Zwei Welten
von Pat Jarra

6.30 Uhr, Morgengrauen eines kalten, regnerischen Tages. Erneut ist es diese Vorahnung, die mich ein paar Minuten früher aufwachen lässt.
Der Kleine liegt neben mir, ich kann seine regelmässigen Atemzüge in meinem Nacken spüren, seine Hand berührt meinen Rücken. Er braucht diese Körpernähe. Sein Vater bewegt sich unruhig im Schlaf, bevor auch seine Atemzüge wieder regelmässiger werden. Und wieder überkommt mich dieses Gefühl von Glück und Vollkommenheit, dass ich jedesmal beim Anblick meiner Familie empfinde. Ich lasse es auf mich wirken und geniesse die Gemeinsamkeit, Ruhe und Geborgenheit.
Der schrille Ton des Mobiltelefons unterbricht meine Gedanken. Ich schleiche mich eilig aus dem Zimmer, um den Schlaf der Beiden nicht zu stören und nehme ab. Ich versuche, meiner Stimme den nötigen Tonfall an Professionalität zu geben und vorallem den Schein zu erwecken, als sei ich schon seit Stunden wach. Der Anruf und der damit verbundene Adrenalinschub lassen mich innerlich tatsächlich schlagartig hellwach werden. Der zuständige Polizeibeamte der Alarmzentrale meldet mir den Fund einer nackten weiblichen Leiche im Wald. Es müsse von einem Gewaltverbrechen ausgegangen werden. Mehr muss ich nicht wissen. Ich lasse mir den Weg zum Fundort erklären, teile dem Beamten mit, dass ich mich umgehend dort einfinden werde und lege auf. Ich stehe kurz unter die Dusche und versuche dabei, mir die Müdigkeit aus dem Körper zu spritzen und meine Gedanken zu ordnen. Schlagartig werde ich mir meiner Verantwortung bewusst. Ein Kapitalverbrechen lässt keine Fehler zu. Ich schreibe meinem Mann eine kurze Nachricht. Ich werde mich telefonisch bei ihm melden. Zehn Minuten später bin ich mit Ausrüstung im Pikettfahrzeug unterwegs. Schon weit vor der Fundstelle wird mein Fahrzeug an einer Strassensperre angehalten. Ich weise mich aus und der zuständige Beamte weist mir den Weg. Ich sehe schon von weitem die rot-weissen Absperrbänder der Polizei und die Wagenkolonne der bereits anwesenden Fachleute. Ungefähr dreissig Personen, Fachleute der Kriminaltechnik, der Fahndung, der uniformierten Polizei, Mediensprecher, Beamten mit Suchhunden und Sanitäter sind vor Ort. Ich lasse mich vom befehlshabenden Polizeioffizier über die bisherigen Erkenntnisse informieren. Die unbekannte Frau wurde durch eine Joggerin aufgefunden, bisher wurde lediglich der Tod durch die anwesenden Sanitäter festgestellt und der Tatort durch Mitarbeiter des kriminalteschnischen Dienstes spurentechnisch gesichert. Alle erwarten die Ankunft des Gerichtsmediziners.
Die Ruhe vor dem Sturm.
Hier herrscht dieselbe Stimmung, die einem immer überkommt, wenn man mit einem aussergewöhnlichen Todesfall umgehen muss. Eine Mischung aus Respekt vor der toten Person und Unbehaglichkeit. Die Unerfahrenen überspielen diese Gefühle mit unpassenden Bemerkungen, in der Meinung, die Stimmung dadurch aufzulockern. Jedem der Anwesenden ist bewusst, dass dies der Beginn eines langen Tages ist. Alle werden zusammenarbeiten und werden von Stunde zu Stunde mehr erfahren. Vielleicht werden wir mit Wahrheiten konfrontiert werden, von denen wir besser nichts gewusst hätten. Dementsprechend herrscht eine unruhige, abwartende, aber auch neugierige Stimmung. Der Gerichtsmediziner und sein Assistent treffen ein. Auch sie werden über die bisherigen Erkenntnisse informiert. Ich ziehe mir inzwischen Schutzanzug, Schuhschutz und Atemmaske über und begebe mich mit den Kriminaltechnikern und den Gerichtsmedizinern über den Trampelpfad zum Fundort der Leiche.
