emmenbrücke I bis IIIvon Nicole Ziegler
emmenbrücke I
es war der tag, an dem ich beschlossen hatte verrückt zu werden. die tür fiel hinter mir zu und vor mir ging eine nächste auf. im zug redete ich auf meinen lieben freund bruno ein, theoretisierte emotional über das unglück der liebe, über schlechte menschen, über die Welt und er hörte geduldig zu. nickte oft. bis wir endlich in luzern ankamen, dieser postkarte. dort zogen wir um. eine freundin aus der stadt in die agglomeration, in die vorstadt - aus einer wohnung in ein haus, in einen garten. die freundin freute sich. ich freute mich über den lift, dann brauchte ich nicht zu tragen. beim umzugsortswechsel schloss ich mich den beiden mir unbekannten männern aus der zügelgruppe an. schönheit beginnt im herzen und man soll nichts unversucht lassen, dachte ich mir. freund bruno kam mit. natürlich. in solchen situationen lässt er mich nicht allein. nie. in der parkgarage, im siebten stock unter tag, stand das auto. ein riesiger schwarzer bmw. schön, dachte ich. ein bmw, sagte ich, da steig ich nicht ein, ich fahr nur alfa romeo. einer der zwei unbekannten aus der zügelgruppe war beleidigt. schwer. das auto gehörte tatsächlich ihm. er öffnete trotzdem die autotür und ich liess mich aufs hintersofa des bmw’s fallen. bruno fiel neben mich und machte flappende handbewegungen in meine richtung. beim losfahren ertönte die stimme einer frau: bei der nächsten kreuzung, fahren sie bitte links. gibt es das auch in mann, fragte ich. resolut wurde ein knopf gedrückt, die stimme verstummte und wir verfuhren uns sofort. irgendwann kamen wir trotzdem an. dort, wo die anderen schon waren, dort wo all die anderen schon waren, dort wo die luft gut ist, dick und gut und sauber – in emmenbrücke. wir schoben die möbel, die kisten, die bücher aus dem kastenwagen in dieses neue haus. neben die neuen nachbarn. herr und frau bommeli – zusammen mussten sie etwa 196 jahre alt sein. die sind nett, sagte die freundin. ich guckte nur, dann schaute ich weg. in den garten. dort stand ein apfelbaum und aus dem rasen ragte ein gelber klappdeckel und wenn man den hochhob, konnte man den stewi für die wäsche oder einen sonnenschirm gegen die sonne in das rohr darunter reinstellen. perfekt war es hier. und die blumen schön. bei der anschliessenden zügelverpflegung kippte ich unkontrolliert ein grosses glas weisswein in meinen ausgehungerten magen, mein freund bruno drei. wir glotzten mit gläsernen augen. und plötzlich kam die angst. wann fährt der bus, der zug, lieber gott, wie kommen wir hier weg, fragte bruno, während ich versuchte, die aufsteigenden roten flecken an meinem hals mit weissweinallergie zu erklären. der weg führte um die schule mit dem flachen dach, an den hohen oder langen häusern vorbei, zu einer mehrspurigen aus- und einfallstrasse, zu möbel pfister und der bushaltestelle. riechst du das, fragte bruno. ich roch es, es roch nach politischer scheisse, es roch nach einem nein. aber feste.
