Alain Claude Sulzer

Jakob betrachtete ihn ungeniert, vielleicht hatte er ihn durchschaut. Hatte er ihn tatsächlich durchschaut? Über alles, fast alles, hatten sie später geredet, aber darüber nicht, es gab auch Dinge, über die man nicht sprach, und je länger sie sich kannten, desto zahlreicher wurden die Dinge, über die sie nicht mehr sprachen. In diesem Augenblick schwor sich Erneste, dem jungen Mann zu helfen, ihm wie einem Bruder beizustehen, ihm aus jeder Verlegenheit zu helfen, alles Übel von ihm abzuwenden, ihn selbst dann vor dem Tode zu bewahren, und wenn die Verteidigung den eigenen Tod bedeutete. Die Dinge, die Erneste in diesem Augenblick durch den Kopf gingen, hatten so viel Gewicht gehabt, dass sie noch dreissig Jahre später ganz gegenwärtig waren. Jakob erschien ihm als der Sohn, den er nie haben würde, als der verständnisvolle Bruder, den er nie gehabt hatte, als Vater und Mutter, die er sich gewünscht hätte, und ebenso als tausend andere Dinge, die er sich gar nicht eingestehen konnte.

(Aus: Ein perfekter Kellner)