Margrit Baur

geboren 1937, lebt in Zürich (1993)

Oeuvres (Selection)

Alle Herrlichkeit.
Suhrkamp Verlag, 1993

Geschichtenflucht.
1988

Überleben: Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage.
1981

1993

Alle Herrlichkeit

Suhrkamp Verlag, 1993

De: Margrit Baur. Alle Herrlichkeit. Suhrkamp Verlag, 1993

Sie massiert sich den Nacken, sie summt. Wo Berge sich erheben? - wo kommt ihr das her. Sie schwindelt sich ins Moll der Grenadiere hinüber, zu schwierig, merkt sie, sie summt falsch. Der Abend vorrückend, die Wassertemperatur fallend. Der Tee ist auch nicht mehr heiss. Was die Frau angeht, die aus der Wanne steigt, so mag sie zwar etwas verdreht sein, doch zu sehen ist davon nichts. Dass der Akt im Spiegel sie lachen macht, liegt an der Beleuchtung: eine Nacktheit so rosig, als sei sie von Rubens gemalt. Nur macht eben die Fleischfarbe noch nicht das Fleisch, kein Mensch würde sie suchen unter so einer Haut, auf pralles Leben geschminkt, ausgerechnet Rubens, eher schon würde Schiele für sie zuständig sein.
Spielt sie fishing for compliments mit sich selbst? Übertreibt, um sich damit zu trösten, dass es so schlimm noch nicht ist. Schiele kann warten, mit der Auflösung hat es Zeit.
Und die Haare im Waschbecken? Dauernd verliert sie Haare, eines Tages wird sie keine Haare mehr haben. Was man sich alles gefallen lassen muss. Rost auf den Händen, über den Lippen Geknitter, die Halslinie verdorben, überall Abstriche, Kürzungen, Abschiede vorweg. Jeden Tag einen Mundvoll Tod, warum kann man nicht unversehrt sterben. Und immer die Beschwichtigungen, Abwiegelei, Pastorentrost: Alles ist eitel. Als ob das ein Satz zum Leben wäre und nicht vielmehr zum sterben.


Ve, 21.05.93, 20:30

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Modération: Dominik Müller
1988

Geschichtenflucht

1988

De: Margrit Baur. Geschichtenflucht. 1988

Der Wecker. Summt, piepst, wimmert, schreit. Hört nicht auf, nicht von selbst.
Die Füsse auf den Boden, weiter, weiter, der Schrank ist rechts. Hat ihn schon, tastet die obere Kante entlang, packt zu. So. Ausgeschrien.
Dass Tage so anfangen müssen, mit dieser Barbarei. Geschnarcht hat er auch, er hat es noch im Ohr: eine zweite Stimme zum Wecker, abgewürgt zuerst.
Der Schalter für das Deckenlicht ist neben der Tür. Es kann nur zwei Schritte sein. Drei. Aber jetzt muss er die Augen zukneifen, das Licht ist wie der Wecker, niederträchtig, ein Schock.
Dass Tage so anfangen. Er hat schon fast keine Taschentücher mehr. Und einen Kopf unter den Hahn damit, das hilft. Muss helfen, doch, die Übung kann er nicht schwänzen. Die Hydraulik für morgen schreibt er einem ab, nur wem. Wird er sich überlegen, wenn er wach ist und anständig denken kann. So wie er aus sieht - Nur gut, dass über dem Spiegel kein Licht ist. So ein Gesicht, und beleuchtet, das fehlte noch.


Di, 15.05.88, 11:00

Lesung
Landhaus, Gemeinderatssaal
1982

Überleben: Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage

1981

Di, 23.05.82, 09:30

Lesung
Landhaus, Säulenhalle