Michael Kleeberg

Es war nicht Theodors private Lust, die sich da ergoss, während sein interessierter Blick das gerötete, von einem schwarzen Haarkranz umrahmte Gesicht unter ihm abtastete, über die vergitterten Fenster glitt und den fadenscheinigen, verblassten Perser wahrnahm, es war der Samen des Königs, der in diesem Augenblick in der geräumigen Schlafzelle des Bischofs den Höhe- und Schlusspunkt einer Art sexueller Amtshandlung setzte, der heisse Siegellack des Theodorus Rex im Schoss des unbekannten Mädchens.
Das war seit der Krönung nicht aus Cervioni verschwunden, stand in jeder Menschenmenge, besuchte jede Audienz, lehnte an der nächsten Mauer, sobald Theodor auf die Strasse trat, ja, hatte es so sehr darauf angelegt, dem König beizuwohnen, dass Theodor sich viel zu geschmeichelt fühlte, um abzulehnen, trotz des finsteren Blicks Paolis, trotz der alleruntertänigsten Bedenken Giafferis – wir kennen die Frau doch überhaupt nicht, Don Teodoro, bitte, das ist womöglich eine Hure aus Bastia, jedenfalls ist sie nicht von hier – trotz des schmallippigen Orticoni, der, wie Theodor genau spürte, hinter ihm das Kreuz schlug.

(Aus: Der König von Korsika)