Markt der 1000 Verrücktheitenvon mephista
Flohmärkte gibt es viele, in jeder Stadt der Welt. Wer hat nicht schon von den Flohmärkten in Paris oder Berlin gehört, der berühmte Flohmi auf dem Bürkliplatz in Zürich ist jedem Zürcher und nicht nur denen ein Begriff. Ein Flohmarkt ist eine Welt für sich, ein Mikrokosmos. Menschen jeder Schicht sind da anzutreffen, die Clochards in Paris die selbst Kronkorken an den Mann oder die Frau bringen möchten, die Buchantiquare die Erstausgaben von Goethe oder alte Penthouse-Hefte anbieten. Ein besonderes Volk sind aber auch die Besucher solcher Märkte: neugierige Touristen in Paris, die nichts kaufen wollen, nur staunen. Und staunen kam man an solchen Plätzen: in Berlin sind nach wie vor Ost-Devotionalien zu finden. Am Brandenburger Tor sind nach wie vor russische oder polnische Uniformenteile zu finden. In Zürich trifft man nobel gekleidete Damen die auf der Suche nach Einzelteilen wertvollen Porzellans suchen. Liebhaber von Modelleisenbahnen, aber auch Studenten, die auf der Suche von WG-Mobiliar sind. Ja, ein Flohmarkt ist eine Welt für sich. Die meisten von euch waren sicher schon einmal auf einem Flohmarkt. Aber kennt jemand von euch den
Markt der 1000 Verrücktheiten?
Ich kenne ihn, habe ihn vor ein paar Jahren durch Zufall entdeckt. Und von diesem Markt der 1000 Verrücktheiten will ich euch erzählen. Wie geschrieben, habe ich ihn durch Zufall entdeckt. Wie einige von euch wissen, liebe ich Gedichte. Wenn ich auf Flohmärkten unterwegs bin, suche ich insbesondere zum Einen alte Kochbücher, ich koche auch sehr gern, und zum Anderen suche ich nach Gedichtbänden, alten und neuen, manchmal finde ich auch Hefte mit Gedichten, von unbekannten Menschen verfasste Gedichte. Nun, vor ein paar Jahren, es war der 9.9.1999 war ich in Berlin unterwegs, während ich ein Gedicht von Goethe vor mich her murmelte, „Ich ging im Walde, so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Und während dieses Gedicht, einige von euch werden es kennen „Gefunden“ nicht mehr aus meinem Kopf gehen wollte, entdeckte ich mitten in Kreuzberg eine kleine Gasse, die mir vorher nie aufgefallen war. Neugierig bog ich ein und befand mich in einer fremden Welt. Alte Häuser mit eingeschlagenen Fenstern, Läden mit verdreckten und staubigen Schaufenstern, von Zeit zu Zeit huschte eine Katze über die Gasse und verschwand in einer anderen Nebengasse. Da ich die Gasse nicht kannte, wollte ich mich vorerst nicht auf Abenteuer einlassen und folgte nur dieser einen, so eigenartig faszinierenden Gasse. Plötzlich lag ein kleiner Platz vor mir, auf dem Marktstände aufgebaut waren. Vergeblich hielt ich Ausschau nach einem Schild, das mir den Namen der Gasse oder des Platzes verraten hätte, aber es war nichts zu finden. Nur eine grosse Fahne hing über dem Platz „Der Markt der 1000 Verrücktheiten“. Neugierig geworden betrat ich den Platz, schlenderte von Stand zu Stand. Es waren kaum Menschen anzutreffen, was mich verwunderte, bot doch dieser Markt alles was das Herz begehren mochte. Kunstvoll gewebte und geknüpfte Teppiche, Geschirr aus vergangenen Jahrzehnten, Blechspielzeug, alte Puppen mit fehlenden Gliedern, Bücher und Zeitschriften und vieles mehr. Irgendwann konnte ich meine Neugier nicht im Zaum halten, und nachdem ich auch in meinem Reiseführer nichts über diesen Markt gefunden hatte, zudem war es Donnerstag und Flohmärkte finden in Berlin bekanntlicherweise am Samstag und vor allem am Sonntag statt. Also wandte ich mich an einen der Händler, ein älterer Herr mit langem schwarzem Haar, das er zu einem Rossschwanz gebunden hatte. „Dieser Markt, von dem habe ich noch nie etwas gehört. Können Sie mir etwas darüber erzählen?“ „Niemand hat je etwas von diesem Markt gehört, denn es gibt ihn überall und nirgends. Es gibt ihn seit jeher und für immer, hat ihn nie gegeben. Wenn du etwas Zeit hast, kannst du mir helfen, dann erzähle ich dir gerne was über diese Verrücktheiten. Du musst wissen, auf diesem Markt findest du nichts was alltäglich ist, dies ist, wie es der Name sagt, der Markt der 1000 Verrücktheiten. Kennst du zum Beispiel diese Plastikdinger, es gibt sie in männlicher und weiblicher Version, Pimmelchen und Brüstchen, du ziehst sie auf, und sie hüpfen fröhlich vor sich hin. Da kam eines Tages eine junge Frau, in deinem Alter auf diesen Markt, eine Goetheliebhaberin notabene, entdeckte diese hüpfenden Möpschen und kaufte sie um sie einem Freund zu schenken. Was dann geschehen ist, sollst du erfahren.