Editorial

In einer Zeit, in der sich bedrohliche Szenarien häufen, hört man oft den Satz: Die Realität übertrifft die Fiktion. Aber gibt es tatsächlich eine trennscharfe Grenze zwischen Realität und Fiktion? Gehören nicht vielmehr beide Wahrnehmungs­ebenen schon seit jeher zusammen?

In der Literatur jedenfalls erscheint die Gleichzeitigkeit dieser beiden Wirklichkeitsformen in zahlreichen Varianten, was sich auch in der Überwindung von vermeintlich festen Genregrenzen zeigen kann. An diesen literarischen Schnittstellen entsteht Neues, Grenzen werden aufgebrochen oder verschoben, der Fokus wird neu justiert.

Wenn Sie an die 38. Solothurner Literaturtage reisen, liebe Besucherinnen und Besucher, wird Ihnen das Thema von Fiktion und Realität immer wieder begegnen, es ist als roter Faden in das diesjährige Programm eingezogen:
Wo liegen bei Tomas Espedal die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion? Wie gehen Virginia Helbling in ihrem Debutroman oder der Graphic Novel­ist Reto Gloor diese Frage an? Oder wo befinden sich Schnittstellen zwischen ­Literatur und Journalismus, wenn der Schweizer USA-Korrespondent Sacha Batthyany die Geschichte seiner Grosstante, einer Anhängerin des National­sozialismus, erforscht oder Autorinnen und Autoren wie Nora Bossong, Annette Hug, Perikles Monioudis und das italienische Kollektiv Wu Ming historische Figuren ins Zentrum ihrer Texte rücken?

Wir laden Sie ein, an den Literaturtagen diesen Faden aufzunehmen, wenn die eingeladenen Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer aus der Schweiz und dem Ausland ihre Wirklichkeiten enthüllen, Fiktionsräume schaffen und dabei dringliche Fragen zu aktuellen Themen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft stellen.

Die diesjährige Werkschau hat wieder vieles zu bieten. Und die Auswahl an Veranstaltungen ist reichhaltig: Kinder- und Jugendliteratur, Übersetzungen, Poesiesalons, vielversprechende Debuts, die Buchpremiere des Erzählbandes von Saša Stanišić, zwei Hommagen – eine an Kurt Marti und eine an Alberto Nessi, den Preisträger des Grand Prix Literatur 2016 – und vieles mehr. In Solothurn wird drei Tage lang gelesen und zugehört, übersetzt, diskutiert, zelebriert, per­formt, gesungen, rezitiert, signiert und gefeiert. Und das auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Norwegisch, Englisch, Spanisch und Russisch.

Wir wünschen allen scharfsinnige, einfühlsame, kritische, politische und humorvolle Momente.

Die Programmkommission