<- zurück
Beckmesserspirale
von René Wohlhauser

Zuhause im stillen Kämmerlein schreiben, da fühlte sich Heinrich gut, auch wenn es manchmal schwierig war. Aber sich in der Öffentlichkeit mit Vorlesen exponieren?
Und dann erst die Diskussionen im Anschluss an die Lesungen: Die ideale Gelegenheit für alle verhinderten Möchtegern-Schriftsteller, die sich im arglos lauschenden Publikum versteckt hielten und auf ihren grossen Augenblick lauerten, aus der Deckung heraus sich auf ihn einzuschiessen und ihm eins auszuwischen, ihn mit verfänglichen Fragen aufs Glatteis zu führen, und, da er nichts Gescheites zu antworten vermöchte, als unwissenden, naiven Tölpel hinzustellen und lächerlich zu machen. Je dümmer er dastehen würde, um so besser kämen die Fragesteller dabei heraus. Mit etwas Geschick wäre es ein Leichtes für sie, ihn als quantité négligeable beiseite zu schieben und dafür sich selbst eitel in Szene zu setzen und somit den Abend an sich zu reissen. Sie würden die Diskussion ganz alleine bestreiten und sich auf diese Weise einen glänzenden Auftritt verschaffen. Niemanden würde es stören, dass jetzt alle Aufmerksamkeit auf sie gerichtet wäre, so dass sich Heinrich ziemlich überflüssig vorkäme und sich am liebsten, von allen fallengelassen und unbeachtet, unauffällig vom einsamen, aber exponierten Podiumsplatz zurückgezogen und in das Gros der stummen Zuschauer eingereiht hätte, um nicht weiter die dankbare Zielscheibe der aufmüpfigen Emporkömmlinge abzugeben.
Alle Anwesenden würden wohl spüren, dass Heinrich nicht imstande wäre, sich zu wehren, dass er es nicht wagen würde, die neuen Stars des Abends bei ihrer ausgiebigen Selbstdarstellung zu unterbrechen und sein Recht einzufordern. Zu gebannt würde das Publikum den Ausführungen der wundersamen Redner lauschen, als dass er es mit dem plumpen Anliegen hätte stören dürfen, man möge doch bitte die Aufmerksamkeit wieder seinem Text zukommen lassen und den anderen mit seinem Geplapper nicht überschätzen. Das seien doch nur Effekthaschereien, zwar sehr publikumswirksam, aber ohne substanziellen Tiefgang. Das Auditorium wollte schliesslich etwas geboten bekommen, und es wäre ja offensichtlich, dass Heinrich diese Erwartungen nicht zu erfüllen vermöchte. Sei’s, dass sein Text zu wenig humorvoll wäre. Sei’s, dass seine ängstliche Art des Vorlesens die Zuhörerschaft über die Massen langweilen, ja gar ärgern würde, weil sie sich eine mitreissende Performance erhofft hatte. Sei’s, dass seine Erläuterungen zuwenig interessante und relevante Informationen hergäben. Sei’s einfach, dass er als Person nicht herüberkäme und schlicht nicht in der Lage wäre, das Publikum zu packen, weil er halt – wie man ihm immer wieder zu verstehen gab – kein Gewinnertyp sei. So müsste er doch froh sein, wenn jemand anderes ihn von dieser Aufgabe erlösen würde und den Part des temperamentvollen Unterhalters übernähme.
Ein einziger solcher Selbstprofilierer pro Abend würde bereits genügen, um ihn, den eingeladenen, rechtmässigen Vorleser, von der Partizipation am öffentlichen Erfolg auszuschliessen, um ihn, das zweiflerische und schüchterne Bürschchen, kaltzustellen, und, selbstbewusst, siegessicher und von den eigenen Qualitäten überzeugt, die Bude mit Leben zu füllen. Da sich aber vermutlich an jedem Abend ein anderer erheben würde, wäre es am Ende ein ganzes Heer von heimlichen, verkannten literarischen Genies, die sich durch seine schwache Darbietung ermutigt gefühlt hätten, selbst an die Öffentlichkeit zu treten, um zu zeigen, dass sie es besser konnten als er. Die ihm also im Grunde genommen den Beginn ihrer glänzenden Karriere zu verdanken hätten, weil er durch sein Versagen zu ihrem Geburtshelfer geworden wäre. Und gegen die er als redeungewandter, einfacher Schreiber aus dem ungebildeten Arbeitermilieu schlicht nicht ankäme. Und vor denen er bereits einzeln, und erst recht in ihrer Überzahl, kapitulieren müsste.
