Daniel Zahno

Das Vanille-Gelato zerging auf meiner Zunge, und aus dem Eis stieg eine Erinnerung auf: Noemi. Ich ass das Eis und spürte ihre Hand auf meiner heissen Stirn. Viele Male hatte ich Vanilleeis gegessen, seit ich sie zum letzten Mal gesehen hatte, und es hatte mir nie etwas gesagt, ich hatte es in Pippos Gelateria tausende Male in Becher und Waffeln gefüllt, hatte es dauernd vor Augen, und es hatte nichts ausgelöst in mir, die Erinnerung war versunken, verlaufen, hatte sich in nichts aufgelöst, jetzt aber, als ich das Vanilleeis auf der Zunge spürte und den Geschmack wiedererkannte, wie ich ihn damals geschmeckt hatte, war es, als ob Noemi mit mir auf der Terrasse wäre, als ob sie mit ihren strahlenden Augen und ihrer ganzen Zerbrechlichkeit da sässe und mich anblickte, und ich sah die weiss-blau gestreiften Leibchen der Gondolieri und die Spiegelungen des Lichts im Wasser, und alles in mir war geweckt und in Bewegung.

(Aus: Die Geliebte des Gelatiere)