
In Dubrovnik traf ich 1998 kroatische Bäuerinnen, die aus ihren von der serbischen Soldateska in Brand gesteckten Dörfern vertrieben worden waren. Internationale Organisationen schenkten ihnen humanitäre Hilfe - leblose, graue Kleider, die westliche Frauen abgelegt hatten. Die Bäuerinnen erzählten von ihrer Verletzung durch diese Geste des müden Wohlwollens. Nun hatten sie ihr Land, ihr Haus verloren und sollten auch noch die ureigenste weibliche Haut einbüssen - ihre selbstgenähte, farbige, traditionelle Kleidung. Einige wollten in Wut die bedrohliche westliche Nivellierung wegwerfen, um ihre Identität zu wahren, doch eine Idee der Transformation wurde geboren. Die Frauen zerschnitten die fremde Identität in Streifen, in Vierecke, in Dreiecke und nähten die von der Form befreite Wolle, Seide, Baumwolle, Spitze, den Polyester und Samt aneinander zu grossen farbigen Decken, mit denen sie sich zudeckten. Unter dem europäischen Patchwork, das sie selbst erschaffen hatten, ruhten sie sich aus. Seine Wärme und Breite konnten sie annehmen, darunter bewahrten sie sich auf der Flucht, harrten aus, um später in ihre Dörfer zurückzukehren. Die innovativen, stolzen kroatischen Bäuerinnen zeigten mir, wie europäische Identität sein kann. Sie schenkt Geborgenheit, aber liegt nicht direkt an der Haut und muss zuerst zerschnitten und dann von uns selbst neu zusammengenäht werden. Das gemeinsame Schneidern, identitätsstiftend.
(Aus dem Essay "Schneidern und Weben an der europäischen Identität")
Plakat 2011 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
New Swiss Writing 2011 enthält 39 Texte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung.
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
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