So könnten sie sich also gefahrlos auf die Äste hinauslassen und sich daranmachen, das Publikum auf ihre Weise in Bann zu schlagen. Niemand würde sie daran hindern, sich ausführlich Zeit zu nehmen, ungeachtet dessen, dass es eigentlich seine Zeit wäre. Sie dürften es sich erlauben, herablassend und in einem der Allgemeinheit unverständlichen und gerade deshalb dieser Allgemeinheit Ehrfurcht und Hochachtung einflössenden, pseudophilosophischen und mit ausgesuchten Fremdwörtern gespickten Diskurs das Publikum geschickt zu blenden. Sie vermöchten spielend in wenigen Sätzen die ganze Literaturgeschichte eloquent zu referieren und sich dienstbar zu machen. Das heisst: sich selbst als krönenden Höhepunkt dieser langen, zwingend und unausweichlich auf sie zuführenden Entwicklung darzustellen. Sie hätten keine Mühe, aus dem immensen, unübersichtlichen Fundus der aufgezeichneten Vergangenheit ex tempore zielsicher die treffenden Zitate herauszufischen und zur Unterstützung ihrer eigenen Thesen heranzuziehen. Dies, um so darzulegen und zu beweisen, dass sie selbst über eine ausserordentlich hohe Reflexionsgabe, über eine schlagende Intelligenz und über einen ungemein umfangreichen Wissensschatz verfügen. Und auch, dass sie ihre Gelehrtheit in geheimnisvollem und Respekt erheischendem, kryptischem Fachchinesisch verklausuliert so fulminant zu formulieren vermögen, dass niemand ihnen zu folgen imstande wäre und alle vor Bewunderung über so viel Scharfsinn und Brillanz mit offenen Mündern nicht mehr aus dem Staunen herauskämen.
Es wäre also für alle Anwesenden klar, dass es sich beim strahlenden Retter des Abends, der Heinrich kaltblütig, aber nicht ungeschickt aus dem Rampenlicht gedrängt hätte, um eine aussergewöhnlich begabte und faszinierende Persönlichkeit handeln musste. Eine Person, die, nicht ohne Witz, sondern mit dem nötigen Schuss Ironie ihre spannenden Ausführungen würzend, offenbar über den notwendigen Durchblick verfügt, um massgebliche Urteile fällen zu können. Und deshalb wären auch alle ohne weiteres gewillt, der sich daraus ergebenden, angeblich zwingenden Logik zu folgen, ohne deren Behauptung weiter zu hinterfragen, dass das, was man hier soeben von Heinrich als sogenannte Lesung hätte über sich ergehen lassen müssen, eigentlich eine Schande, ja, ein Skandal sei, so unsäglich banal, qualitativ minderwertig und selbstredend jenseits jeder Berechtigung, überhaupt öffentlich vorgetragen und angehört zu werden. Im Grunde genommen eine Frechheit, dass sich dieser Lümmel die Unverschämtheit herauszunehmen wagte, sich dreist vor ein Publikum zu setzen, um aus seinen hausgemachten Elaboraten vorzustottern und damit alle zu langweilen. Heinrich müsste sich zweifelsohne schuldig fühlen, den Zuhörern mit unbedeutenden, weil einfachen und verständlichen Sätzen die Zeit gestohlen zu haben.
Da kaum jemand dem enigmatischen Kauderwelsch des selbsternannten Beckmessers würde folgen können, hätte auch niemand die Möglichkeit, eine Entgegnung zu formulieren, um Heinrich damit zu Hilfe eilen zu können. Im Gegenteil, alle wären hingerissen von der vortrefflichen und unterhaltsamen Argumentation des meisterhaften Rhetorikers, und niemand würde es wagen auch nur daran zu denken, sich mit ihm anzulegen. Allen wäre unmissverständlich klar, dass sich die Stimmung schon längst gegen Heinrich gewandt hätte und man sich nur die Finger verbrennen und sich lächerlich machen würde, wenn man etwas zu seiner Verteidigung vorbrächte. Niemand will schliesslich auf der Verliererseite stehen. Das wäre zuviel der Loyalität, das könnte man von keinem verlangen. Und Heinrich wäre dessen auch gar nicht würdig. Denn er selbst vermittelte offensichtlich auch den Eindruck, dass er die Sache als verloren ansah. Während des ganzen Abends hätte er sich nicht getraut, den geringsten Versuch zu unternehmen, sich gegen die ihm angetane Ungerechtigkeit aufzulehnen.
