Kurt Aebli

Geboren 1955 in Rüti (ZH), lebt in Radolfzell am Bodensee. Verfasser von Lyrik und Prosa. Sein Werk wurde u. a. 2008 mit dem ersten Basler Lyrikpreis ausgezeichnet.
(2014)

Bibliografie (Auswahl):

Tropfen
Edition Korrespondenzen, 2014

Ich bin eine Nummer zu klein für mich
Urs Engeler Editor, 2007

Mein Arkadien
Suhrkamp Verlag, 1994

Die Vitrine
Nimrod Literaturveralg und rauhreif Verlag, 1988

Tropfen

Edition Korrespondenzen, 2014

Mit seinen neuen Gedichten verlässt Kurt Aebli meist «die bewohnte Zone». Geht hinaus im Versuch, jede Einzelheit wirklich zu sehen. Geht mit dem Wunsch, das Gesehene sich einzuschreiben. Geht, bis er in der Landschaft sich selbst entgegenkommt.

Aus: «Tropfen»

Der Tag verzögert sich.
Der Nebel bleibt.
In mir ist alles wie verschneit,
und Vögel,
die hoch am Himmel fliegen,
sind im Spiegel Etagen tiefer
einzig
Wirklichkeit.

Fr, 30-05-14, 17:00

Poesiesalon
Palais Besenval, Saal Altreu
Moderation: Simone Fässler

Ich bin eine Nummer zu klein für mich

Urs Engeler Editor, 2007

«Die Tapete ist abgereist ich bin noch da» - auf Sätze wie diesen kann man bei Kurt Aebli immer wieder stossen. Er ist wortkarg, wie es nur Lyriker sein können. Aber er weiss auch und notiert einmal: «Wenn du nicht singst wirst du von Tag zu Tag weniger». Was er singt, ist denn auch stets überraschend. Überrumpeln will er nicht, er hört und sieht jedoch genau hin, das merkt man. Er unterläuft so manche Erwartung und verknüpft seine Sprachuntersuchungen auf betörende Art mit einer Selbsterforschung.

Aus: «Ich bin eine Nummer zu klein für mich»

Manchmal auf der Strasse
beim Anblick eines Fremden der
zufällig vor mir geht
ein Bulgare Autospengler
Pferdemetzger Voralpenbewohner
fällt mir ein dass ich auch
in dieser Haut
stecke dass mich
von dieser Haut nur
die Haut
trennt auf die eine mir
unbekannte
Hand dies hier
schreibt

Lesung: Kurt Aebli, Raphael Urweider, Urs Allemann, 04.05.2008, SLT

So, 04-05-08, 12:45

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Martin Zingg
 

Mein Arkadien

Suhrkamp Verlag, 1994

Aus dem unveröffentlichten Manuskript «Kieselmilch, Aufzeichnungen

Mit blutiger Schnauze liegt eine tote Ratte, alle viere von sich gestreckt, rücklings auf dem Gehsteig. Ein paar Schritte entfernt warten Leute auf eine Strassenbahn. Ein Alter mit käsefarbener, bartstoppeliger Gesichtshaut und zerknautschter Visage schimpft unbeachtet laut vor sich hin. Halb umgekippt steht am Strassenrand ein grosser Laster, der mit dem rechten Hinterrad beinah vollständig in ein Loch voll angestautem Schlamm eingesunken ist. Mehrere darum herum gruppierte Männer sind in eine heftige, im Tonfall einander widersprechender Experten geführte Debatte vertieft. Auf einem Balkon eingesperrt bellt sich ein Schäferhund um Stimme und Atem. In kraftvollem Trab kommt ein Pferdewagen angeklappert, auf dessen schmaler Ladebrücke vier jüngere aufrecht stehende Zigeuner, um das Gleichgewicht zu bewahren, sich jeweils an den Schultern des Vordermannes festhalten, während ein erbsengelber kleiner Skoda, welcher auf dem Dach eine weit über den Rand desselben hinausragende Satellitenempfangsschiissel transportiert, in meiner Vorstellung sich in eine fliegende Untertasse verwandelt.

Sa, 14-05-94, 11:00

Lesung
Landhaus, Säulenhalle
Moderation: Andreas Langenbacher

Die Vitrine

Nimrod Literaturveralg und rauhreif Verlag, 1988

Der Pantomime des Verrats, unveröffentlicht

Sie schulden mir eine Erklärung, sagte die junge Frau, die sich nicht aus der Fassung bringen liess. Mehr als das, erwiderte Klosse, ich bin bereit, ein ganzes Nachrichtenzentrum in den Dienst ihrer Anweisungen zu stellen. Die jung Frau schlug die jungen Beine übereinander. Klosse fuhr fort: Darf ich Sie zersägen? Die junge Frau erhob sich, ohne den unverschämten eines Blickes zu würdigen. Sie stieg bei der nächsten Haltestelle aus. Klosse hinterher. Ich pflege täglich mindestens neun Menschen zu zerquetschen, bei ihnen allerdings würde ich eine Ausnahme machen. Begutachten Sie Millionen meiner Gehirnzellen, bevor Sie in mein Angebot einwilligen. Es kann jeden Augenblick geschehen, dass eine frisch rasierte Tomate der Herrenreiter ihrer Glas durchblickenden Seele wird. Ist es Ihre unumstössliche Absicht, meiner Schrankenlosigkeit nicht den Vorzug zu geben? Die junge Frau geriet ausser Atem. Um Klosse loszuwerden, betrat sie ein Geschäftslokal. Lassen sie mich in Ruhe, Sie Nervensäge, zischte sie. In dem Geschäft wurden Schwimmwesten feilgeboten. Sie wird ein Taxi bestellen, dachte Klosse. Und so geschah es auch.

Fr, 13-05-88, 17:00

Lesung
Kreuzsaal