Yusuf Yeşilöz

Geboren 1964 in der kurdischen Region der Türkei, lebt in Winterthur. (1998)

www.yesiloz.ch

Oeuvres (Selection)

Lied aus der Ferne.
Limmat Verlag, 2007

Der Gast aus dem Ofenrohr.
Rotpunkt Verlag, 2002

Reise in die Abenddämmerung.
Rotpunkt Verlag, 1998

2007

Lied aus der Ferne

Limmat Verlag, 2007

De: Yusuf Yeşilöz. Lied aus der Ferne. Limmat Verlag, 2007

Rahel Huber hatte ihren Mann mehrmals gefragt, was er alles über den Fall wisse. Jedes Mal hatte er ihr erzählt, er wisse nicht viel; aber immer wieder kamen, in Bruchstücken, neue Informationen hervor. Nach dem Telefon mit Schenker entschied sie sich aber doch, Baran zu helfen, bevor er irgendwohin fliegen oder von Schenker verhaftet würde, weil die Polizei ihn aufgrund seiner plötzlichen Abreise verdächtigte. Heute Morgen hatte sie ins Telefon geschrien, er, der sie im Stich lasse, solle zur Hölle fahren, sie habe genug von seiner Geheimnistuerei, die das Familienleben belaste. Er hatte nicht reagiert. Sie erinnerte sich daran, dass sie in ihrer langjährigen Ehe mit Baran diesen Satz bereits einmal gesagt hatte. Es war vor einigen Jahren, Baran war nach Hause gekommen und hatte ihr mit Freude erzählt, dass er für sie eine grosse Überraschung habe. Er war zusammen mit ihr auf dem Fahrrad in eine Autogarage gefahren und vor einem knallgrünen alten Ford Capri stehen geblieben. Er habe dieses Auto gekauft, er wolle es einige Zeit fahren und dann wieder verkaufen. Als er ein Knabe gewesen sei, in den siebziger Jahren, seien seine Nachbarn mit solchen Autos von Deutschland ins Dorf gefahren und alle hätten Ausschau nach diesen Wagen gehalten, als wäre der Prophet Mohammed persönlich ins Dorf gefahren. Rahel Huber, die damals aus Prinzip und um die Umwelt zu schonen, kein Auto fuhr, beschimpfte ihren Mann und sagte ihm, er solle zur Hölle fahren, falls er den Verkauf nicht rückgängig mache.

Ve, 18.05.07, 11:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Modération: Daniel Zahno
2002

Der Gast aus dem Ofenrohr

Rotpunkt Verlag, 2002

De: Yusuf Yeşilöz. Der Gast aus dem Ofenrohr. Rotpunkt Verlag, 2002

Salihs ungewaschene Teller und ein Pfän-n-chen standen im Spülbecken. Teebeutel lagen im Glaskrug, schon halb angetrocknet. Er teilte die grosse, nach Peperoni duftende Pizza in zwei Teile und gab mir meinen auf den Teller, den er gerade gewaschen und mit einem Tuch, das hinter der Tür über dem Anzug hing, abgetrocknet hatte. Er nahm die andere Hälfte auf seinen Teller. Zu Hause assen wir alle aus einer Schüssel, egal wie viele Personen am Bodentisch sassen, und bei Salihs Familie war es genauso.
Ich musste mich umgewöhnen.
Nachdem unser Dorf an das Stromnetz angeschlossen worden war und ohne Ausnahme jede Familie einen Fernseher gekauft hatte, fragte meine Mutter einmal, als wir alle mit grossem Interesse einen amerikanischen Film anschauten, ob alle jene sechs Personen im Film, drei Frauen und drei Männer, Tuberkulose hätten, weil jede aus einem eigenen Teller esse. Bei uns zu Hause benützt man eigene Teller, um ansteckende Krankheiten zu isolieren, was den Kranken oft schwerer trifft als die Krankheit selber, aber das ist eine andere Geschichte.


Ve, 10.05.02, 15:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Modération: Bettina Spoerri
1998

Aus: Die Schafe der Mutter waren wichtiger, Manuskript

Rotpunkt Verlag, 1998

De: Yusuf Yeşilöz. Reise in die Abenddämmerung. Rotpunkt Verlag, 1998

Im Frühling wurden auch die Fliegenden Händler erwartet. Wir sammelten kleine Maikäfer und vergruben sie, denn wir glaubten, dass Maikäfer unterirdisch die Fliegenden Händler benachrichtigen, dass wir Kinder Wolle hätten. Derjenige von uns, der die freudige Botschaft von der Ankunft des ersten Fliegenden Händlers mitteilte, wurde reichlich belohnt; jeder gab ihm die Hälfte der Ware, die er beim Fliegenden Händler eingekauft hatte. Wir hatten schon den ganzen Winter über jeden Tag im Stall die den Schafen ausgefallenen Wollfetzen gesammelt und für die im Frühling erwarteten Fliegenden Händler aufbewahrt. Manche von uns hatten einen grossen Sack voll. Wir versteckten diese Wolle vor den Erwachsenen und nahmen jedes Mal, wenn ein Fliegender Händler kam, etwas davon heraus. Einige Frauen halfen uns dabei, was die Mütter aber gar nicht schätzten, weil sie die Wollfetzen mit Schafsmist vermischen und als Brennstoff verwenden wollten. Wir kauften mit unserer Wolle Lokum und Biskuvi und, wenn wir viel bekommen hatten, bekamen die Erwachsenen auch etwas ab. Der Wechselkurs schwankte stark von einem Fliegenden Händler zum nächsten. Ein Fliegender Händler, der in unseren Augen allzu knauserig war, wurde leicht das Opfer von Diebstählen...

Ve, 22.05.98, 14:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Modération: Christine Tresch