Hingabe
von Sebastian Bonnet

Der Traum war Routine geworden mittlerweile. Er befand sich in einem Gang ohne Ende, vier Wände aus hauchdünnem Glas machten ihn aus. Er schlich so behutsam darauf, als müsste er über ein schlafendes Kind steigen, aus Angst, der Glasboden bräche durch und dann- er konnte sich nie erinnern, was unter diesem Gang war. Immer schneller ging er, die Fussspitzen schmerzen schon. Die Wände kommen immer näher. Schliesslich kann er nicht mehr laufen. Der Gang ist zu eng geworden. Schräg von aussen- unten kann er sehen, wie sich die Hand gegen das dünne Glas presst. Mit dem Geräusch des letzten- aussichtslosen- Schnappens nach Luft erwacht er keuchend und mit dem Gefühl, eine große Masse auf der Brust sitzen gehabt zu haben.
Nie hatte er den Mut gehabt, jemandem von diesem Traum zu erzählen, aus Angst, einer würde sich Sorgen machen um ihn und penetrant immer wieder Hilfe anbieten. Und auch wenn er es sich selbst nicht recht eingestehen wollte, so fürchtete er, sein Schwächegefühl könnte diagnostiziert werden, womöglich gar von einem Arzt.
Er hatte also geschwiegen und sich mit dem Traum, wie mit so vielem, abgefunden. Er hatte dieses Gefühl, in dem Glaskasten zu ersticken, mittlerweile einigermaßen integrieren können in seinen Alltag und es bedeutete keinen allzu großen Wechsel mehr von seinem nächtlichen Schlaf zum täglichen Leben. Sobald er pünktlich um halb sieben von dem Traum erwachte, lief er ins Bad, lächelte grimmig in den Spiegel und mit leiser Verachtung, so als wollte er seinem vom Träumen nur gebeutelten Gegenspieler den Kampf ansagen. Dann stieg er schnell unter die Dusche.
Es war ein sehr geordnetes Leben, was er jeden Tag zu führen bereit war. Um halb sieben wachte er auf, machte sich für die Arbeit fertig, nahm Vollkorntoast und Tee, ging aus dem Haus, in die Bahn, von wo er dreizehn Stunden später aus zurückkehrte. Meist war er dann zu träge, um sich noch etwas Leckeres zu kochen, er ging früh schlafen, brauchte die Ruhe auch. Sehr früh hatte er begonnen, die Grundsteine für eine sinnvolle Zukunft aufzuschichten. Das war harte Arbeit gewesen, aber die Früchte, da waren sich alle sicher, würden sich doch bald lohnen. In den meisten Fächern in der Schule hatte er recht gute Zensuren erreicht und nachdem er es in einem harten Kampf geschafft hatte, sich mit sämtlichen Lehrern zumindest einigermaßen zu arrangieren, war es ihm sogar gelungen, den Abschluss als Klassenprimus zu absolvieren. Immer schon war die Physik sein liebstes Fach gewesen und wie etwas Höheres, ja Heiliges war ihm die Losung ,Leistung gleich Arbeit pro Zeit’ erscheinen, so dass er dieses Ideal kurzum zu seinem Lebensprinzip erklärt hatte in der Hoffnung, etwas von diesem Höherem möge auch auf ihn abstrahlen.
In der kurzen Auszeit zwischen Schule und Studium war sein Lebenslauf um einiges Wertvolles ergänzt worden- der Auslandsaufenthalt in Frankreich hatte das Praktikum in einem Altenpflegeheim mit der konkreten und praktischen Anwendung der viel gesuchten soft skills bereichert. Dennoch war er sehr froh gewesen, wieder in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, auch hatten ihn die Gespräche mit den Leuten sehr bedrückt, die schon so viel erlebt hatten, dass es ihnen nun reichte damit. Der Rest ging immer schneller, und wenige Jahre, die ihm wie Wochen vorkamen, später, befand er sich in der viel beneideten Position, in der er heute stand. Er hatte, da waren sich alle einig, einigen Grund glücklich zu sein, dürfe sich jetzt aber natürlich nicht zu früh ausruhen, da ihm alle Wege offen stünden.
