Gertrud Leutenegger

Die Apfelhurden, die eine ganze Wand des Kellers einnahmen, wurden von meiner Mutter vor dem Eintreffen der Äpfel sorgfältig mit Zeitungen ausgelegt. Ich war ihr dabei behilflich, genauer ausgedrückt, nahm ich, wenn sie den Keller bereits wieder verlassen hatte, gewisse Veränderungen vor. Die Lagerstatt der Berner Rosen durfte auf keinen Fall irgendeine Todesanzeige aufweisen, von denen die Zeitungen oft wimmelten; ich war nun einmal davon durchdrungen, dass es Unglück bringen würde, wenn mein liebster Apfel auf eine Todesanzeige zu liegen käme, er konnte von einer unheilbaren Krankheit angesteckt werden, nicht umsonst hatte ich, auf der dunklen Treppe sitzend, von Klara gehört, wie die Berner Rose oft von Krebs befallen werde, und da die Äpfel beim Entleeren aus den Harassen wild durcheinanderpurzelten, mal auf der Kelchgrube, mal auf der Stielgrube zum Stillstand kamen, und besonders diese letztere häufig durch Fleischwülste verengt und auffällig berostet war, fürchtete ich gerade dort ein Einfallstor für das Verderben, und überhaupt beeinträchtigte eine Todesanzeige die festliche Aura des Rosenapfels.

(Aus: Pomona)