Die Riemenholzbrettervon Elisabeth Rosing
Soweit ich das beurteilen kann, waren die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts der Evolutionshit der gesamten Menschheit überhaupt. Supermärkte wuchsen wie Pilze aus dem Boden. Vier Pilzköpfe aus England sorgten für einen regelmässigen Horrortrip bei den Altvorderen, ohne das sie LSD oder andere Haluzinogene einwerfen mußten. Die Revolution des Minirockes rollte alles mit sich reissend über uns hinweg. Transistorradios wurden immer kleiner und handlicher. Die grauen, ausgelutschen Quaddeln der Kaugummis klebten regelmässig am eigenen Hosenboden, weil man sich mit dem Allerwertesten in ein Deponielager von Geschwistern oder Freunden gesetzt hatte. Die Jeans war die Uniform der Jugend. Nach Chemie stinkende Regenmäntel aus Weich-PVC, in Schrillschreifarben die das Augenlicht gefährdeten, wurden sogar im Hochsommer bei strahlendem Sonnenschein getragen. Und die genialste Erfindung überhaupt:
DIE RIEMENHOLZBRETTER!
Diese gab es in zwei Farbvariationen: blau und rot. Da in den 60er/70er Jahren die Haare bei Männlein und Weiblein gleichermassen lang wucherten, hege ich heute noch den Verdacht, dass die Erwachsenen dem Sexualstatus der Teenies nur dann auf die Schliche kamen, wenn sie einen Blick auf ihre Füsse geworfen hatten.
Diese Riemenholzbretter waren fragmentarisch dem Fussbett nachempfunden und hatten im Neuzustand ein weisses Kreuz auf grünem Grund als Aufkleber in der Fersenkuhle pappen.
Um diesen Glanzstücken aus ziemlich weichem Holz den idealen Hingucker-Rahmen zu geben, waren weisse Frotteesocken ein muss! Egal mit welcher List und Tücke man versuchte, diese Aufkleber zu entfernen, immer war ein Scheitern vorausprogrammiert. Das einzige Mittel was auf Dauer half, waren eben diese Socken und eine ordentliche Portion Schweiss. So sah man beinahe auf jeder Wäscheleine strahlend weisse Frotteesocken mit grünen Fersenkappen in der Sonne wedeln.
Die Spannriemen hatten insgesamt 3 Löcher, die sich spätestens nach drei Wochen zu ansehnlichen Schlitzen verformt hatten und waren mit einem Filzmaterial unterfüttert, das für die grandiosesten Wasserblasen an den Fussballen und Zehen sorgte. Sobald das Filzmaterial in Auflösung begriffen war, bekamen die strahlend weissen Frotteesocken mit den grünen Fersenkappen einen unansehnlichen braunen Streifen über der Zehenregion, sodass man lieber blanken Fusses mit diesen Folterinstrumenten herumschlappte. Eigentlich schlappte man in den seltensten Fällen MIT diesen Riemenholzbrettern AN den Füssen herum. Man war eher permanent auf der Jagd nach ihnen weil sie sich in regelmässigen Abständen von ihren Benutzern trennten, ein Stück weit voraus flogen um dann mit einem lauten Klappern wieder auf der Straße zu landen. Als sogenannte „Laufsohle“ hatten sie eine neckisch grün genoppte Gummischicht vorzuweisen, die heimtückisch und unerwartet für manche massive Vollbremsung samt Überschlag sorgte, wenn sich die Klebeschicht auflöste und die Riemenholzbretter vorne dadurch wie breite Münder hämisch grinsten. Allerdings war dieses Produkt ein Allround-Genie, wenn es um die Zweckentfremdung ging. So konnte man damit hervorragend Pingpongball spielen. Am Waldrand wurden ganze Butzensiedlungen mit den Riemenholzbrettern als Hammer-Ersatz zusammen gezimmert. Ganze Flotten von „Schiffen“ in Form von Riemenholzbrettern schipperten regelmässig den Bach hinunter, wobei es häufig vorkam, dass man nach der Eigentumsortierung mit zwei unterschiedlichen Grössen an den Füssen nach Hause schlappte.
Genau dieser Umstand sorgte auch dafür, dass beim Fussballspielen in der Schulpause nicht nur der Ball, sondern auch mein Riemenholzbrett plötzlich ein und dieselbe Richtung anstrebten: Das Fenster meines Klassenzimmers. Während der Ball davon abprallte suchte sich das Riemenholzbrett den kürzesten Weg durch die Scheibe hindurch und hinterliess ein ziemlich hässliches Loch auf seiner Flugbahn.
Das auch Mütter erfindungsreich sein können, wurde mir spätestens dann bewusst, als sie einen meiner Riemenholzbretter dazu benutzte, meinen Hosenboden damit auszuklopfen!
(Elisabeth Rosing)