Thomas Meyer

Thomas Meyer

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Roman (Salis, 2012)

Dann fiel mir ein, dass ich ja ein SMS erhalten hatte. Ich hob mein Handy auf, das neben dem Futon lag, und las:
hoi motti sorry war gestern ganzen tag unterwegs. lust auf nachtessen?

Ich schaute den kleinen Text lange an. Gewiss hatte ich Lust auf ein Nachtessen mit Laura. Gleichzeitig allerdings hätte ich in Lauras lebn gern eine wichtigere Rolle gespielt als die Dinge, die sie am Vortag beschäftigt hatten.
Ich formulierte eine Zusage für den uwnt.

Dann besann ich mich, löschte alles und ließ Laura erst amol warten; eingedenk Maikes Empfehlung, die sie mir an der Party gegeben hatte.

Ich holte mir einen Kaffee aus der kich und stellte michdamit ans Fenster meines leeren zimers. Am himl stießen zwaj wolkn zusammen, eine weiße und eine hellgraue. Auf der Straße schimpfte eine schwarze froj einem schwarzen man hinterher. Er lachte.

Nach einer Weile rief ich, auf dem ausgesprochen behaglichen Futon liegend, den Thorstens Mitbewohner zurikgelassen hatte, Onkel Jonathan an und erzählte ihm alles. Er wusste es bereits und versicherte mir, dass er trotz der aufgebrachten Nötigungsversuche seitens meiner mame, den Kontakt zu mir abzubrechen, dies nicht tun werde. Was wiederum dazu geführt habe, dass meine mame nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle.
»Tut mir leid«, sagte ich.
»Das muss es ihr, nicht dir«, sagte Onkel Jonathan.
»Brauchst du etwas?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Ich hatte ein Dach über dem kop und etwas gelt gespart. Nicht viel, aber immerhin.
Bei allem anderen würde ich mir wohl selbst helfen müssen.

»Nein, danke«, sagte ich.
Ob es denn mit der gojete klappe, wollte Jonathan wissen.
Das wisse ich noch nicht, sagte ich.
»Es ist ja auch nicht so wichtig«, sagte er.
»Wieso nicht?«, fragte ich leicht ärgerlich.
»Weil es wichtiger ist, dass du dein Leben lebst. Wer dich dabei begleitet … das ist nicht so wichtig.«
Wieder so ein seltsamer Standpunkt, der vernünftig klang, mir aber keinen sichtbaren Zugang zur Umsetzung bot. Es war mir sogar sejer wichtig, dass Laura mich fortan begleiten würde. Dass es mir im Gegenteil richtiggehend gleichgültig sein sollte, erschien mir wie ein brutaler Verrat des Herzens.
Es entstand eine Pause im Gespräch. Ich hörte Thorsten auf der Tastatur.
»Motti?«
»Ich bin hier.«
»Was denkst du?«
»Ich weiß nicht … Ich möchte halt mit Laura zusammen sein.«
Jonathan sagte lange nichts.
»Man muss sich gut überlegen, wie viel Bedeutung man den Dingen gibt. Manchmal sorgt das Leben für einen Ausgleich«, sagte er dann in seinem Persönlichkeitsberatungstonfall.
Ich mochte nicht länger herumphilosophieren und sagte einfach: »Ja.«
Onkel Jonathan bat mich, ihn anzurufen, wann immer ich wolle.
Ich versprach es.

Dann machte ich mich zu fus auf den Weg zur Wolkenbruch Versicherung, mit einem Zwischenhalt bei einem libanesischen Imbisslokal, in dem die Speisen in lustiger Façon angeschrieben waren: Orientalischer teler Mit Schauerma, Sandwisch Falafel.
Bist a schejner jid, dachte ich, während ich mein »Sandwisch« aß; schläfst mit schiksen und isst beim Araber.

Draußen wurden die wolkn größer und dunkler.

 Lesung