emmenbrücke II
den bus von emmenbrücke nach luzern hatten wir verpasst. der nächste fuhr in einer stunde. ich sehnte mich nach dem bmw, bruno zog mich zum bahnhof. dort war es einfach. zwei gleise. zwei richtungen. den nächsten zug richtung olten nahmen wir. es war der falsche. wir sassen in einer art überlandtram und fuhren irgendwo in der schweiz von dorf zu dorf. jedes von ihnen so klein, dass es auf der schweizerkarte 1:500 000 noch nicht einmal eingezeichnet war. wo bist du, fragte meine verabredung am telefon, ich habe keine ahnung, sagte ich und weinte ein bisschen. hör auf hysterisch zu tun, fluchte bruno und meine verabredung, die es wirklich ernst meinte, suchte am andern ende der leitung auf www.sbb.ch hektisch nach der notbremse für unsere irrfahrt. in hochdorf – was und wo immer das ist – sprangen wir aus dieser am strom hängenden plage, nur um in ihre zwillingsschwester zu hechten, die uns wieder an den gleichen dörfern vorbei zurück richtung emmenbrücke brachte. aber in emmenbrücke steig ich nicht mehr aus, schrie ich ins telefon und meine verabredung sprach mit beruhigender stimme auf mich ein, über emmenbrücke sei die schnellste verbindung, besser als über luzern sogar, auch wenn mir die über luzern vielleicht sicherer erschiene, aber – ich müsse das glauben – über emmenbrücke ginge es am schnellsten. über emmenbrücke ging es am schnellsten, das war mir plötzlich klar, ich glaubte es also. bruno stieg aus, ich auch. wir standen wieder in emmenbrücke. genau wie früher, nur eine stunde später. auf diesem bahnsteig, auf einem von zwei, und warteten. wir kommen hier nicht mehr weg, nie wieder, sagte ich panisch. bruno nickte, ich weiss. und dann roch ich es wieder. der zug fuhr ein, aber dieses mal nahmen wir erst den nächsten. den richtigen, den nach olten. ich sass im zug und meine verabredung rief wieder an. wo bist du, fragte sie, ich weiss es nicht, sagte ich erschöpft, aber ich bin wohl nicht falsch. in olten stiegen wir um. bern. tatsächlich stand bern auf diesem wartenden zug, auf den ich jauchzend zurannte, bern, rief ich, bern, bern, endlich. bruno tippte sich an die schläfe, klappte seine rechte hand über meinen mund und schubste mich mit der linken in ein freies abteil.
emmenbrücke III
der zug fuhr ohne halt von olten nach bern und mir blieb endlich zeit zum nachdenken. was meinst du, wieviele der stimmberechtigten emmenbrücker werden morgen ja sagen, fragte mich bruno. alle, antwortete ich und wurde schlagartig schwer depressiv. dann schlief ich ein und träumte von meinem keller. dort stand ein grosses, ein riesiges holzfass, das mit einer scharfen und stark alkoholartigen tinktur aus johanniskraut gefüllt war. von diesem holzfass führte ein schlauch weg zur wasserleitung des hauses und in meiner wohnung sprudelte der seelenerhellende trank dann direkt aus dem hahn. ich füllte glas um glas und trank. und bruno und alle anderen freundinnen und freunde standen ebenfalls in meiner küche, drängelten sich um diesen zauberhaften wasserhahn und tranken, tranken johanniskrauttinktur bis ihnen das glück dusselig aus dem gesicht sprang. bruno weckte mich. wir waren in bern. in meinem kopf hockte etwas, es war schwer, warm und klebrig und es ging nicht weg. ich bin depressiv geworden, sagte ich zu bruno. dann ging ich nach hause, wusch mein gesicht, tat etwas farbe drauf und stürzte mich endlich ins verabredete nachtleben. die neuste bar war eröffnet worden. da gingen wir hin, wie alle anderen auch. meine verabredung sprach von möglicher männlichkeit, ich von natürlicher virilität, die verabredung von muskelaufbau und ich von biologie. beide waren wir etwas traurig, dann ging ich aufs klo. dort hing jesus an der männertür und maria an der frauentür, sie glichen sich aufs haar, nur hatte jesus einen bart. ich stellte mich in die schlange vor der maria. welches ist denn hier das männerklo, fragte einer und guckte ausgerechnet mich an. na da, beim jesus, sagte ich unfreundlich. das ist jesus, der sieht ja aus wie ein weib. der vom blasendruck geplagte zeitgenosse sprach überlaut, aber eindeutig mit mir. der hat doch einen bart, mann, sagte ich noch unfreundlicher, das ist das männerklo, glaub mir. das ist doch kein mann hier, erwiderte der andere wieder, es schien, als wollte er das gespräch mit mir unbedingt vertiefen. der ist dir wohl zu wenig viril, was, ich war wirklich sehr unhöflich und garstig, wie ich mit schaudern feststellte. viril, was heisst denn das, sind wir jetzt an der uni oder was. ich hasste ihn. aber ein anderes exemplar seiner gattung, das mich schon die ganze zeit angestarrt hatte, zerrte ersteres am bedruckten t-shirt am jesus vorbei zum pissoir und sagte: fruchtbar, heisst das, du arsch. da wurde es in meinem kopf leichter, das klebrige verflüssigte sich und ein satz rutschte den arm hinunter aus meiner hand: es war der tag, an dem ich beschlossen hatte verrückt zu werden, hiess der satz. und er beruhigte mich sehr.
p.s.: In der Gemeinde Emmen, zu der die Vorstadt Emmenbrücke gehört, stimmten dann im September 2006 doch nicht alle, sondern 78,2 Prozent der Stimmberechtigten für das neue Asylgesetz.