Peter Weber

Die Windkraftanlagen, einbeinige Wolkenmühlen, Luftbewegerinnen, wie sie entlang der Reiselinien in wachsender Zahl entstehen, sind aus demselben Weiss gegossen wie die Hochgeschwindigkeitszüge. Die ersten drei Anlagen erkennt man, von Süden kommend, im Badischen auf einem Hügelrücken. Sie verwirbeln Horizontgrün mit Schwarzwald und weissem, weissem, weissem Weiss. Die Dreiblätter drehen immer der Stimmungslage der Reisenden gemäss. Fühlt man sich befördert, erwärmt, drehen sie langsam vorwärts, der Reiserichtung entsprechend, nicht zu fordernd, nicht zu schnell. Sie bekräftigen, unterstreichen, was man glauben will. Dass alles seinen Lauf geht, mit dem Wind. Selbst wenn man im Zug vorbeirast, drehen sie gemüthaft langsam, setzen Mass für das Alltägliche, Vorstellbare. Fühlt man sich bodenlos, glaubt, nicht vorwärts zu kommen, obwohl man im Zug sitzt, halten die Windanlagen augenblicklich an. Die Rotorblätter stehen still. Man jagt an starren Grabmalen vorbei, jede Stelze ein Schlag. Weisse Hälse. Signalstarre. Stehende Windparkanlagen: Friedhöfe der gnadenlosen Wiederholung. Meistens schlafen dann die Passagiere in einem tiefen, runden, kaum hörbaren Summen, borduntongebettet, in der Eigenresonanz des Wagens, im Urbrumm. Wir vergessen, wer wir sind, wohin wir wollen. Fühlt man sich mischwirklich in immer schnelleren Vehikeln, in immer höheren Drehzahlen, beginnen die Windanlagen rückwärts zu drehen, der Reiserichtung entgegen.

(Aus: Die melodielosen Jahre)