
In der Nacht hatte es heftig geregnet, aber als wir zum Rothorn aufstiegen, kam die Sonne durch und heizte die letzten Wolken weg. Sigi lief zuvorderst, er kannte den Weg, die anderen waren mal vorne, mal hinten, man blieb immer wieder stehen und blickte hinunter auf die Alp, auf den schwarzen See und die kleiner gewordenen Kühe. Martin rauchte sogar im Gehen. Über der Baumgrenze wurkleiner de der Weg beschwerlicher, er wand sich steil den Felsbändern entlang, der Schotter war immer noch nass, die Alp, die Kühe waren verschwunden, es gab nur noch Berg, dunklen aufgetürmten Berg. Polster weißer Blütchen krallten sich in die Ritzen. Manchmal hörte man Bernadette lachen. Jemand vorne legte für die Hinteren Zitronendrops auf Steine, die man nicht übersehen konnte, diese harten, sauren Schnitze. Als es passierte, hatte ich einen im Mund. Danach habe ich nie mehr so einen Schnitz gelutscht. Helga war hinter mir, als sie rutschte. Und hinter Helga war niemand mehr. Ich habe mich nicht umgedreht. Sie schrie nicht. Ich hörte das Poltern und wusste gleich, dass ich das nie jemandem sagen würde. Ich kletterte weiter. Besonders schäme ich mich, dass ich an den Thymian dachte, den sie sich mit einer Haarklammer hinter die Schläfe gesteckt hatte. Ich fragte mich, ob der Thymian hielt. Das Poltern klang nicht viel anders, als wenn Steine in die Tiefe polterten. Spätestens beim Aufschlag in der Tiefe muss sie das Bewusstsein verloren haben. Sie hat noch gelebt.
(Aus: Verschwinden)
Plakat 2011 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
New Swiss Writing 2011 enthält 39 Texte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung.
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
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