Seele sitzt nicht hinter der Stirn, nicht unter der Zunge oder in den Gedärmen, auch nicht im Geschlechtsteil, wie einige glauben oder zu glauben vorgeben, weil der Teufel sie reitet, nicht im Herzen, auch dort nicht, nein, unter der haut über den Knochen. Das war es, wonach ich jahrelang gesucht hatte, während ich nach draussen horchte auf die Geräusche, nach innen ins Zimmer, in mich, in die Violine, während ich das Essen kalt werden liess, das meine Mutter hineingetragen hatte, sie ging auf Zehenspitzen. Ich habe sie nie anders als in Schwarz gesehen, mit schwarzen, dicken Wollstrümpfen und einem schwarzen Kopftuch ich sehe ihre Haare nicht, ich kann mich an ihre Haarfarbe nicht erinnern.

Fr, 29.05.87, 16:00

Lesung
Kreuzsaal