
Im Gebirg’
Hornochse! Das böse, sehr böse Wort. Immerhin ist Schluss mit der Stolperei. Er hat die tückischen Baumwurzeln hinter sich. Zwischen den Felsbrocken, auf dem steilen, aber sonst ganz braven Weg darf er sich fühlen wie ein Tier, das für seine lauernden Muskeln endlich Auslauf bekommt, der kleine Lackaffe. Er kennt zwar die Gegend nicht, aber Hemd und Hose sind geröllgrau, der Rucksack leicht, kein Gramm zuviel darin. An den Schuhen gibt es nichts auszusetzen. Nur etwas wenig Knöchelschutz vielleicht? Frisch eingekleidet für die Bergwelt. Alles passt. In die Freiheit, in die Höhe, fort, fort in die schöne, steinige Einsamkeit, jaja, in die Menschenleere. Warum nicht? Aber da staunt er nun doch gewaltig: Die Alpenkühe mit den Glocken am breiten Lederband, wie er’s im Buch gesehen hat, sahnig und nougatbraun die treuen, pelzigen Ohren, kommen plötzlich in Scharen aus der Einöde herunter, ihm entgegen in breiter Front. Wo sie nur hintreten können, ohne sich zu verletzen, ohne in den tiefen Wildbacheinschnitt zu stürzen, da sind sie auf einen Schlag. Er ist mitten unter ihnen und interessiert sie nicht. Keine wendet ihm das Auge zu, das wunderbar von schwarzer Linie umschlungene. Ein junger Mann trägt einen Stecken, ist mal hier, mal dort, ruft auch manchmal Huh oder Wuh, Nuh und Hoi. Schon wissen die Kühe Bescheid, rücken enger zusammen in der abwärtsflutenden Herde. Keine strauchelt im gefährlichen Gelände. Der Senn grüsst Herbert mit dem Ausruf: Gruh. Hoi oder Gruh, bleibt keinen Moment stehen bei ihm, bei Herbert.
(Aus: Die Tricks der Diva)
Plakat 2011 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
New Swiss Writing 2011 enthält 39 Texte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung.
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
wochenende.
Hier finden Sie die wichtigsten Literaturtermine.
OpenNet, der tradi-
tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage