Santa am Bellevuevon Omar Hidber
Als St. A. das Knacken des Stammes hörte, und sah, wie der Weihnachtsbaum erst langsam und dann immer schneller Richtung Opernhaus fiel, war die Polizei bereits zur Stelle. Für eine Flucht war es nun zu spät.
„Schade“ sagte Hubert Ledergerber, der Polizist auf der Urania-Hauptwache. Die Uhr rückte gegen Viertel vor drei. Er war müde nach dem langen Tag. „Schade um den schönen Baum im Bellevue.“
Seine Schicht war um zwei zu Ende gegangen, und er sah sich in Gedanken schon in seinem warmen Bett als sie St. A. brachten. Die Befragung war mühsam und schleppte sich dahin. Irgendetwas stimmte mit dem Kerl nicht. Aber was?
„Schade“ sagte St. A. und äffte dabei Ledergerbers Tonfall nach. „Schade, dass sie mich eingebuchtet haben. Der Swarovski-Baum steht noch.“
Ledergerber kannte den Baum. Jeden Tag sah er ihn auf dem Arbeitsweg. Seine Frau liebte das Glitzerzeug. Ihm waren die ganze Weihnachtsdekoriererei, der Beleuchtungsrummel und das Weihnachtsgesinge ein Gräuel. Er freute sich auf den Januar, wenn die Stadt wieder nüchtern und trostlos im Nebel versank.
Als Ledergerber später auf dem Nachhauseweg im Hauptbahnhof am Swarovski-Baum vorbei kam, meinte er, den Baum schwanken zu sehen. Der Securitas-Mann, der den Baum bewachte, grüsste Ledergerber freundlich. Der Baum stand fest wie immer. Alles war in Ordnung.
Anderntags berichtete 20minuten von der Festnahme des „Baumkillers von Zürich“. Der Tages-Anzeiger beleuchtete die Hintergründe. Nur die NZZ schwieg. Und Ledergerber schickte St. A. anonym ein Pfund Mailänderli in Tannenform.