Christoph Simon

Geboren 1972, lebt in Bern.
(2005)

Werke (Auswahl)

Vocation : promeneur.
Editions Zoé, 2016

Planet Obrist.
Bilger Verlag, 2005

2006

Planet Obrist

Bilger Verlag, 2005

Aus: Christoph Simon. Planet Obrist. Bilger Verlag, 2005

Völkerkunde Schweiz: Schweizerinnen und Schweizer gehen auch dann spazieren, wenn es regnet. Sie schließen die Kühlschranktür und drücken eine Sekunde lang nach, obwohl das überhaupt nicht nötig wäre. Säubern Gebäude und Mauern von Graffiti, um Platz für neue Werke zu schaffen. Schauen konzentriert durch das Fenster des Intercity in die fliehende Landschaft. Empfinden jede Ungesetzlichkeit als abscheulich, hassen es jedoch, eine Grenze zu überschreiten, ohne eine Kleinigkeit zu schmuggeln. Sind überzeugt, das Ausland habe seinen Blick ständig auf die Schweiz gerichtet, bei der geringsten Krise schreiben die Zeitungen: «Das Ausland beobachtet uns.» Schweizerinnen und Schweizer sind es gewöhnt, «wir» zu sagen, wenn sie fünf Jahre Leid und Freud miteinander geteilt haben. Das Ich-kann-nicht-klagen ist so schweizerisch wie das Villigerrad mit Kindersitz vor dem Naturhistorischen Museum. Schweizer, die bloß zum Arbeiten da sind, nennt man Ausländer. Der Schweizer macht bei Wahlen und Abstimmungen mit, weil’s nichts kostet, die Schweizerin, weil ihr gerade nichts besonders wehtut. Sie stirbt mit achtzig, er mit dreiundsiebzig. Bei Olympischen Spielen schlagen barfüßige Schweizer all ihre Konkurrenten, die in kostspieliger Sportausrüstung laufen. Ist der Sonntag vorbei und die Hälfte vom August, essen sie wieder in den Häusern. Die Schweiz gehört zu Asien. In der Mongolei mit den Wirtschaftsschwerpunkten Landwirtschaft und sanfter Tourismus sehen manche so etwas wie einen grossen Bruder.

Sa, 27.05.06, 10:00

Lesung
Altes Spital, kleiner Saal
Moderation: Wolfgang Bortlik