Achtlos hingeworfen, eines Menschen unwürdig behandelt. Der Anblick der Frau schockiert mich zwar nicht, macht mich aber traurig und wütend zugleich. Ich versuche, meine Gedanken auszuschalten und mich auf die Äusserungen des Gerichtmediziners zu konzentrieren. Die Todesursache steht schnell fest. Auch die Tatsache, dass die Frau durch Einwirkung Dritter gestorben ist. Die Details der Tat steigern mein Unverständnis und meine Wut. Nach Spurensicherung und grober Untersuchung wird die Leiche der Frau in die Gerichtsmedizin abtransportiert. Ich werde an der ersten Lagebesprechung aller Mitarbeiter teilnehmen und anschliessend der Obduktion beiwohnen. Inzwischen ist der Nachmittag angebrochen. Auf dem Weg zur Gerichtsmedizin versuche ich ohne den geringsten Appetit etwas zu essen.
Ich rufe kurz zuhause an. Der Kleine hebt ab: " Hallo Mami, arbeitest Du? Kommst Du bald nach Hause?". "Ich muss noch etwas weg bleiben, gib mir bitte Papi." Ich teile ihm kurz mit, dass ich erst spätabends zuhause sein werde und erkundige mich nach dem Tag meiner zwei Lieben. Sie haben ausgeschlafen, gemütlich gefrühstückt und dann mit dem Holzfahrrad einen Ausflug in den Wald gemacht. Ich wäre gerne bei ihnen gewesen, habe einmal mehr das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Gleichzeitig wird mir jedoch bewusst, wie sehr ich meine zwei Welten brauche. So unterschiedlich sie sind, so spannend sind beide. Ohne in die Eine Einblick zu haben, würde ich die Andere nicht tagtäglich so schätzen. Ohne die Andere, wäre die Eine bedeutend schwerer zu ertragen.
Es ist immer dieselbe Frage, die mich in den Verfahren antreibt: Die Frage nach dem Warum. Warum wurde ihr das angetan, warum gerade ihr? Was hat sich die Täterschaft überlegt? Hat sie überhaupt überlegt? Was hatte die Frau für ein Leben? Warum wissen wir noch nicht mehr über sie? Hatte sie Familie, vielleicht sogar auch ein Kind? Warum musste sie leiden? Ich fühle mich dem Opfer gegenüber verantwortlich, meinen Teil zum Auffinden der Täterschaft beizutragen. Ich bin es ihr schuldig.
Auf dem Weg zu Gerichtsmedizin ordne ich erneut meine Gedanken und fasse die bisherigen Erkenntnisse zusammen.
Die gerichtsmedizinische Untersuchung zeigt die ganze Grausamkeit der Tat auf. Sie beantwortet auch gewisse Fragen über das bisherige Leben der Frau. Ihre Identität steht zwischenzeitlich fest. Das ist der Moment, wo die Leiche zur Person wird, wo ich mit ihrer konkreten Geschichte und mit ihren Angehörigen konfrontiert werde und damit umgehen muss. Je mehr ich über das Warum weiss, umso mehr bin ich im konreten Fall gefühlsmässig involviert. Ich lasse die Person und ihre Geschichte in mich hinein, und muss sie innerlich verarbeiten, ohne meine Objektivität und damit zugleich Professionalität zu verlieren.
An der späteren Lagebesprechung werden alle Fakten zusammengetragen und neue Auftäge verteilt. Noch keine konkrete Spur von der Täterschaft. Alles läuft auf Hochtouren, alle Beteiligten funktionieren. Lunchpakete werden verteilt. Es ist der Beginn eines langen Abends.
Ich treffe kurz vor Mitternacht zuhause ein. Ich bin immer noch hellwach und Fakten und Theorien schwirren durch meinen Kopf. Ich schliesse die Türe auf und bereite in der Küche ein Sandwich und einen Tee zu. Ich geniesse die Ruhe der vertrauten Umgebung. Mir fällt auf, dass in unserem Schlafzimmer noch Licht ist. Ich öffne vorsichtig die Türe und sehe meine Beiden, die sich im Bett ein Kinderbuch ansehen. Beide strahlen mich an. "Hallo Mami!" Ich lächle und lege mich zu ihnen. Ich umarme meinen Mann, gebe ihm einen Kuss und drücke den Kleinen fest an mich. Der Duft seiner blonden Locken ist vertraut und tut gut. " Ich hab Euch heute vermisst!" Der Kleine fragt: "Warum?"

Da ist sie wieder diese Frage. Als Antwort drücke ich ihn noch fester an mich.