
Fast den ganzen Juni über hatte es geregnet. Die Zeitungen meldeten den schlechtesten Sommeranfang seit Jahrzehnten. Doch am Tag von Hannahs Ankunft war der Himmel wolkenlos und die Temperaturen kletterten bereits in den frühen Morgenstunden in ungewöhnliche Höhen. «Vielleicht ist es ein gutes Zeichen», dachte Hannah, die auf einem Fensterplatz im Flugzeug sass. Besser, an einem schönen Tag wie diesem an einem unbekannten Ort anzukommen. Auf dem ausgeklappten Tischchen lag das Sandwich, das die Stewardess an die Passagiere verteilt hatte. Sie war viel zu aufgeregt um zu essen. Sie schraubte die Lüftungsdüse auf, sodass ihr der Luftstrom direkt auf die Stirn strömte, aber es war trotzdem noch zu warm. Sie ärgerte sich jetzt, das langärmelige Hemd angezogen zu haben und nicht ein T-Shirt. Aber Gabriel war der Meinung gewesen, ein weisses Hemd sei passender für den Anlass und wirke weitaus professioneller. Seine Worte klangen in ihr nach, während sie hinaus blickte. Seit Minuten kreisten sie schon über der Stadt, sie würde sich verspäten. Sie sah Hochhäuser, Strassen, Brücken, Parkanlagen, einen Fluss, der sich in einem graubraunen Bogen mitten durch die Stadt wand. Alles da unten ist fremd, dachte sie, und irgendwo in einem dieser Häuser, die aus der Distanz wie Spielzeughäuser aussehen, werde ich die nächsten drei Monate verbringen. So lautete die Bedingung. Es sei für alles gesorgt, hatte R. in seinem Brief versichert, «Sie werden sich um nichts zu kümmern brauchen.»
(Aus: Das Portrait)

Plakat 2010 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
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