Kalte Fragenvon Götz Schwirtz
Das Plateau hatte gelockt und mich die letzten Meter immer schneller steigen lassen. Nun stehe ich auf ihm und die Oberschenkel zittern fein. Darum das alles? Stieg ich über fünfzehnhundert Meter um mich des Ausblicks zu erfreuen? Der ist grandios, zweifelsohne bestens zur Rast geeignet.
War das mein Ziel? Die Weite aufsaugen bis meine Enge an ihr zu platzen droht, um sie daheim zerbeult und verdrückt wieder hervor zu würgen? Sprudelnd berichten, wovon ich nicht berichten kann und dabei übersehen müssen, wie wenig meine Frau den Furor teilt, für Höhenwege, die sie nie ging.
Ich habe keine Frau. Zum Glück habe ich überhaupt niemanden, dem ich versuchen wollte zu erklären, was ich gerade erlebe. Was erlebe ich denn? Ist es der freie Blick hinunter in die Welt oder nur die Freude, mich so weit von ihr entfernt zu haben? Die dünne Luft kann es nicht sein, auf meinem Weg ist Höhenrausch nicht vorgesehen. Was macht mich dann euphorisch? Der weite Blick des Königs übers Land? Das ist nicht mein Land. Dies nicht und kein anderes. Erhebt mich die Einzigartigkeit des Augenblicks zum König? Wo bleibt die Einzigartigkeit, wenn ich sie erkenne? Diesen Blick haben nicht viele, im Moment habe nur ich ihn.
Macht mich das froh?
Macht mich das frei?
Die Autobahn auf der ich täglich rolle, zieht eine grobe Naht durchs Land. Von der lockte mich der Berg, dessen Spitze wie eine Jacobinermütze zur Seite fällt. Eingesperrt zwischen den Leitplanken war genügend Zeit mir seinen Gipfel anzusehen, während vor uns Genervten Leichen aus dem Weg geräumt wurden. An diesem letzten Abend für fünf Hip-Hop Freunde lernte ich den Berg kennen. Die Alpen glühten, doch sein Zipfel blieb dunkel, er neigt sich nach Südosten. Ich verglich ihn, der seit Jahren täglich im Augenwinkel mitfuhr, mit seinen grösseren Nachbarn, deren Höhen man irgendwann auswendig kennt. Er musste zu erreichen sein. Daheim suchte ich in den Karten und fand tatsächlich einen ganz normalen Wanderpfad. Das war wichtig. Nicht mal ein Seil habe ich dabei und wüsste auch nicht wie damit umgehen. Heute bin ich mein eigener Knecht und trage den Herren, der in mir ist, den Berg hinauf. Das macht mich glücklich.
Ist es denn Glück? Oder nur Befriedigung? Kann ich das unterscheiden?
Geht es mir noch um Glück?
Was lässt mich schwelgen? Doch Freiheit? Kann ich Freiheit empfinden, wenn ich Unfreiheit nicht spüre? Oder bin ich frei, zwischen Leitplanken auf Beton in zwei Tonnen Stahl? Gehöre ich nicht zu den Millionen Unterbelichteten, die nicht einmal bemerkten, dass sie eingesperrt waren? Von Kindheit an von kleinen Lautsprechern umgeben, den "Antifaschistischen Schutzwall" im Ohr, sahen viele die Mauer gar nicht. Mir war sie dunkel anziehendes Substrat all der Merkwürdigkeiten im Land, die auch einem Jungpionier schon auffallen konnten. Erst als ich sie hinter mir liess, um mir von fränkischen Autohändlern das Wesen des Kleinkredit erklären zu lassen, war sie mir egal. In Paris habe ich gedacht, was ich hier von den Bergen brüllte: "Und das wollte Honecker mir vorenthalten!"
Hier oben ist keine Mauer. Nach Norden geht mein Blick unbegrenzt, bis ihn die hohen Nebel stoppen. Hinter mir erhebt sich der Zipfel. Ist freie Sicht die eigentliche Freiheit? Genau vor der hatten die Genossen doch Angst. "Du hast ja ein Ziel vor den Augen", so ging eines der Lieder, das auch die lernten, die es nie mitsangen. Der Blick war verstellt mit einer Mauer an die in einer vierzigjährigen Schlaufe hehre Ziele projiziert wurden, bis man sie für einen Teil der Realität hielt. Völlig egal ob man dafür oder dagegen war.
