PENDELNvon Götz Schwirtz
Das Paradies ist zwölf Kilometer lang. Mit diesem Versprechen drückt der deutsche Staat meinen Fuss gegen den Widerstand in Kopf und Gaspedal. Für solche Spurts kauft man die PS, ich schere aus und nehme mir die neue Spur. Die Xenonpunkte schneiden mir den Weg frei, kalt und trocken versurren sich die Winterpneu.
Der Horizont glüht im Rückspiegel. Einmal im Monat tut er das. Einmal im Monat reise ich in den Osten. Nach Hause sage ich schon lange nicht mehr. Das wird aus Freitagabenden, ich freue mich am Duft des hellen Leders, besonders, wo er sich am Lenkrad mit meinem Schweiss vermischt und fühle mich frei, nur weil ich die letzten tausend Kilometer der Woche für mich allein rolle. Sonst sind meine Fahrten einsingen. Einsingen auf den Kunden.
Drüben im Osten, den ich so nenne, seitdem ich nicht mehr zu Hause sage, glaube ich immer noch den Tonfall zu treffen, so aus dem Blut, den Tonfall in Gesprächen die ich führe, um mich zu vergewissern, dass ich wieder fahren werde. Am Sonntagabend, den Schmerz mit alten Platten zudröhnend, rasend, auf der Flucht in mein kaltes Bett.
Unter der Woche im Westen mache ich bei den Rücktouren Gesichtsgymnastik gegen die Sedimente der vielen Freundlichkeit.
Leasingwagen der Wahl, damit hatten sie mich. Ich fragte nicht mal meine Frau, überzeugt davon, nur ein Glückspilz könne neuzehnhundertneunzig das Problem Arbeit und Unterhalt für die Familie, sowie den Wunsch nach einem Auto, im Bündel lösen. Von da an lebte ich auf der Autobahn. Die kläglichen Jahre des Zusammenbruchs, die Illusionen die zerplatzen und die viel grösser und bunteren, die ihnen nachfolgen würden, ersparte ich mir und fuhr dem Neuen schon mal entgegen. Ich fahre immer noch. Es ist sehr gross das Neue, deshalb dachte ich, es sei weit weg. Man kann ihm nicht entgegen fahren. Es war schon immer da, riesengross vor der Tür, da hatten die Genossen recht und als ihre Bürger endlich durchgesetzt hatten, das endlich mal gelüftet wurde, in dem kleinen Land in dem es schon recht ranzig roch, war der riesige Fuss nicht mehr aus dem Türspalt zu bekommen, durch den er fortan Waren kickte. Totes, das den zunehmenden Leichengeruch der DDR überdecken sollte. Doch deren modriger Odem ging ganz mit dem Wind und seiner Schwester , der Zeit. Der Parfümgestank, der vor zehn Jahren dem Neuen vorausgeschwebt war, blieb.
Andere Reisende hatten mir gesagt, es entscheide sich in den ersten fünf Jahren, ob man von zu Hause weg bleibe. Genau in diesen Jahren, sah ich den Osten gar nicht, vor lauter Luftballons. Bunter, lauter, süsser, doch irgendwie gleich. Mir schien, als machten die Daheimgebliebenen unter den neuen Bedingungen einfach weiter. Was sollten sie auch anderes tun? Ich war schon aus ihrer Welt gefallen und hatte es noch nicht bemerkt. Gerade weil die Heimat fremd geworden war, liebte ich die Wochenenden. Der Westen hatte mich ökonomisch gemacht. Aktive Erholung ist die Beste, also tobten wir an den Wochenenden durch die vielen neuen Kinos und Spassbäder, die mir meine Tochter zeigte. Meine Frau nahm nicht teil. Nach zwei Jahren meiner Pendelei, sagte sie, sie sei kein Erlebnispark fürs Wochenende und Lust auf einen harten Penis habe sie auch ab und an mal werktags. Ab da fuhr sie nach Übergabe von Tochter und Haushalt sofort mit ihrem Auto nach Homburg in die Hauptwohnung ihres neuen Abteilungsleiters, der den Ossis zeigen sollte, wie man es richtig macht, bei dem meine Frau auch unter der Woche schon Nachhilfestunden nahm, wie meine Tochter berichtete, die Hubert gut leiden mochte. Nach der Scheidung zogen sie dann alle zusammen nach Homburg. Die zweite private Tour des Monats, führt mich zu meiner Tochter, doch das ist eine andere Geschichte.