Deshalb wäre es ein Leichtes für seine Gegner, ihn mit heimtückischen Fragen in die Enge zu treiben. Heinrich hatte auch schon als Zuschauer solchem Kesseltreiben beigewohnt. Was dabei vom Angreifer als Frage vorgeschoben wird, ist ja oft nichts anderes als ein rhetorisches Manöver, um sich unverfroren die Gelegenheit zu nehmen, in einem langen Monolog seine eigene Belesenheit und sein Wissen, kurz: seine Überlegenheit zur Schau zu stellen. Da in der als Frage getarnten, verklausulierten Selbstbeweihräucherung gar nicht gefragt wird, gibt es auch nichts zu antworten.
In diesen als literaturwissenschaftliche Ausführungen kaschierten Selbstdarstellungen des wichtigtuerischen, blasierten Besserwissers würde ein weiterer Trick zur Anwendung kommen, um den Angegriffenen zu disqualifizieren und zum Gespött der Leute zu machen. Es würde auf kaum bekannte, aber angeblich unverzichtbar wichtige Bücher Bezug genommen, die jeder Schreibende selbstverständlich kennen und kritisch reflektiert haben müsste, um überhaupt ernst genommen zu werden. Wohl wissend, dass Heinrich als nichtakademischer, einfacher Literat diese Publikationen ebenso selbstverständlich nicht nur nicht gelesen, sondern von deren Existenz überhaupt keine Ahnung hatte und deshalb nicht würde antworten können. Es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als klein, dumm und stumm als unbelesener Ignorant, ja als überführter bildungsmässiger Trottel dazustehen.
Dieses bedepperte Eingeständnis seiner Unzulänglichkeit wäre zumindest eine kleine Genugtuung für die sich ihm um ein Vielfaches fachlich überlegen Fühlenden, die sich bei solchen Lesungen nach ihrer Ansicht völlig ungerechterweise nur zu blossen Zuhörern degradiert sähen. Meistens handelt es sich bei ihnen wohl, nach Heinrichs Meinung, um frustrierte Fachgelehrte und Sachverständige, die sich nun so viele Jahre schon mit intensiven, seriösen wissenschaftlichen Studien in muffigen Archiven und düsteren Klausen abgerackert hatten, um – endlich!, nach langem Warten und nach aufreibendem, entwürdigendem Speichellecken – zu anerkannten Doktoren und Professoren zu promovieren und auf der gesellschaftlichen Hierarchieleiter einige Stufen nach oben zu avancieren und so zu etwas beruflichem Glanz zu kommen und sich angemessen ins Licht der Öffentlichkeit rücken zu dürfen. Sie verfügen zwar selbst über kein schöpferisches Talent, dafür aber über eine fundierte und umfassende Ausbildung, sind geachtete Autoritäten auf ihrem Gebiet und dürfen sich deshalb wohl zu Recht um so vieles intelligenter und sachkundiger fühlen, als dieser naive Schreiberling mit seinem handgestrickten Textkonglomerat. Deshalb würde eigentlich ihnen die Aufmerksamkeit des Publikums zustehen und nicht diesem chaotischen Buchstabenkritzler, der zuerst noch ordentlich durch die Mühlen des Lektorats gepresst werden müsste, um wenigstens halbwegs akzeptable Texte präsentieren zu können. Und selbst dann noch: Was wären diese sentimentalen und tagträumerischen Schriftsteller ohne ihre hermeneutischen Exegeten? Ein unbekanntes Nichts, irgendwo in einem dunklen Loch vor sich dahinvegetierend. Die haben doch mit ihren weltverlorenen Phantastereien keine Ahnung von den Gesetzen des harten Literaturbetriebs. Die sind ja selbst nicht imstande zu analysieren und auszudeuten, was sie da in traumtänzerischem, halbbewusstem – und wie man immer wieder hört: oft auch in betrunkenem – Zustand aufgeschrieben haben. Das sind ja allesamt hausbackene Dilettanten, die erst noch dringend der entsprechenden Sekundärliteratur bedürfen, um von den Verlagen zu anständigen und anerkannten Literaten gemacht und von den Leserinnen und Lesern verstanden werden zu können. Sie sind also auf Gedeih und Verderb von der universitären Elite abhängig, die sich durch stillschweigende Übereinkunft über die Bedeutung der einzelnen Mitglieder der schreibenden Zunft verständigt, um dann durch den Kreislauf der akademischen Publikationen deren Karriere zu befördern und sie in den Stand der Säulenheiligen zu erheben – oder eben auch nicht.
