Frank Heer

Ich hätte ihr gerne die Kleider vom Leib gerissen, mein Gesicht zwischen ihre kleinen Brüste gedrückt und ein wenig vor mich hingewimmert. Ich begriff in dieser Sekunde – noch bevor ich mir Gedanken darüber machen konnte, was ich von ihr wollte – dass mich dieses Mädchen nie lieben würde. Trotzdem sass sie neben mir und streichelte meinen Verband wie ein verdammtes Plüschtier. Heute bin ich überzeugt, dass ich sie hätte nehmen sollen. Damals, in diesem Canyon. Sie hätte sich erst aus Prinzip gesträubt, sich dann jedoch schnell gefügt und mich verschlungen mit Haut und Haar. Ich hätte mich in ihr verloren, verbissen, verankert, und sie hätte geschrien vor Lust und Dankbarkeit.
Ja! Einmal wenigstens hätte ich sie schreien gehört! Einmal nicht in dieses entrückte Engelsgesicht blicken müssen, das mich nur am Rande wahrzunehmen schien. Am Ende konnte ich es nicht mehr ertragen: diesen stummen Ausdruck von Grossmut und Gleichgültigkeit, dieses ständige Zurschaustellen, dass ihr das Leben gehörte und sie es auch zu leben verstand. Ja, ich hätte sie einfach nehmen sollen. Dort unten auf diesem Fels. Wir hätten uns geliebt, in blosser Verzückung, wimmernd, flehend, bebend. Danach wären wir hinaufgestiegen zur Terrasse; ich hätte mich in mein Auto gesetzt, eine Zigarette angezündet und wäre losgefahren. Alleine.
Goodbye, ladies, goodbye. Und alles wäre anders gekommen.

(Aus: Flammender Grund)