Schlaflos strich ich durch den Bauch der Städte, auf die ich mich nicht freute, wenn ich von ausserhalb mein Bett in ihnen ansteuerte. Immer verstand es der Westen, mich auf Abstand zu halten, während ich durch seine Innerein streunte. Seine Dreckseiten präsentierte er so stolz, das ich staunte. Und ich staunte wie viele hier glauben, sie würden leben. Wer sich selbst verwirklichen will, kann das tun, muss sich nur stark genug und immer wieder durchsetzen. Schön ist, dass jeder andere das auch darf. Ein mächtiges Geruder derer , die tief verinnerlicht haben, nur einmal zu leben. Der Krieg der Glücklichen und Suchenden. Die Mutter aller Süchte, die Sucht nach sich selbst, ist hier die Generalin die dich jeden Morgen in die Schlacht schickt und dir nachts als Marketenderin die neuen Wunden heilig küsst. Menschen fand man im Gewirr mitunter. Doch hatte ich das Prinzip des Westens, Gäste ohne die leiseste Empfindung durch sich hindurchgehen zu lassen, schon angenommen. Ich machte auf und hätte alles offenbart was ich glaubte, man wolle es offenbart haben, doch ich kam selten zu Wort, wenn meine Freundinnen erst einmal angefangen hatten zu reden. Ihr unbedingter Wille zum Glück äusserte sich im Bett klarer als in ihren Selbstauskünften. Ich bekleckerte gross bedruckte Sofas in halb Europa, doch konnte mich auf keines setzen, wenn ich mal wo bleiben wollte. Ich wusste selbst nicht, wo ich bleiben wollte. Andere Reisende, die wie ich ihre Provisionen in Immobilien investiert hatten, an denen sie immer nur vorbei fuhren, empfahlen mir die Berge oder das Meer. Das wären ideale Orte um das Pendel einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Meer oder Berge. Für beides liesse mir das Geschäft keine Zeit und mich entscheiden mochte ich auch nicht, es lähmte, wenn ich bemerkte, dass private Entscheidungen von meinem Gelderwerb diktiert wurden. So traf ich keine mehr. Arianna aus dem Internet hatte mir geschrieben, auf Sardinien könne ich beides haben. Sie würde oft der Sonne von halbem Berge beim Sinken zusehen und wenn sie beginnt in den Horizont zu tauchen mit ihr um die Wette den Berg hinan rennen.
Es gibt also Leute die rennen mit der Sonne um die Wette. Wenn ich nun, statt mir das Weiterleben meiner Mutter ein Wochenende lang anzuhören, hier kehre, um morgen früh die Fähre in Genua zu erreichen? Ich weiss schon lange, dass sie fährt. Ich könnte in Cagliari klingeln und hoffen, dass Arianna beim Alter genauso geschummelt hat wie ich.
Dort ist gerade eine Ausfahrt, das erste Mal drücke ich mich vor dem Osten und wende.
Komm Arianna zeig mir, wie die Sonne länger scheint! Hier lockt sie tief und blendet, so ist der Westen. Sonnenbrille! Als ich meinen Kopf wieder nach vorn wende, flutet mir die Welle roter Lichter entgegen. Jetzt in die Eisen! Auch dafür hab ich den Wagen. Die Bremsen rattern, doch hier scheint es glatt zu sein. Das wird eng. Neben mir kracht Blech, ich hab noch fünfzig Meter bei hundertsiebzig. Autos fliegen vor mir durch die Luft. Warum rase ich völlig entspannt in mein Ende? Weil ich doch ein Glückspilz bin und es sich zu Haus am schönsten stirbt?
Ein Bus steht quer, in den ich rase. Reisende sterben unterwegs.