Selten zweifelte er daran, dass der eingeschlagene Weg der richtige war. Im Grunde kam das nur vor, wenn er abends mit seiner Mutter telefonierte, abends, wenn er immer sehr müde war und es ihn grosse Überwindung kostete, zuhause anzurufen. Eigentlich tat er es nur, weil er musste und um den Kollegen oder Nachbarn etwas Neues erzählen zu können, vom Zustand seiner Mutter, der sich allerdings zunehmend verschlechterte. Auch das war übrigens, neben der merkwürdigen Fremdheit zu seiner eigenen Mutter, die ihm regelmässig die Kehle zuschnürte, wenn er mit ihr sprach und die er spürte und fürchtete, seit er vor langen Jahren mit seiner Kindheit abgeschlossen hatte, ein Grund, die Gedanken an sie zu verdrängen, diese Angst vor dem Tod. Er telefonierte sehr ungern mit ihr und, wie gesagt, nur zwangsweise.
Als hoch angesehener Journalist der außenpolitischen Abteilung war er zu einem gefragten Mann geworden. Seine Fähigkeit, schwammige und undurchsichtige politische Ereignisse zu abstrahieren, als blicke er durch ein Weitwinkelobjektiv, hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Selbstverständlich hatte er viel zu tun, wahrscheinlich sogar am meisten. Aber er wusste, was die Gesellschaft von ihm verlangte und das wollte er auch bringen. Aus Neid wohl redeten einige der ihm Untergebenen von den Nachteilen, die die besondere Fähigkeit des Journalisten zu abstrahieren mit sich brachte. Am schlimmsten war dabei der Sekretär. Dieser erzählte beispielsweise seinen Kollegen, wie einmal ein junger Mann zu dem großen Journalisten gekommen war und ihn als seinen früheren Freund gesucht hatte. Der Journalist hatte sich die Zeit genommen für das Gespräch, der Sekretär aber habe heimlich an der Türe gelauscht. Immer, wenn er diese Anekdote wiedergab, fügte er entschuldigend hinzu, das sei natürlich nicht richtig gewesen, aber so etwas käme ja so selten vor, dass hier einer seinen früheren Freund suche. Der junge Mann sei irgendwann in dem Gespräch abgerutscht und habe angefangen zu weinen. Und als er schließlich den Gedanken gestanden hatte, mit dem Selbstmord zu spielen und ihn, als seinen früheren Freund, um Beistand bitte, da habe der Journalist gesagt, das sei interessant. Später dann habe der Sekretär, wiederum heimlich, wie er kleinlaut zugab, im Notizbuch des Journalisten gewühlt und einen Eintrag gefunden unter der Überschrift: Gründe für Depressionen und Selbstmordgedanken bei jungen Männern im Alter von 20-25. Diese Anekdote hatte die Kollegen in ein dunkles Schweigen gehüllt.
Einmal nur hatte sich der Journalist gerechtfertigt für sich selbst. Scheinbar grundlos hatte er an diesem Morgen alle seine Mitarbeiter in seinem Büro versammelt und angefangen für Recht und Pflicht zu erklären, was er sein Leben lang fast tat. Der Sekretär hatte anfangs gefürchtet, seine Anekdote könnte dem Journalisten zu Ohren gekommen sein. Doch mit der weiteren Entwicklung der Rede konnte er von dieser Angst mehr und mehr loslassen. Denn sie entwickelte sich rasch in einen Aufruf, ihm zu folgen. Letztendlich war die Rede, die angefangen hatte, seinen Lebensweg zu rechtfertigen zu einem Aufruf von unzähligen geworden, die man in jeder Institution und zu jeder Zeit hören konnte: einem Aufruf zur Hingabe an die Leistung, an harte Arbeit, Pflicht, an Leistung. Das meist benutze Wort in der gesamten Rede war schließlich das Wort müssen in all seinen deklinierten Formen geworden. Einem Mitarbeiter des Feuilleton hatte sich der Magen umgedreht, als er hören musste, wie der Journalist den selbst ernannten Leistungsethiker Thomas Mann für seine Zwecke missbrauchte. Diese Rede war nun lange her.
