Nell Zink

Vor kurzem las ich hintereinander drei literarische Neuerscheinungen, zwei Romane auf Englisch und einen auf Deutsch. Davon werde ich jetzt künstlerisch erzählen, weil das mein Beruf ist.

Der erste war aus Irland, von der gefeierten jungen Schriftstellerin Sally Rooney, und trägt den Titel Normal People. Normale Leute. Er handelt von einer reichen, akademisch hochbegabten Schönheit, die gerne einfach nur normal wäre. Ihr emotionales Leben ist durch einen dominanten älteren Bruder geprägt, der sie obsessiv verfolgt, dauernd wüst beleidigt und—als beide längst erwachsen sind—noch schlägt. Sie fühlt sich nur dann wohl, wenn der Sohn der Putzfrau sie vögelt, was er aber nur heimlich tut, weil ihm das Verhältnis so peinlich ist. Als er einmal für ein Paar Monate wegfährt, wechselt sie zu einem bekennenden Sadisten. Im Lauf der Geschichte sieht sie ein, dass es schöner ist, emotional als körperlich ausgenutzt zu werden. So gesteht sie dem Putzfrausohn auf den letzten Seiten ihre ewige Liebe: «Ich musste mit dir keine Spiele spielen ... Es war real. Mit Jamie»—dem Sadisten—«spiele ich bloss eine Rolle. Ich tue nur so, als wenn ich in seiner Macht wäre. Mit dir hatte ich dieses Gefühl wirklich.» Daraufhin verläßt er sie. «Ich werde hier sein», ruft sie ihm noch hinterher, und das Buch ist vorbei.

Direkt im Anschluss las ich vom Syrer Khaled Khalifa Death is Hard Work. Im deutschen heißt es Der Tod ist ein mühseliges Geschäft. Der Autor, in meinem Alter, lebt in Damaskus. Das Buch erschien 2016 auf Arabisch im Libanon. Es erzählt von der tagelangen Irrfahrt dreier Geschwister durch Bürgerkriegsgebiet mit dem Leichnam ihres Vaters, der sich wünschte, im Heimatdorf neben seiner Schwester begraben zu werden. Die Schwester ist eine lokale Legende, denn während ihrer Hochzeit vor fünfzig Jahren ging sie aufs Dach, tränkte ihr Kleid in Benzin, nahm ein Streichholz und so weiter. Im Vergleich zu dieser Skizze der toten Tante Laila ist die Oper Lucia di Lammermoor ein Lustspiel mit Happy End. Sie nimmt im Roman kaum Platz ein, aber ihr Grab spielt eine zentrale Rolle als unerreichbares Ziel. Eine andere weibliche Randfigur—eine unantastbare Traumfrau—vergleicht der Autor mit einem Engel: «Sie war geschaffen, um zu geben, ohne etwas zu erwarten.» Das Ewig-Weibliche zieht uns eben hinan.

Die Schwester des Protagonisten sitzt auch mit im Transporter. Sie wird vorgestellt in einer Art Kurzfassung von Normal People: «Er rüffelte Fatima, sie solle den Mund halten, obwohl sie gar nichts gesagt hatte. Ihr Schluchzen wurde daraufhin noch lauter. Seit ihrer Kindheit kommandierte Hussain seine Schwester gern herum, und sie gehorchte ihm ohne Widerrede. Die Wünsche ihres Bruders zu erfüllen gab ihr das Gefühl, die Welt sei noch in Ordnung.»

Es hat mich etwas frustriert, die Hauptfigur von Sally Rooney als Randnotiz bei Khaled Khalifa wiederzufinden! Bei Khalifa ein stummes Häufchen Elend am Rande, bei Rooney die Protagonistin. Bei Khalifa geht es hauptthematisch um seelenzermalmenden staatlichen Terror, bei Rooney um die Unterwürfigkeit einer Frau und die Schuldzuweisung dafür an die Familie.

