Jakob Arjouni

Er winkte immer noch, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Er wandte den Kopf, und vor ihm schwebte die Fee.
»Guten Abend«, wünschte die Fee.
»Guten Abend«, erwiderte Max, ließ den Arm als Zeichen für den Wirt in die Höhe gestreckt und erwartete, nach einem Weg oder einer Zigarette gefragt zu werden. Zwar bemerkte er, daß die Gestalt vor ihm irgendwie durchsichtig wirkte und ihre nackten Füße den Boden nicht berührten, aber das führte er auf die Machart des himmelblau schillernden Kleids und den Effekt raffiniert gemachter Sandalen zurück. Vielleicht arbeitete sie in der Modebranche, nicht weit vom ›Sporteck‹ gab es ein paar kleine Ateliers.
»Ich bin eine Fee und gekommen, Ihnen einen Wunsch zu erfüllen.«
Max hatte sich erneut zur Tür umgesehen in der Hoffnung, dem Kellner, der seinen gestreckten Arm offenbar nicht bemerkte, mit einem durstigen Blick begegnen zu können. Dabei drangen die Worte der Fee nur langsam zu ihm vor.
»Bitte?«
»Eine Fee«, wiederholte die Fee, »und ich bin gekommen, Ihnen einen Wunsch zu erfüllen.«
Max schaute erst irritiert, dann ließ er den Arm sinken und runzelte mißbilligend die Stirn. Sollte das ein Scherz sein? Vielleicht ein Reklameding? Die gute Fee von Schultheiss oder Marlboro, die allein herumsitzenden Männern einen Wunsch versprach, wahlweise ein Mountainbike oder eine Messerkollektion, wenn sie dafür ein Jahr lang jede Woche eine Stange Zigaretten oder zwei Kästen Bier orderten? Oder einer dieser Fernsehgags? Aber wo waren die Kameras? Oder einfach nur eine Verrückte?
»Hören Sie, wenn das irgendein Spiel ist…«
»Nein. Ich bin eine echte Fee, und Sie haben wirklich einen Wunsch frei. Folgende Bereiche sind allerdings ausgeschlossen: Unsterblichkeit, Gesundheit, Geld, Liebe«, ratterte die Fee ihren Text herunter.

(Aus: Idioten)