"Und wenn deine Nähe GIft wär'..."von Carina Kraus
Und dann standet ihr beide vor mir.
Du wie immer, mit deiner Jacke, die wir zusammen gekauft hatten, mit deinen Schuhen, die schon in der Isar baden waren, und sie. Schon hübsch. Älter als ich. Sie versteckt sich leicht hinter dir, grinst freundlich. Sie sieht nett aus, doch möchte ich sie nicht als meine Freundin haben. Chantal. Klingt wie Billig-Parfum.
Ich wollte dich nicht treffen, nicht heute, nicht morgen, nicht mit ihr. Doch dann hörte ich deine Stimme, ich musste mich umdrehen. Sie kam mir so vertraut vor, so wie immer. So wie vor einem Jahr.
Also gut, gehen wir in eine Café, du, ich und sie. Warum auch nicht. Wir wollten doch Freunde bleiben. Wie ich diesen Satz hasse. „Es tut mir Leid. Aber lass uns doch Freunde bleiben.“ Wenn sich alle meine Freunde ein Jahr lang nicht mehr melden würden, dann wäre ich einsam. Sehr einsam. Aber was konnte ich auch anderes erwarten. Jetzt, nach genau 349 Tagen treffe ich dich wieder. Mit ihr. Chantal.
„Komm mein Schmetterling, wir setzen uns hier drüben hin.“ Du hast nicht Schmetterling zu ihr gesagt. Nein. Ich muss mich verhört haben. Ich war dein Schmetterling, nur ich, für zwei Jahre lang. Hättest du mir direkt ins Gesicht geschlagen, hätte es nicht so weh getan, wie hören zu müssen, dass sie dein Schmetterling ist.
Natürlich möchte ich mir nichts anmerken lassen. Muss stark sein. Versuche ein normales Gespräch zu führen. Du kommst dir natürlich überhaupt nicht blöd vor, ich mir dafür um so mehr. Sie erzählt, ich kann ich nicht zuhören, verfolge mit meinen Augen nur deine Bewegungen, wie du ihr über den Handrücken streichelst, ihr die Haarsträhne aus dem Gesicht streifst. Alles so vertraut, so wirklich, und doch so weit weit entfernt. Es ist fast so, als spüre ich die Berührung selbst. Ganz sanft, wie ein Windhauch. So zart, dass die Flügel des Schmetterlings nicht zerstört werden. Unsere Flügel. Euere Flügel. Sie fragt mich, woher wir uns eigentlich kennen. Sie meinte mich und dich. Es gibt kein wir und uns mehr. Ich hole Luft, doch höre dich schon antworten, ich sei eine alte Bekannte. Eine alte Bekannte. Hätte es deine perfekte Welt zerstört, wenn sie erfahren hätte wer ich wirklich bin? Dass wir zwei Jahre lang alles für einander waren. Ich kannte dich wie keinen anderen. Vielleicht deshalb Bekannte. Ich lausche der Musik im Lokal, „...und wenn deine Nähe Gift wär’, ich würde bei dir bleiben so lange bis ich sterbe...“ Ich denke darüber nach. Deine, euere Nähe ist Gift. Doch ich weiß, dass ich daran nicht sterben möchte. Ich möchte ein Schmetterling sein, der weit wegfliegt, der versucht dem drohenden Winter auszureißen, weil es ihm zu kalt ist. Weil er sich nach Sonne und Licht sehnt, weil er nicht mehr alleine sein möchte. Zwischen euch. Im Frühling möchte auch ich mich verlieben können. Den Winter werde ich nutzen um mich endlich, nach 349 Tagen, viel zu vielen Tagen, zu entlieben. Von dir, von euch. Für mich ist es an der Zeit zu gehen. Ich stehe auf, geben ihr vorbildlich die Hand, drehe mich zu dir, wünsche dir ein tolles Leben. „Nicht sehr einfallsreich sie auch Schmetterling zu nennen.“
Ich gehe. Immer gerade auf die Tür zu. Ich drehe mich nicht um, ich möchte nicht wissen, wie sie reagiert, wie du versuchst alles wieder perfekt zu machen. Es interessiert mich nicht. Ich gehe. Ich fliege. Immer weiter und weiter, bis ich dich nie wieder sehe.