Man könnte einwenden, dass Sally Rooney einer jungen Frau, die von ihrem Bruder mißhandelt wird, eine Stimme verleiht, eine gebildete und sprachgewandte noch dazu. Aber wird eine Romanfigur allein durch ein nach außen gekehrtes Innenleben signifikant? Und außerdem, kennen Sie wirklich irgendwelche stummen Opfer? Ich meine damit nicht die Opfer ferner Konflikte, denen es nicht gelingt, Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich meine aus eigener Erfahrung, die in Hörweite. Als Kinder lernen wir zuerst schreien, dann quängeln, dann klagen, schließlich anklagen. Bald nennen wir den Unterdrücker bewusst «Mama», dann «Schule» und irgendwann «das System». Anstatt schön stumm zu schweigen, erheben wir eine irregeleitete Stimme, die Mißverständnisse verbreitet.

Was bringen uns die intimsten Geheimnisse—auch die ehrlichsten—von einer solchen Stimme? Statt die Menschen auf links zu drehen, sollten wir nicht lieber in die Intimsphäre der Macht eindringen? Wir können ihre ungeschriebenen Gesetze benennen, ihnen Identitäten geben und sprechen lassen. Wenn Wissenschaftler das dürfen, mit ihren gedichteten Begriffen wie «Kapitalismus» und «Evolution», dürfen wir das in der Belletristik erst recht.

Nach Khalifa las ich Blauwal der Erinnerung, von Tanja Maljartschuk, ursprünglich 2016 auf ukrainisch veröffentlicht. Den Namen haben Sie vielleicht schon mal gehört: Maljartschuk hat als Nichtmuttersprachlerin 2018 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Hier gibt es zwar die obligatorische depressive Ich-Erzählerin, aber sie schweigt nicht nur. Sie schreibt nebenbei selbst einen Roman. Ihre Hauptfigur ist schon lange tot. Sie kennt ihn nur aus Texten. Gesprochene Dialoge finden in dem Buch wenig statt. Wir lernen alle Protagonisten vor allem aus dem Geschriebenen kennen, und in dieser Stille wird die Geschichte des ukrainischem Nationalismus lebendig.

Der Nationalismus ist ein wichtiges Thema, über das man länger nachdenken darf. Ohne Nationalismus wären wir nicht, wo wir sind. Mit der Literatur führt er seit Jahrhunderten eine Symbiose. Die standartisierten Schriftsprachen der Deutschen oder Franzosen sind ein Grundpfeiler der Demokratie. Kein Aristokrat soll mehr auf einer Fremdsprache über uns bestimmen. Heute wird alles von Demokraten debattiert. Die demokratische Sprache muss dynamisch bleiben, an Präzision zunehmen, alle verlogenen Begriffe ablehnen. In feierlichen Zeremonien wird staatstragenden Schriftstellern das Sorgerecht für das kollektive Kommunikationmedium der Demokratie übertragen. Die Schweiz gilt trotz der vier Amtssprachen als demokratisches Vorbild, und nicht nur für nostalgische ehemalige Jugoslawen.

Die Schweiz macht uns Hoffnung, dass sogar die Europäische Union einmal demokratisch werden könnte! Was ist sie überhaupt—ein Vielvölkerstaat, eine Nation, oder gar ein Imperium? Ich kann es leider nicht sagen. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich mich als Autorin vor allem mit Liebesbeziehungen beschäftigt habe. Sie wurden mir in jungen Jahren regelrecht aufgedrängt und häuften sich zu einem unerschöpflichen Erfahrungsschatz an. In meinen Romanen ist das stumme Häufchen Elend am Rande keine Frau, sondern die Natur, die Gerechtigkeit, die Freiheit ...

Diese schöne Demokratie fördert also die Literatur. Das steht ihr aber auch gut zu Gesicht, dass sie mich und vier andere Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen auf diese Bühne stellt wie lauter staatstragende Autoren. Also lassen Sie uns durch unsere gewissenhafte Hinterfragung der kollektiven Wirklichkeit im bestmöglichen Sinn staatstragend sein.

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