Deshalb grenzt es nahezu an Beleidigung und Unverschämtheit, von ihnen ein anspruchsloses Hintenanstehen zu erwarten. Sie, die unbestrittenen Experten, die renommierten Koryphäen, die professionell studierten Literaturwissenschaftler und somit die Einzigen, die in dieser ganzen Sache über die notwendige Kompetenz und den klaren Durchblick verfügen. Schon nur ihr Publikationsverzeichnis ist um ein vielfaches dicker ist als dasjenige dieses jämmerlichen Sonntagsschriftstellers. Und ihre Schriften beeindrucken nicht nur quantitativ, sondern sind auch qualitativ über alle Zweifel erhaben. Zwar zugegebenermassen – wie es sich den Gepflogenheiten ihres Standes entsprechend eben gehört – geben sie sich meistens schwer verständlich und unzugänglich, fast ein bisschen artifiziell, aber sie bewegen sich dafür auf höchstem wissenschaftlichem Niveau. Von ihnen also zu erwarten, dass sie sich dazu hergeben würden, kommentarlos, sozusagen als einerseits unentbehrliche, nützliche Zuarbeiter, sich dann aber im entscheidenden Moment bescheiden zurückhaltende Handlanger im Hintergrund, dieses unerträgliche Gesabber über sich ergehen zu lassen und dann erst noch den ganzen, unter grossem Aufwand selbst mitbewirkten Erfolg diesem literaturhistorischen Analphabeten alleine zu überlassen, ist eine bodenlose Zumutung. Sie lassen sich von ihm doch nicht als Trottel behandeln! Was weiss der schon vom nächtelangen Ringen um wasserdichte Formulierungen, die der akademischen Kritik und dem literarischen Feuilleton gleichermassen standhalten können? Und das alles hat man sich heroisch mit unerbittlich wundgeschriebenen Fingern für dieses unbedarfte Jungchen abgerungen? Eine Ehrentribüne, von der aus sie nach erfolgter Lesung als berufene Kritiker das Urteil über gut oder schlecht verkünden könnten, wäre das Mindeste, was sie erwarten dürften!
In Ermangelung der offziell honorierten Kritikerfunktion sind sie somit ja geradezu gezwungen, sich auf andere Weise Beachtung zu verschaffen. Es bleibt ihnen also gar nichts anderes übrig, als bei entsprechender Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen, auch wenn dies für den einzelnen Vorlesenden vielleicht im Moment etwas unangenehm sein mag. Deshalb muss wenigstens so ein ausführlich wahrgenommenes Publikumsvotum als willkommener Anlass dafür herhalten, wieder die richtige Balance herzustellen und den fachlich unkundigen Musensohn mittels Unterstellung von Inkompetenz und Ignoranz unmissverständlich zurechtzuweisen und ins richtige Lot zu bringen. Dies ist wohl die einzige Möglichkeit, ihn so von der abgehobenen Wolke des Erfolgs wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und sich auf diese Weise dafür zu rächen, dass er, und nicht sie, sich da oben präsentieren und die Huldigungen des Publikums entgegennehmen darf.

Heinrich sah ein, dass er im Unrecht war. Ein vermessener Scharlatan, ein anmassender Nichtskönner, der glaubte, auf einfache Weise – ohne solides, langjähriges, und alle abwegigen Ideen in ordentliche Bahnen lenkendes, ja seinen ganzen Charakter und seine Einstellung zurechtbiegendes Studium – zu Erfolg kommen zu können. Er hatte wohl seine Träume mit der Realität verwechselt. Was bildete er sich überhaupt ein?