Silvia Kaufmann

2007

Ich habe die Macht

von Silvia Kaufmann

Da gibt es etwas, etwas das nur mir gehört. Niemand weiss davon, niemand kann es beeinflussen. Tag für Tag dieselben Menschen um mich rum. Sie versuchen mich zu verletzten, ich bin eine leichte Beute. Aber ich zeige es ihnen nicht, keine Schwäche, kein gar nichts. Da gibt es etwas, dass können sie mir nicht nehmen. Es ist mein Spiel, mein Ritual. Da bin nur ich, ich habe die Macht.

Ich weiss genau was ich jetzt tun werde. Ich betrete mein Zimmer und schliesse die Tür hinter mir. Mein Blick wandert zum Bücherregal. Es ist als würde Oliver Twist mich rufen. Also gehe ich rüber, greife mir das Buch und schlage Seite 134 auf. Ein Briefumschlag klebt auf dieser Seite, mein kleines Geheimnis. Ich öffne den Umschlag, hebe ihn ein wenig an und schon gleiten drei kleine Metallstücke in meine Hand. Zwei davon lege ich wieder zurück in den Umschlag, schliesse das Buch und stell es an seinen alten Platz zurück. Armer Charles Dickens. Ich denke nicht dass er gewollt hätte, dass seine Bücher als Geheimversteck für Rasierklingen dienen. Kaum ist der Satz zu ende gedacht, fühle ich mich noch schlechter. Ich kriege sogar ein schlechtes Gewissen Menschen gegenüber, die längst unter der Erde liegen. Aber ich habe nicht lange Zeit mir darüber Gedanken zu machen, die richtige Musik muss her. Eigentlich will ich das alles nicht tun, aber das Ritual hat bereits begonnen. Und noch bevor die ersten Klänge von Alexi Murdochs Orange Sky ertönen sitze ich im Schneidersitz auf meinem Bett. Die Rasierklinge, Taschentücher und Verbandsmaterial liegen ausgebreitet vor mir. „Well I had a dream, I stood beneath an Orange Sky…“ fängt Alexi im Hintergrund an zu singen. Und dann ist er da, der Moment. Der Moment in dem ich kurz davor bin etwas zu tun wovon ich genau weiss, dass ich es bereuen werde. Ich versuche ein paar Mal tief Luft zu holen, betrachte meine sorgfältige Vorbereitung und frage mich selbst die Frage aller Fragen: „Willst du das wirklich?“ Für zwei Sekunden schreit mein Verstand ein lautes Nein, doch dann verstummt er. Alles ist still, nur Alexi, die Klinge und ich. Langsam ziehe ich meinen linken Ärmel zurück. Sorgsam betrachte ich meine Narben und die Überbleibsel vom letzten Mal. Ich greife zur Klinge, setzte sie an meinen Arm und beginne mit meinem eigenen kleinen Spiel. Ich fühle wie das Adrenalin durch meinen Körper jagt und ich weiss dass ich mich erst wieder beruhigen kann, wenn ich das Blut sehe. Schmerzen fühle ich keine, nur ein Pochen in meinem Schädel. Ich spüre wie ich die Kontrolle verliere. Aber es fühlt sich gut an. Und erst als Alexi zum fünften Mal anfängt über den orangen Himmel zu singen, lege ich meine Klinge beiseite. Ich atme durch und für einen kurzen Moment fühle ich mich frei von allen Sorgen. Ich geniesse diesen Moment denn ich weiss ich habe teuer genug für ihn bezahlt. Behutsam stille ich die Blutung. Mittlerweile bin ich ganz gut darin mich selbst zu verarzten. Das Ritual ist nun beinahe vollendet, nur die Musik muss jetzt weg. Ich will absolute Ruhe. Ich will die Stille in mir selbst geniessen. Am nächsten morgen wird alles anders sein, der bittere Nachgeschmack so zu sagen. Aber jetzt in diesem Augenblick will ich einfach nur ich sein. Eine einzelne Träne rinnt an meiner Wange hinunter. Doch sie bleibt nicht allein, dass tut sie nie. All das kenne ich, all das ist mir vertraut. Ich kann es beeinflussen, ich habe die Macht. Ein einziges Mal habe ich die Macht.

Da gibt es etwas, etwas das nur mir gehört. Mein Spiel, mein Ritual. Das können sie mir nicht wegnehmen, können es nicht beeinflussen. Ich muss lächeln. Lächeln über meine eigene Naivität.

Leise geht die Türe auf, ich nehme es nur im Halbschlaf wahr. Männerschritte, gross und schwer. Sofort bin ich wieder hellwach. Dies ist nicht mehr mein Spiel, dies gehört nicht zu meinem Ritual. Es ist sein Ritual, sein Spiel, ein Spiel das ich immer verliere. Eine Hand legt sich auf meinen Mund. „Psst, es wird alles wieder gut.“ flüstert er mir zu. Nichts wird wieder gut, Daddy.