Schreibgedanken
von René Wohlhauser

Heute sass Heinrich am Schreibtisch, über die zuletzt zu Papier gebrachten Sätze seines Romanfragments gebeugt, immer wieder von der Konzentrationverlassen, aus seiner literarischen Welt hinausgelockt durch die leichte Verführung abschweifender Gedanken.

Denn er fragte sich, ob er es jemals schaffen werde, aus diesen paar verschrobenen Zeilen einen vernünftigen Roman zu entwickeln. Schon viele Male war er an diesem immergleichen toten Punkt angelangt:
Der Anfang war überhaupt nicht schwer: Unter dem Eindruck einer ihm erschienenen Vision schuf er wie in Trance. Seine Hand schien wie von einer fremden Macht geführt sich zu bewegen und warf die Sätze nur so hin. In traumwandlerischem Enthusiasmus entstand so binnen kurzem ein ansehnliches Konvolut von flink hingekritzelten Seiten. An Überarbeitung zu denken, dazu kam er in diesem Zustand schon gar nicht. Dazu blieb keine Zeit, denn ein Gedanke jagte den nächsten und jeder wollte so schnell als möglich schriftlich festgehalten werden, bevor er drohte, unter dem Druck der nachfolgenden verloren zu gehen und ins Dunkel des Halbbewussten zurückgedrängt zu werden. Dorthin, von wo er sich soeben unter erheblicher Anstrengung hatte in Heinrichs Bewusstsein emporkämpfen können, um so für einen kurzen Augenblick die Chance zu erhalten, eventuell ins Blickfeld der Aufmerksamkeit des Schreibenden - und damit womöglich ins ersehnte Licht der literarischen Beachtung - zu rücken, und weshalb dieser hereingewuselte undverzweifelt strampelnde Gedanke Heinrich nun dringend um Hilfe anrief, um sich diese günstige Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Von überall her wurde Heinrich gerufen. Alles floss zusammen wie aus einem Guss. Jedes Wort war richtig, jeder Satz schien wie von göttlicher Hand unveränderbar zusammengefügt. Alles stimmte.
Dann, allmählich, verlangsamte sich das Tempo. Die Vision verblasste, wurde immer mehr zugedeckt durch Alltagskram. Die Wände der abgekapselten Traumwelt veränderten sich, wurden durchlässiger. Andere, störende Gedanken begannen einzusickern. Nun wurde Heinrich auch von Gedankenwesen angerufen, die nichts mit seinem Geschriebenen zu tun hatten, die also nicht bereit waren, sich der Ausrichtung auf das Kunstwerk unterzuordnen und sich inden Dienst seiner Hervorbringung zu stellen, sondern die ihr eigenes, abweichendes Dasein beanspruchten. Und deshalb versuchten sie, Heinrich seinem Auftrag gegenüber abspenstig zu machen und ihn in ihre Dienste einzuspannen.
Sosehr Heinrich sich auch bemühte, er vermochte die arbeitsmotivierende und energiespendende Kraft der schöpferischen Utopie, die unter der Flut der nachfolgenden Ereignisse nach und nach ihre Konturen verlor, nicht präsent zu halten. Die Erinnerung daran entglitt ihm immer mehr, verflüchtigte sich wie Weihrauch. Es kam ihm vor, als habe man ihn nach einem Kurzbesuch wieder aus dem wohlbehüteten Musenreich hinausgeworfen.
Dort, wo einem die guten Einfälle nur so zufliegen und wo man vor quälenden Fragen gefeit ist, weil alles schon von einem absoluten Geist durchdrungen und durchdacht worden ist und einem von oben her eingeflüstert wird,was man zu tun hat. Dort, wo im goldenen Tresor der Erkenntnis die perfekten Kunstwerke der Zukunft lagern, zu denen man nur als Auserwählter Zugang hat. Wo man sich eine dieser Preziosen aussuchen darf. Oder vielmehr: wo man von einer dieser Preziosen so sehr in Bann geschlagen wird, dass man sich ihr nicht mehr zu entziehen vermag und nun ruhelos umherirrt, vom Auftrag besessen, diese ideelle Kostbarkeit in ein allgemein zugängliches Kunstwerk umzusetzen. Wo man dann die vorgegebenen Strukturen nur abzuschreiben braucht, um erleben zu dürfen, wie gleichsam ohne spürbare Anstrengung und ohne Ringen ein Meisterwerk unter den eigenen Händen Gestalt annimmt. Obwohl man im Gegenteil in Tat und Wahrheit - aber ohne dass man sich der damit verbundenen Mühe bewusst ist - nächtelang schlaflos dazu getrieben wird, wie verrückt an der schwierigen Geburt dieses noch kaum fassbaren Inspirationsgeflechts zu arbeiten.
Nun aber hatte man ihn in der Welt der Unzulänglichkeiten und der allseits lauernden offenen Fragen ausgesetzt. Eine Welt voller Hindernisse und Irrwege, voller Zweifel und Ambivalenzen, wo man sich jeden einzelnen Schritt in einem mühsamen Arbeitsprozess abringen muss, und dennoch nie sicher sein kann, ob man nicht die ganze Zeit in die falsche Richtung gegangen ist.
Plötzlich schossen grundsätzliche, und die Begeisterung lähmende Fragen hoch. War das eine gute Geschichte, die er da zu erzählen beabsichtigte? Interessierte sie überhaupt jemanden? War er dazu fähig, diese Aufgabe zu bewältigen, oder hatte er sich dabei masslos übernommen? War das ein logischer und überzeugender Aufbau, den er sich da ausgedacht hatte, oder wären andere formale Dispositionen und Entwicklungen auch erwägenswert oder gar eindeutig besser? Und wenn ja, welche? Wie lässt sich das vollkommene Thema finden, für das es sich lohnt, jahrelang hinter dem Schreibtisch zu sitzen und auf die Vergnügungen des Lebens zu verzichten?
Die einst so unerschütterlich festgefügte Folgerichtigkeit der Geschichte löste sich immer mehr auf, zerfledderte in hundert Richtungen und in tausend Möglichkeiten. Jede Weiterführung schien denkbar, nichts war mehr ausgeschlossen und nichts mehr zwingend. An jeder Stelle schien das Gegenteil mindestens genauso plausibel zu sein. Das Vertrauen in die von innen her geführte Logik schwand dahin. Wieso jetzt diese Abzweigung nehmen und nicht die gegenüberliegende? Was war an dieser Stelle besser: Kontinuität oder Überraschung? Wieso jetzt dieses Bild und nicht ein anderes? Machte das Ganze überhaupt Sinn? War nicht die ganze Konstruktion sowieso schon schief? Nichts schien mehr zu stimmen. Wieso den Satz mit "Wieso" beginnen und nicht mit "Warum"? Warum nach diesen atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen nicht mit einem experimentellen Text weiterfahren? Das wäre doch ein interessanter Gegensatz, der die Beschreibungen von einer überraschenden Seite her reflektieren würde. Oder warum nicht den Textfluss in Nonsense-Assoziationen überführen, wo sich alles ins Irreale auflöst? Oder vielleicht den gemächlichen Sprachduktus mit ironischen und paradoxalen Wortspielereien auflockern und selbstkritisch hinterfragen, um damit dem Leser und vorallem dem Kritiker zu zeigen, dass man sich beim Schreiben etwas gedacht hat und nicht dem abgegriffenen Klischee einer ungebrochen affirmativen Erzählweise aufgesessen ist. Oder warum nicht ganz neue Wörter erfinden - oder gar eine neue Sprache? Wer sagt denn, dass es immer die konventionelle stilistische Geschlossenheit sein müsse, die ein Werk als interessant erscheinen lässt und seine Qualität garantiert? Wäre nicht etwas Anderes, Neues, Ungewohntes viel spannender? Gibt es überhaupt noch etwas Neues? Ist nicht mit Dada die äusserste Grenze des sprachlichen Ausdrucks schon erreicht und alles gesagt worden? Vielleicht müsste Heinrich sich von all diesem intellektuellen Ballast und von seinen Hemmungen und Skrupeln befreien und den verkopften, verpflasterten Weg zu seinem inneren Selbst freilegen: das Bewusstsein ausschalten, wahllosauf der Tastatur herumtippen und schauen, was dabei herauskommt.