Am heutigen Abend sass er wie jeden Abend in der S-Bahn, ausgebrannt, da viel geschehen war an diesem Tag, was in seinem Bericht die morgigen Zeitungen des Landes füllen würde. Er sass alleine in einem Abteil und war darüber froh, da er ständig empfand, die Blicke anderer Fahrgäste würden ihn aussaugen. Er konnte auch nicht in diese müden und trostlosen Augen sehen, in denen nichts glänzte. Er konnte nicht diese leeren Hüllen sehen, die ihm unangenehm nah gegenüber sassen ohne sich selbst dabei schlecht zu fühlen. Er war also froh, dass er alleine im Abteil war und blickte aus dem Fenster ins Schwarz und dachte an nichts. Die vielen anderen Fahrgästen in den vielen anderen Abteilen redeten verunsichert und ein wenig ängstlich von den Truppen, die entsendet werden würden, von der Abschiedszeremonie und von dem, was folgen würde. Einige hatten sich auch bereits die Zeitung des folgenden Tages gekauft und lasen einen historischen Vergleich des Journalisten dieses Konfliktes mit einem früheren. Der Journalist aber sass allein in seinem Abteil, blickte aus dem Fenster und dachte an nichts. Für heute war seine Arbeit getan.
Ein letztes wollte noch erledigt sein und als er in seinem grossen, leeren Haus ankam, sich den Mantel auszog und die Schuhe, da ging er schon zum Telefon und wählte die Nummer seiner Mutter.
Er hatte, um zu überleben, einmal aufgehört seine Arbeit zu erfassen und zu begreifen. Und während er den ganzen Tag an dem Sonderteil des ausgebrochenen Konfliktes arbeitete, so hatte er doch nicht verstanden, worüber er schrieb. Als jetzt aber seine Mutter ihm nicht klagte, wie sich ihr Zustand verschlimmert habe und auch nicht fragte, wie es ihm gehe, was sie trotz der seit Jahren gleichen Antwort nie aufgehört hatte zu tun; als sie stattdessen kurz sagte: Wir haben Krieg- da begriff er. Langsam und schwer drang es in sein Bewusstsein, immer wieder fragte er sich, ob das denn stimme. Er kniff sich in den Arm, wie um festzustellen, dass er nicht träume. Ein leises Kribbeln überkam ihn und drang von innen immer weiter vor bis in jeden Teil seines Körpers. Dann sprach er ungläubig dieselbe Formel wieder und wieder: Krieg, Krieg, Krieg. Und plötzlich musste er kichern, konnte nicht aufhören, kicherte immer weiter und lauter bis sich das Kichern zu einem Lachen steigerte. Er, bei dem sich Kollegen und Nachbarn dunkel ahnend beklemmt gegenseitig gefragt hatten, ob sie ihn denn jemals haben lachen sehen, er, über den seine Mutter traurig war, er musste lachen. Ein schepperndes Lachen durchdrang das ganze Haus, aber es war echt und warm. Als er seine Kontrolle über sich wieder innehatte, ging er zu Bett. Und als an diesem frühen Morgen er von innen den Gang aus Glas sah, aus so dünnem Glas, dass er nicht zulassen wollte, wie es ihn erdrückte, da lachte er in seinem Schlaf und der Ton war so gewaltig, dass dieses dünne Glas zersprang. Die Tausenden von Scherben sahen wunderschön aus, als sie glitzernd und schillernd das warme orange Sonnenlicht des Morgens reflektierten.