Adelheid Duvanel

1936-1996. Geboren in Basel, Kindheit und Jugend in Pratteln und Liestal. Besuch der Kunstgewerbeschule, Lehre als Textilzeichnerin, verschiedene Bürostellen, Journalistin, lebte als freie Schriftstellerin in Basel.
Verstorben vom 7. auf 8. Juli 1996. (1997)

Werke (Auswahl)

Die Brieffreundin.
Luchterhand Literaturverlag, 1995

Anna und ich.
Luchterhand Literaturverlag, 1985

Windgeschichten.
Luchterhand Literaturverlag, 1980

1996

Aus: Selbdritt

Luchterhand Literaturverlag, 1995

Aus: Adelheid Duvanel. Die Brieffreundin. Luchterhand Literaturverlag, 1995

Einmal habe ich durchs geöffnete Fenster meiner Kammer den echten Winter angeschaut, der nur einen Tag und eine Nacht dauerte. Das Rosalicht auf dem Himmel und auf dem Schnee, die stillen Fenster. Was wie ein Stern aussieht, ist ein Licht am Ende des hohen Kamins der Kehrichtverbrennungsanstalt.
Es lebt ein junger Mann in meiner Wohnung, der ab und zu sagt: «Es ist alles ein bisschen wirr.» Manchmal, wenn er zur Tür hereintritt, bemerkt er: «Ich dachte, du bist schon am Kochen, hausfraulich.» Das gab es noch nie, dass ein Satz zu Ende gesprochen wurde. Auch der Anfang eines Satzes ist noch nie gefunden worden. Es gibt Wörter die verschieben einen Satz nur ein wenig ins Dunkle oder Helle, ins Leise oder Laute. Jana merkt sich früh, welche ihrer Eigenschaften die Erwachsenen erfreulich finden, doch schmerzlich sind die Erfahrungen, die sie macht, wenn sie die Leute zum Lachen bringen will. Manchmal wird Jana für das Aussprechen eines Satzes gelobt, wir sind belustigt, doch der gleiche Satz erregt an einem andern Tag Unwillen und wir schimpfen sie dafür aus. Der junge Mann, den Jana viele Tage nicht gesehen hat, steigt ins Tram, wo Jana mit ihrer Schulmappe auf dem Schoss sitzt und sagt: «Ich gratuliere dir zum Geburtstag.»


Sa, 18.05.96, 11:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Friederike Kretzen
de/en
1987

Anna und ich

Luchterhand Literaturverlag, 1985

Aus: Adelheid Duvanel. Anna und ich. Luchterhand Literaturverlag, 1985

Die Bäume
„Vielleicht hilft es, wenn man an einem Apfel riecht“, sagt Manfred, der Porträtzeichner, mit seiner atemlosen Stimme, trat an einen Schaft, auf dem zwei rote Äpfel lagen, und drückte die Nase in die Mulde des kleineren, wo sich die Fliege befand. Es war ein unvergleichlicher Duft. Die Äpfel lagen schon seit einigen Monaten dort; sie waren das Geschenk einer Dame, die Manfred nicht unbekannt war; sie hatte sie ihm auf einem Bahnhof überreicht. „Mein Ureigenstes ist meine Schrift“, sagte Manfred dann, sich umwendend, zu mir. „Ich habe noch nie eine ähnliche Schrift gesehen. „ Manfreds Zimmer war fünf Schritte lang und drei Schritte schmal, aber das Fenster fing sogar einen Teil des Himmels ein. „Bäume sind keine leichtsinnigen Gesellen“, behauptete Manfred, „ ihr Blickwinkel ist gross, und doch verharren sie während Jahrhunderten an derselben Stelle, „ Ich warf zum zweitenmal einen schrägen Blick auf den Stuhl neben seinem Bett: Pillenschachteln in vielen Farben türmten sich dort; ihre Namen schienen verschlüsselte Botschaften zu sein. “Schluckst du die alle?“ frage ich wie beiläufig und betrachtete eine wirre Zeichnung auf grauem Papier an der Wand. „Der Arzt hat sie mir verschrieben“, antwortete Manfred leicht gekränkt, „ ohne Medikamente halte ich die Folge der Tage nicht aus; die immer gleichen Einkäufe, die Helligkeit, die Dunkelheit, die Telefonanrufe.“ „Komm, wir gehen zu den Bäumen, sagte ich. Wir zogen unsere Mäntel an. „Hinter meinem Haus sind die Bäume ab, aber vor dem Haus sind die Gassen. Strassen und Plätze und die wichtigen Gebäude“, erklärte Manfred; er öffnete und schloss die hintere Haustür. Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln. Die Bäume verhielten wie immer den Schritt; ihr Schlaf war tief, doch, wie Manfred sagte, hörten und sahen sie alles. Ich bin die Figur, die Manfred sich vorstellte; ich existiere gar nicht.


Sa, 30.05.87, 10:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
1985

Anna und ich

Luchterhand Literaturverlag, 1985

Aus: Adelheid Duvanel. Anna und ich. Luchterhand Literaturverlag, 1985

Die Bäume
„Vielleicht hilft es, wenn man an einem Apfel riecht“, sagt Manfred, der Porträtzeichner, mit seiner atemlosen Stimme, trat an einen Schaft, auf dem zwei rote Äpfel lagen, und drückte die Nase in die Mulde des kleineren, wo sich die Fliege befand. Es war ein unvergleichlicher Duft. Die Äpfel lagen schon seit einigen Monaten dort; sie waren das Geschenk einer Dame, die Manfred nicht unbekannt war; sie hatte sie ihm auf einem Bahnhof überreicht. „Mein Ureigenstes ist meine Schrift“, sagte Manfred dann, sich umwendend, zu mir. „Ich habe noch nie eine ähnliche Schrift gesehen. „ Manfreds Zimmer war fünf Schritte lang und drei Schritte schmal, aber das Fenster fing sogar einen Teil des Himmels ein. „Bäume sind keine leichtsinnigen Gesellen“, behauptete Manfred, „ ihr Blickwinkel ist gross, und doch verharren sie während Jahrhunderten an derselben Stelle, „ Ich warf zum zweitenmal einen schrägen Blick auf den Stuhl neben seinem Bett: Pillenschachteln in vielen Farben türmten sich dort; ihre Namen schienen verschlüsselte Botschaften zu sein. “Schluckst du die alle?“ frage ich wie beiläufig und betrachtete eine wirre Zeichnung auf grauem Papier an der Wand. „Der Arzt hat sie mir verschrieben“, antwortete Manfred leicht gekränkt, „ ohne Medikamente halte ich die Folge der Tage nicht aus; die immer gleichen Einkäufe, die Helligkeit, die Dunkelheit, die Telefonanrufe.“ „Komm, wir gehen zu den Bäumen, sagte ich. Wir zogen unsere Mäntel an. „Hinter meinem Haus sind die Bäume ab, aber vor dem Haus sind die Gassen. Strassen und Plätze und die wichtigen Gebäude“, erklärte Manfred; er öffnete und schloss die hintere Haustür. Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln. Die Bäume verhielten wie immer den Schritt; ihr Schlaf war tief, doch, wie Manfred sagte, hörten und sahen sie alles. Ich bin die Figur, die Manfred sich vorstellte; ich existiere gar nicht.


So, 19.05.85, 14:00

Lesung
Landhaus-Bar
1980

Windgeschichten

Luchterhand Literaturverlag, 1980

Fr, 16.05.80, 14:00

Lesung
Kreuzsaal