Ist Freiheit, gehen zu können wohin man will? Oder beginnt Freiheit erst, wenn man auch wieder zurück kann? Aus der DDR konnte man überallhin reisen, musste aber als erste Station das Auffanglager Giessen in Kauf nehmen und hätte nie wieder zurückkehren können. Erst als das diese grundlegende Regel nicht mehr galt, und damit keine andere mehr, die dem Land ein Band gegeben hätte, ging ich. In die Nähe der Berge und kehrte nie zurück. Inseln habe ich auch getestet. Kleine Inseln, auf deren Erhebungen man um sich blicken kann und nur noch Wasser sehen. Die lockende Ferne, die wenn man losfahren würde, nichts weiter ist als noch mehr Wasser. Endlos scheinendes Wasser bis eine Küste auftaucht. Amerika. Nicht mal wer sich vernavigiert, findet sicher die Endlosigkeit. Kann man etwas finden, was kein Ende hat? Bin ich hier oben freier als auf dem Ozean? Kann ich überhaupt freier als frei sein? Oder bin ich nur erhabener für diesen Moment, selbst erhoben über die Anderen, die unten über die Autobahn jagen, wie ich es morgen auch wieder soll? Für einen Moment scheine ich zum Stillstand gekommen zu sein, wie diese Berge hier, die sich nur langsamer bewegen, als wir sehen können.
Ist es die Stille, die mich fasziniert? Stille, die keine ist. Der Wind spielt auf den Steinzacken, Bergdohlen rufen oder sind das sogar Murmeltiere? Ich muss zu niemandem sagen: "Du wirst es nicht glauben, ich habe sogar Murmeltiere pfeifen hören."
Halte ich schon für Stille, was nur die Abwesenheit von Lärm ist?
Bin ich hier oben ganz mit mir? Nein, ganz mit dem Berg bin ich. Der ist jetzt mir. Nein, ich bin ihm.
Das gelbweisse Schild zeigt die Höhe des Plateaus und gleichzeitig das Ende des Bergwanderweges an. Ein anderes, blau-weiss, weist seine Fortführung als hochalpine aus. Achtung nur mir Ausrüstung! Wer sagt mir das? Wer herrscht mich da an? Wer schränkt mir meine Freiheit ein? Ich leere meine Wasserflasche, vertilge die Riegel. Den Rucksack kann ich also zurücklassen. Warum soll ich vor der Jacobinermütze umkehren, wegen der ich kam? Fünf Hip-Hop Freunde können diesen Weg nicht mehr gehen. Ich kann es. Höchstens einhundert Meter sind es noch bis zum Gipfel, weiss ich aus den Karten, und so gefährlich sieht der Aufstieg nicht aus. Keine glatte Wand, keine Spalten. Ich fange an zu steigen. Eine Weile geht es noch wie auf dem Weg bis zum Plateau. Also komm, du Berg, lass es mich wissen! Erst locken und sich dann sträuben! Vergewaltiger geben an, das triebe sie. Ich bin keiner. Oder doch? Vergewaltige ich diesen Berg, indem ich ihn bewältige? Auch er könnte nicht wollen, das ich ihn besteige. Treibt mich das an? Nein, ich bin kein Vergewaltiger und auch kein Kämpfer. Widerstand macht mich nicht heiss. Vergewaltigt der Berg mich? Höchstens verführen kann er mich.
