Die geflügelten Tierevon Annina Martina
Annina Martina
Die geflügelten Tiere
Ich schwitze. Alle schwitzen. Der Schweiß läuft unter meiner blauen Schirmmütze hervor und bildet kleine Rinnsale, die im Ausschnitt der Uniformbluse verschwinden. Das geknotete Halstuch hängt wie ein Strick um meinen Hals. Ohne den Kopf zu bewegen lasse ich meinen Blick über den Platz schweifen.
Auf der Tribüne steht ein Rednerpult auf dessen Stirnseite das Konterfrei des Präsidenten prangt. Das Mikrophon hat einen dünnen, gebogenen Hals und einen Kopf aus schwarzem Schaumgummi. An der hinteren Seite der Tribüne hängen Fahnen, eine blaue, eine mit dem Präsidenten drauf, dann wieder eine blaue und dann wieder die Präsidentenfahne und das auf der ganzen Länge. Ich zähle wievielmal der Präsident schon auf der Bühne ist, bevor er überhaupt in echt da rauf geht.
Es fällt mir schwer mich zu konzentrieren obwohl ich in der ersten Reihe unseres Zuges stehe. Wir bilden zusammen mit den Jungen der Nachwuchsfront die Außenflügel der Formation. Zwischen uns stehen zwei Züge Soldaten, das Gewehr an die Brust gedrückt. Seitlich der Tribüne hebt der Dirigent des Propagandaorchesters den Taktstock. Wir drehen uns um neunzig Grad nach rechts und richten unsere Köpfe erwartungsvoll auf den Wagenzug, der am Eingangstor erscheinen wird.
Die Menschen beginnen zu jubeln, sie schwenken ihre blauen Stoffwinkel und klatschen in die Hände. Aber kein Wagen erscheint. Die Wachen, die auf beiden Seiten des Fahrtweges stehen, blicken zum Tor und eine gewisse Zeit später zu Boden.
Die Musiker spielen weiter, der Eröffnungsmarsch zieht sich endlos dahin. Nach dem letzten Tusch ist es ruhig. Kein Ton, kein Geräusch ist mehr zu hören, kein Applaus, keine „Hoch!“ Rufe, nicht mal ein Vogelschrei. Die Sonne brennt auf unsere Köpfe, die Fahnen hängen tot an den Masten, es ist windstill. Ich verlagere mein Körpergewicht auf den linken Fuß und blinzle, der Schweiß rinnt mir in die Augen – sie brennen. So etwas ist noch nie passiert, noch nie. Niemand weiß was zu tun ist. Wir stehen da und bewegen uns nicht. Wir atmen, wir bilden alle zusammen eine gigantische Lunge, die sich langsam hebt und senkt.
Aus der Ferne nähert sich ein Motorengeräusch. Ein Murmeln geht durch die Menge, Musik setzt ein und man kann die Wagen erkennen, die langsam außen am Gitter entlang fahren. Der Präsident erhebt sich, als sie das Eingangstor passieren. Niemand jubelt, die Menge schweigt. Ich beginne zu zittern, es ist als würden wir eine, bis anhin immer offene Türe verschlossen vorfinden und wüssten nicht, wo der Schlüssel ist. Da beginnt einer in die Hände zu klatschen. Ein zweiter fällt in den Applaus mit ein, der Schlüssel ist gefunden. Die Mädchen um mich herum atmen auf. Mich hat das Zögern der Menschen verunsichert, der Jubel klingt hektisch und sprunghaft als käme er von einer zerkratzen Schallplatte.
Der Präsident ist jetzt auf unserer Höhe. Meine Hand schnellt an meine Mütze, ich grüße. Während der Rede bemerke ich, dass eine seiner Schulterpatten verkehrt herum angebracht ist. Er spricht von den Feinden des Systems und von schonungsloser Bestrafung von Verrätern. Ich muss an meinen Onkel denken und an die Nachmittage, an denen er auf dem Balkon Papierflugzeuge mit uns gebastelt hat.War er ein Verräter?
Der Präsident erwähnt nun die Errungenschaften unserer Wissenschaft. Die Rede neigt sich dem Ende zu. Die Forschung kommt immer zum Schluss. Als wir applaudieren, öffnen sich die Türen des Republikgebäudes und eine Schar Kinder in hellblauen Uniformen tritt heraus. In den Händen halten sie Blumensträuße. Es ist ihr großer Tag. Blumenkind des Präsidenten zu sein ist das Größte, wenn man fünf oder sechs Jahre alt ist. Ich schied damals bei der Vorauswahl aus. Meine kleine Schwester schaffte es bis in die Endrunde und bekam eine Einladung zur ärztlichen Untersuchung. Diese wird durchgeführt um das Staatsoberhaupt vor übertragbaren Krankheiten zu schützen. Sie kam nie mehr zurück.
