
Wie alle bin ich ungefragt auf die Welt gekommen. Ich gehöre zu denen, die versuchen, daraus etwas zu machen. Unter dem ersten, das mir zufiel, war eine Stadt. Berühmt ist der Abfluss, die Limmat. Doch es gibt einen anderen Fluss, einen minderen, wilder und mit verbauten Ufern. Hier wuchs ich auf, der versuchte, aus dem Ungefragten etwas zu machen. ... Hinter dem Bahnhof die Stelle, wo die Sihl sich mit dem anderen Fluss verband, dem berühmteren. Ein kurzes Stück weit flossen die beiden nebeneinander, das saubere Wasser der Limmat und das verschmutztere der Sihl, bis der bürgerliche Fluss den Proleten schluckte. Jahrzehnte später brachte mich ein Boot an die Urwaldstelle, wo der Rio Madeira in den Amazonas mündet, nur dass es diesmal der Nebenfluss war, der sauber frisches Wasser führte. Der Hauptstrom hingegen war verschmutzt, aufgewühlt von Schlamm, da kaum Gefälle, ein träges Geschiebe, kilometerweit nebeneinander daherfliessend, bis das trübe Wasser über das saubere siegte. Seither frage ich mich, ob die Sihl ein kleiner Amazonas ist und der Amazonas eine grosse Sihl. Sind nicht alle Flüsse der Kindheit am Ende ein Wassersystem?
(Aus: War meine Zeit meine Zeit oder Wie formiert sich ein globales Bewusstsein, unveröffentlicht)

Plakat 2010 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
Die 33. Literaturtage finden statt vom 3. bis 5. Juni 2011, wie immer am Auffahrtswochen-
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