Ab und an braucht es jetzt schon eine Hand. Freundlich reicht mir der Fels seine zackigen Vorsprünge, die ich umkralle und die mich immer halten. Er ist so stark und staunend sehe ich die Finger schmerzlos bluten. Tritt suchen, Tritt finden. Mit der Hand Halt suchen, Halt finden. Die steilen Wände zwingen mich, Halt zu finden, den ich unten in den Ebenen nicht suche. Das tut sehr wohl. Ich vertraue dem Berg, der immer wieder einen Tritt, einen Griff aus seinem Stein schiebt. So einfach hätte ich mir das nicht vorgestellt. Auf halber Höhe stoppe ich. Verschnaufen. Warum soll man nicht nach unten sehen? Ich bin der Berg und der kleine bunte Punkt da unten, mein Rucksack, ist ein Zeichen aus dem Leben davor. Keine Spur von Schwindel, kein Hauch von Angst. Ein kleiner Grat lässt schräg über mir Himmel sehen, wo bis eben nur Fels war. Ich strecke mich, muss noch einen Tritt höher suchen, den ich finde und umklammere mit beiden Händen den festen Stein. Noch einmal alle Kraft in die Beine, abstossen und schon liege ich mit dem Bauch über dem Grat. Auf der anderen Seite geht es steil nach unten. Langsam ziehe ich mich auf den Sattel. Hossa, mein grosses Pferd! Nun reite ich dich! Berg, spürst du mich? Ich bin dein Jockey!
Vor mir hat ein alpin Ausgerüsteter einen Ring in den Fels geschlagen. Den kann ich gut gebrauchen, ziehe mich nach oben vom Sattel und bin am Saum der Mütze angelangt. Ganz erstaunlich, hier kann ich wieder stehen. Fast aufrecht gehe ich weiter, ab und an rutscht mir ein Stein unter den Füssen weg. Vielleicht laufe ich zu schnell und stütze mich doch wieder mit den Händen, bis ich auf allen Vieren bin. Seitenblicke offenbaren mir jetzt schon, was mir auf dem Plateau verborgen blieb, den Blick nach Süden.
Glatt und wie für einen Mann wie mich zum Sitzen gemacht, bietet sich der höchste Punkt an, bevor die Zipfelmütze wieder abknickt. Höher geht es nicht. Jetzt habe ich Blick ringsum. Keine Spur von Mittelmeer, das ist zu weit, doch durch Spalten viel höherer Berge, kann ich Dunst sehen, den ich südlicher Wärme zuschreibe. Jeder neue Blick hier bringt neue Berge mit sich. Genau so hat das damals angefangen mit der Ferne. Auf abendlichen Radtouren über die geschwungenen Hügel meiner Heimat wollte ich nie aufhören und nur sehen, was hinter dem nächsten Hügel kam. Noch einer. So entdeckt man seine Heimat und sich, wenn man kein Auto hat. Nur die einbrechende Dunkelheit oder ein Kettenriss konnten mich zum Umkehren bewegen. Manchmal nahm mich ein Wismutlaster mit zurück in die Stadt. Wenn nicht, kam ich nächtens an und verschlief den nächsten Morgen. Das Zurück war mir schon immer egal. Oder ist das Freiheit? Wenn man nicht zurück will und nur immer weiter? An die Mauer bin ich freilich nie gestossen. Freunde wurden südlich Leipzig verhaftet, weil sie sich mit einem Faltboot zu Fuss in Richtung Ostsee aufgemacht hatten. Versuchte Republikflucht warf man ihnen vor, in flagranti vierhundert Kilometer vor dem Meer. Die verliessen die DDR dann tatsächlich schnell, nachdem sie wieder frei waren. Sie hatten die Unfreiheit gespürt. Warum fallen mir hier oben diese Freunde ein, die schon lange keine mehr sind? Weil mich ein ziviler Offizier fragte, ob ich wüsste, wohin die wandern wollen, mit einem Faltboot unterm Arm? Warum werde ich nicht frei von diesem Land? Hinterlässt Unfreiheit Spuren, die ich nicht mal hier oben mit Blick übers Ganze loswerde? Oder ist die Freiheit weniger angenehm, als die ständige alles grundierende Hoffnung auf sie?
Mit blossen Händen ist es völlig ausgeschlossen, den Weg rückwärts zu nehmen und einen anderen gibt es nicht. Das Telefon blieb mit Bedacht im Rucksack. Keiner unten wird Helikopter losschicken, da niemand unten wartet, das ich erzähle, wie es oben war.
Werde ich endlich frei davon, die Lösung der Frage, die jeder Berg ist, immer hinter dem nächsten zu vermuten? Frei von Fragen?
Ist Freiheit keine mehr nötig zu haben?
Es ist kalt.