Norbert Gstrein

Es war in der Nähe des Dorfes Islam im Hinterland von Zadar, mit seinen beiden Teilen Islam-Grcki und Islam-Latinski, wo ich zum ersten Mal in ehemaliges Kampfgebiet gekommen bin und diese andere Stille wahrgenommen habe. Sie erschien mir als eine auf unbestimmte Zeit verlängerte Schweigeminute, angesichts der dachlosen Gebäude, aus denen Sträucher in einen wie immer blauen Frühlingshimmel wuchsen, und der vom Geklecker der Granatspuren über und über gesprenkelten Mauern. Zusammen mit dem Stillstand in der Mittagshitze, in dem jede Bewegung die erste Bewegung überhaupt hätte sein können, hatte es etwas, nein, nicht Paradiesisches, und es war auch nicht der Augenblick nach der Erschaffung der Welt, ganz und gar nicht, vielmehr erweckte die Welt den Anschein, wie ein Mensch nach einem Schlaganfall erst wieder alles von neuem zu erlernen und noch nicht richtig in Übung zu sein. Ich habe nie vorher und nie nachher eine solche Fragilität erlebt, geradeso, als müsste ein Gott, wenn es ihn gäbe, sich aufs äusserste konzentrieren, damit es ihm wenigstens gelang, das zusammenzuhalten, was zu sehen war, ein im Unrat spielendes Kind, ein vor dem Rohbau seines Hauses sitzendes Paar und den Tag, der sich am Ende eingliedern sollte in die Tage vor ihm und nach ihm, ohne dass eine neue Katastrophe passiert war.

(Aus: Wem gehört eine Geschichte?)