Ich bin schuld daran. Ich hätte nie sagen dürfen, dass ich die Nachwuchsfront verlassen wolle. Im Brief stand, dass die jüngere Tochter von systemuntreuen Einflüssen bewahrt werden müsse und dies nur durch eine externe Erziehung gewährleistet sei. „Die Jugend ist unser zukünftiges Kampfpotenzial...“ dazu ballt er seine Faust, als würde er das Potenzial an Ort und Stelle aus unseren Körpern pressen.
Meine Knie werden weich, ich schaue zu Boden. Ich sehe meine Füße nicht mehr, sie sind weg, ausradiert. Meine Beine lösen sich auf, sie werden zu Nebel. Ich berühre meinen Bauch und meine Hand greift ins Nichts. Ich werde unsichtbar, ein Geist. Mein Körper hat sich verflüchtigt, ich bin nur noch was ich denke. Der Boden lässt mich los - ich schwebe. Langsam steige ich in die Höhe und sehe wie die Menschengruppen unter mir immer kleiner werden. Ich blicke auf den Platz und die Tribüne, auf die Kinder die zu einem hellen Fleck werden, der immer kleiner wird. Um mich herum bilden sich Wolken und in der Ferne erkenne ich Umrisse geflügelter Tiere, die enge Kreise in der Luft ziehen. Ein Schrei löst sich aus meiner Kehle und meine Augen verschließen sich.
Als ich sie wieder öffne liege ich auf dem Boden. Mein Hinterkopf schmerzt und jemand tätschelt meine Wange. „Hallo, hörst du mich, hallo...?“ Ein junges Gesicht beugt sich über mich, es gehört einem Mann, der neben mir auf dem Boden kniet. Ich setze mich auf und blicke auf all die Menschen, die um mich herum stehen. Zwei Frauen mit Papiertaschen, eine Mutter mit einem Knaben auf dem Arm, ein zweiter Mann und eine Frau mit einem Stock. Ich bekomme Angst. Rasch stehe ich auf und fordere sie leise auf weiter zu gehen. „Warum denn?“, fragt die Frau mit dem Stock, „Du solltest zum Arzt mein Kind, eine Gehirn-erschütterung ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.“ Der Mann hält meinen Arm. „Ist alles in Ordnung?“ „Wir bilden eine Gruppe, ist ihnen das denn nicht klar? Wir können hier nicht stehen bleiben, wenn uns die Wachen sehen...“ Ich blicke umher, ob ich jemanden in einer blauen Systemuniform sehe, aber wir hatten Glück. Ich schüttle den stützenden Arm ab und schiebe die herumstehenden Leute zur Seite. „So ein verrücktes Kind!“ Ruft mir die Frau mit dem Stock nach. Als ich weggehe fasse ich mit der Hand an den Hinterkopf und meine Fingerkuppen werden blutig. Ich gehe durch eine Halle, in der tausende von Menschen Platz hätten. In der Mitte steht eine Uhr auf vier Pfählen und an den Seiten reihen sich Verkaufsbuden aus Holz aneinander. Davor stehen Menschen, die belegte Brötchen essen, aus Pappbechern trinken und sich unterhalten. Manche eilen auf das Ende der Halle hinzu. Wie von einem Magnet angezogen bewegen sie sich in diese eine Richtung, ohne nach links oder rechts zu schauen. Ich suche nach blauen Uniformen. Nichts, keine einzige zu sehen. Also gehe ich los, Schritt für Schritt auf eine der Buden zu. Die Leute kümmern sich nicht um mich, sie schauen auf ihr Gegenüber, auf den Hund oder in die Zeitung die sie in den Händen halten. Wie viele verschiedene Ausgaben es davon gibt! Beim Metallständer angekommen, suche ich nach dem Propagandaboten. Aber ich kann ihn nicht finden. Dass muss ein Irrtum sein. Die wichtigste Zeitung des Landes ist nicht vorrätig? Und dann gibt es hier vier verschiedene Titelseiten am selben Tag.
MINISTERPRÄSIDENT GEHT MIT SPARMASSNAHMEN BADEN
AXTMÖRDER AUF FREIEN FUSS GESETZT – VORWÜRFE ANS HIESIGE GERICHT HÄUFEN SICH
RAUCHVERBOT IN ÖFFENTLICHEN GEBÄUDEN DURCHGESETZT
RINDFLEISCHSKANDAL – WER TRÄGT DIE VERANTWORTUNG?
Ich bringe den Mut nicht auf meine Hand nach einem der Blätter auszustrecken. An einer freien Stelle lehne ich mich an die Wand. Das Blut beginnt zwischen meinen Haaren zu verkrusten. Auf einmal entdecke ich am Ende der Halle zwei blaue Uniformen. Die Wachen tragen Schlagstöcke und Funkgeräte. Im selben Moment erklingt eine Durchsage aus einem der Deckenlautsprecher: „Wir danken Ihnen, dass sie in diesem Gebäude nicht rauchen.“ Ich weiß nun, welche Zeitung ich anstelle des Propagandaboten kaufen muss.