
Salihs ungewaschene Teller und ein Pfännchen standen im Spülbecken. Teebeutel lagen im Glaskrug, schon halb angetrocknet. Er teilte die grosse, nach Peperoni duftende Pizza in zwei Teile und gab mir meinen auf den Teller, den er gerade gewaschen und mit einem Tuch, das hinter der Tür über dem Anzug hing, abgetrocknet hatte. Er nahm die andere Hälfte auf seinen Teller. Zu Hause assen wir alle aus einer Schüssel, egal wie viele Personen am Bodentisch sassen, und bei Salihs Familie war es genauso.
Ich musste mich umgewöhnen.
Nachdem unser Dorf an das Stromnetz angeschlossen worden war und ohne Ausnahme jede Familie einen Fernseher gekauft hatte, fragte meine Mutter einmal, als wir alle mit grossem Interesse einen amerikanischen Film anschauten, ob alle jene sechs Personen im Film, drei Frauen und drei Männer, Tuberkulose hätten, weil jede aus einem eigenen Teller esse. Bei uns zu Hause benützt man eigene Teller, um ansteckende Krankheiten zu isolieren, was den Kranken oft schwerer trifft als die Krankheit selber, aber das ist eine andere Geschichte.
(Aus: Der Gast aus dem Ofenrohr)
Plakat 2011 gestaltet von Reto Wahlen, Solothurn
New Swiss Writing 2011 enthält 39 Texte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung.
Die 34. Literaturtage finden statt vom 18. bis 20. Mai 2012, wie immer am Auffahrts-
wochenende.
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tionelle Schreibwettbe-
werb der Solothurner Literaturtage