Gabrielle Alioth

Geboren 1955 in Basel. Hat Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Sie lebt als Schriftstellerin in Irland, publiziert Romane sowie Reise-, Kinder- und andere Bücher und ist auch journalistisch tätig. (2015)

www.gabriellealioth.com

Bibliografie (Auswahl):

Im Tal der Schatten
2002

Die stumme Reiterin
1998

Der Narr
1982

Im Tal der Schatten

Aus: «Im Tal der Schatten»

«Puuh!» Georgina atmet auf. «Die waren ja noch schlimmer als die Mücken.» Set rückt seine Mütze zurecht: «Und gefährlicher.» Die Schramme an seiner Schläfe schmerzt. Georgina schaut ihn fragend an.
«Das waren die Söhne von Forgall dem Verschlagenen.» «Und kann der seine Kinder nicht besser erziehen?» «Er ist ein Magier – darum fürchten sich alle vor ihnen», erklärt Set, während sie weitergehen. «Zwei ihrer Kindermädchen hat Forgall in Kröten verwandelt und einen Stallburschen, den seine Söhne nicht mochten, in eine Fledermaus.» «Ehrlich?» Georgina interessiert sich brennend für Fledermäuse. «Und die Mutter der Buben?» «Die ist mit der Fledermaus –» Set und Laeg werfen sich einen Blick zu. «Die ist weg», sagt Set kurz. Georgina wendet sich an Laeg: «War das ein Zauberspruch, den du da gesagt hast?» «So was Ähnliches.» Laeg fährt sich durch sein rotes Haar. «Und was bedeutet der Vers mit dem Dreck und dem Sack?», fragt Georgina weiter. Laeg fährt sich wieder durchs Haar: «Ich bin – es ist ...» «Es ist nicht so wichtig», meint Georgina, als sie merkt, wie verlegen Laeg wird. Die Wiesen leuchten grün unter den Apfelbäumen und der Himmel ist blau bis auf die kleine weisse Wolke über dem Eichenwald.

Fr, 21-05-04, 12:00

Kurzlesung
Mit: Erwin Koch
Aussenpodium Klosterplatz

Fr, 21-05-04, 15:30

JuKiLi
Stadttheater, Theatersaal

Die stumme Reiterin

Aus: «Die stumme Reiterin»

Der alte Schreiber legt die Feder auf das Blatt. Seine Hände zittern. Wie die geflügelte Schlange an der Wand des Apothekergewölbes hatten sich seine Sätze einst auf den Seiten gewunden, ihren Schwanz verschluckt, und sich neu geboren. Zu Nürnberg im Jahre des Herrn... Jeder Brief hatte damit begonnen, auch sein Bericht. Tag für Tag hatte er daran geschrieben, und als sich die Seiten zum Schluss in den Flammen krümmten, hatte er gedacht, auch ihr Inhalt werde damit zu Asche.
Seither hat er abgeschrieben, was vor ihm lag, Strich für Strich, ohne zu achten, was die Worte erzählten. Schweigend sass er zwischen den Armen Brüdern, die vom Zerfall der Kirche sprachen, dem Zerwürfnis der Kaisersöhne, und der Zwietracht, die das Reich auseinanderriss. Wenn der Regen vom Dach des Brüderhauses in die Gassen von Nürnberg rann, erinnerte er sich manchmal an den Bach, in dem er als kleiner Knabe nach bunten Kieseln gesucht hatte. Er hatte die Kiesel unter einen Baumstamm am Ufer gelegt. Manche waren gelb mit einer rauhen Oberfläche. Die konnte er schon von weitem im Wasser sehen. Andere schienen dunkler in den Wellen, Rabenfedern und Ochsenblut. Doch wenn sie trockneten, verloren die Farben sich. Er warf sie in den Bach zurück. Einmal fand er einen milchig weissen Stein mit einer roten Ader, und er versteckte ihn in einer Höhlung des Baumstamms. Er dachte, er würde nach vielen Jahren zurückkehren und ihn dort wiederfinden.

Fr, 22-05-98, 16:00

Lesung
Landhaus, Landhaussaal
Moderation: Theres Roth-Hunkeler

Der Narr

Aus: «Der Narr»

Der Morgen wird weiss sein, Marie, Frost auf den Wiesen, der in der Sonne glitzernd zu Tau zerfliesst. Dort, wo der Fluss sich in winzigen Wellen kräuselt, sprühen Silberfunken über das Wasser, und die nackten Aste der Bäume zerschneiden den Horizont. In dieser Jahreszeit bleibt die Sonne schräg über den Hügeln hängen, klein und abweisend, nur gegen Mittag fällt sie für einige Zeit über die Mauer in den Hof. Mir gegenüber im Saal zieht das helle Rechteck des Fensters langsam über die Wand, und ich wandere mit, die Laute auf den Knien, ein Schatten, nicht tot, nicht lebendig.

Es ist nicht nötig, alles zu wissen, um zu verstehen, denn wir verstehen nicht mit den Ohren, Marie, sondern mit dem Herzen. Jedesmal, wenn wir die Geschichte erzählen, ist es eine andere, die nichts gemein hat mit der Geschichte zuvor Jedesmal ist es ein anderes Bild, das vor unseren Augen entsteht, genau so wahr und so falsch wie das letzte, und es hat keinen Sinn, nach einem Einzigen, Richtigen darunter zu suchen, in dem alles zusammenstimmt. Denn nicht das, was wahr ist und richtig, überdauert die Zeit, sondern das, was sich in unsere Erinnerung eingeprägt hat von unseren Träumen und Wünschen und von dem was geschah.

Sa, 11-05-91, 10:00

Lesung
Kreuzsaal
Moderation: Liliane Studer