Eine genaue Analyse dieser kryptischen Hervorbringung kann darin durchaus beziehungsreiche und auf verschiedenen Nähe- und Entfernungsgraden gelagerte Analogien sowie eine immanente Logik und einen übergeordneten Sinn ausfindig machen. Davon war Heinrich überzeugt. Ein Buch, angefüllt nur mit solchen Zeichenkombinationen: Das wäre der radikalste Roman, den Heinrich sich vorstellen konnte. Die Entschlüsselung dieser chiffrierten Ausdrucksbekundungen wäre der direkteste, unverfälschte Weg zu seinem Unterbewusstsein, der Code zu seinem inneren Selbst. Die reine, subjektive Wahrheit. Alles andere ist im Vergleich dazu nur Abklatsch, Kompromiss, Anbiederung.

Er spürte: wer an diesem Punkt angelangt ist, für den gibt es kein Zurück.

Und keine Diskussionen mehr.



Er legte den Bleistift hin und ging schlafen.



Am anderen Tag sah das Ganze wieder etwas anders aus. Sein Manuskript fand er nun doch wieder nicht so schlecht. Es steckte durchaus auch eine Wahrheit darin. Warum soll die sinnliche, in kunstvoll formulierten Gedankengängen verschlüsselte Wahrheit weniger interessant sein als die abstrakte, sich kryptisch gebende, die sich hinter einer direkten Aktion verbirgt und die dann behauptet, die einzig reine und authentische zu sein? Es ist doch wesentlich spannender, mit dem Unvollkommenen zu kämpfen, als die aalglatte Perfektion, die ultimative Lösung aller Probleme zu präsentieren - und sich dann zu verabschieden, weil es nichts mehr zu sagen gibt.

Also nochmals das Ganze von vorne, denn wer an diesem uferlosen Punkt angelangt ist, an dem er in der Richtungslosigkeit der Gedanken und im Meer der semantisch ungeordneten Buchstabenflut zu ertrinken droht, für den gibt es nur noch eines: sofort aufhören und neu beginnen - oder wäre es nicht noch besser, ganz aufzugeben?
Wer zwang ihn denn, sich in diesem Labyrinth eines grossen Romans zu verirren und Gefahr zu laufen, in der Mitte des Irrgartens auf den Nachkommen des Minotaurus, auf den hämisch grinsenden Vanitas zu stossen, statt sich ein angenehmes Leben zu gönnen?