Yusuf Yesilöz

Rahel Huber hatte ihren Mann mehrmals gefragt, was er alles über den Fall wisse. Jedes Mal hatte er ihr erzählt, er wisse nicht viel; aber immer wieder kamen, in Bruchstücken, neue Informationen hervor. Nach dem Telefon mit Schenker entschied sie sich aber doch, Baran zu helfen, bevor er irgendwohin fliegen oder von Schenker verhaftet würde, weil die Polizei ihn aufgrund seiner plötzlichen Abreise verdächtigte. Heute Morgen hatte sie ins Telefon geschrien, er, der sie im Stich lasse, solle zur Hölle fahren, sie habe genug von seiner Geheimnistuerei, die das Familienleben belaste. Er hatte nicht reagiert. Sie erinnerte sich daran, dass sie in ihrer langjährigen Ehe mit Baran diesen Satz bereits einmal gesagt hatte. Es war vor einigen Jahren, Baran war nach Hause gekommen und hatte ihr mit Freude erzählt, dass er für sie eine grosse Überraschung habe. Er war zusammen mit ihr auf dem Fahrrad in eine Autogarage gefahren und vor einem knallgrünen alten Ford Capri stehen geblieben. Er habe dieses Auto gekauft, er wolle es einige Zeit fahren und dann wieder verkaufen. Als er ein Knabe gewesen sei, in den siebziger Jahren, seien seine Nachbarn mit solchen Autos von Deutschland ins Dorf gefahren und alle hätten Ausschau nach diesen Wagen gehalten, als wäre der Prophet Mohammed persönlich ins Dorf gefahren. Rahel Huber, die damals aus Prinzip und um die Umwelt zu schonen, kein Auto fuhr, beschimpfte ihren Mann und sagte ihm, er solle zur Hölle fahren, falls er den Verkauf nicht rückgängig mache.

(Aus: Lied aus der Ferne)