“ Und der alte Mann begann zu erzählen, er erzählte mir von den hüpfenden Möpschen, vom magischen Zeichnungsset, aber auch von der verlorenen Postkarte und einer Kommode mit Vergangenheit, von Schlüsseln, die etwas zu erzählen hatten und von den unheilvollen Ohrclips. Noch vieles erzählte er mir, irgendwann begann es einzudunkeln und er schickte mich Kaffee holen, dort in der Gasse, in einem kleinen Kaffeehaus, „Die kennen mich, sag einfach, dass du das Übliche für den Otto brauchst.“ Tatsächlich fand ich das Kaffeehaus, verlangte das Übliche für Otto, doch der junge Mann hinter der Theke schaute mich fragend an „Ich kenne keinen Otto.“ „Der Otto vom Markt, gleich da hinten.“ „Da gibt es keinen Markt, bist du auf Drogen oder was. Das wird hier nicht gern gesehen.“ Verwirrt verliess ich das kleine Lokal, lief wieder die Gasse hinunter, aber da war kein Platz, die Gasse verlief schnurgerade weiter, kein Markt, keine Stände, gar nichts. Ich bin kein ängstlicher Mensch, also betrat ich Nebengassen, schaute in Torfahrten und Innenhöfe, aber der Markt war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Es wurde schon dunkel, als ich wieder die Gasse hoch lief, ich war müde und hungrig und wurde sicher schon von meinen Freunden in der WG erwartet, in der ich immer übernachte, wenn ich in Berlin bin. Später am Abend, als ich meine Tasche ausräumte, entdeckte ich zu meiner Überraschung ein zerfleddertes Büchlein, mit Stockflecken. Den Titel vermochte ich kaum zu entziffern: „Der Markt der 1000 Verrücktheiten – Sammlung von unglaublichen Geschichten“. Wie war das Büchlein in meine Tasche gekommen, gekauft hatte ich auf dem Markt nichts, zu sehr war ich beschäftigt gewesen, Otto zuzuhören. Ich schlug das Büchlein auf. Auf der ersten Seite stand: „Zusammengestellt von Otto Hanah“. Neugierig begann ich zu lesen. Und einige der besonders interessanten Geschichten möchte ich euch nicht vorenthalten. Am anderen Tag suchte ich die Gasse wieder, die mich auf diesen unglaublichen Markt geführt hatte, alleine ich fand sie nicht mehr. Und immer wieder wenn ich in Berlin bin, suche ich die Gasse, sie ist verschwunden. Im Internet, Google sei gelobt, habe ich den Markt der 1000 Verrücktheiten eingegeben, Null Treffer. Sollte jemand von euch je diesen Markt entdecken, dann lasst auch nicht wegschicken um Kaffee zu holen, bleibt und berichtet mir, was am Abend geschieht mit diesem Platz. Und denkt an Goethe: „Ich ging im Walde, so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“
Die tanzenden Möpschen
Lord Fear freut sich unbändig über das Weihnachtsgeschenk seiner guten Freundin Lady Theodora. Kleine Busen aus Plastik, die man aufziehen kann, und die dann wie wild herumhüpfen. Immer wieder zieht er sie auf, lacht sich schier krumm, und wieder zieht er sie auf. Misst die Strecke, die sie hinter sich legen, stellt ihnen Fallen mit Kugelschreiber und Lineal. Auf seine Frage, wo sie die Möpschen gefunden habe, hat sie etwas von einem urigen Markt gesprochen, und er solle den Hundchen auch ja gut schauen. Schon wieder stehen sie still, und während die alte grosse Wanduhr Mitternacht schläft, streichelt er mit dem linken Zeigefinger über das Geschenk und murmelt vor sich hin: „Wenn sie nur ein bisschen grösser wären, die Möpschen, nur ein bisschen grösser.“
„Die Fenster sind geschlossen, die Türen auch, keine Spur eines gewaltsamen Eindringens“ meint Kommissar Little zu seinem Assistenten. „Und doch liegt er da, flach wie eine Flunder. Birdie, wissen sie schon was über die Todesursache, Todeszeit?“ wendet er sich an den Gerichtsmediziner. „Todeszeit muss kurz nach Mitternacht sein. Sehen Sie, seine Rolex ist auch beinahe komplett zertrümmert und um 12.12 stehen geblieben. Todesursache: massive innere Verletzungen, jedwelche Knochenbrüche, aber äussere Verletzungen sieht keine festzustellen. Dabei muss er von irgendetwas Riesigem zerquetscht worden sein. Ich schau mir das im Labor noch an, aber ich kann es mir nicht erklären.“ „Was liegt denn da am Boden? Ach, diese witzigen Plastikbusen, sind ganz lustig, die kann man aufziehen, na ja, ein bisschen klein, könnten schon ein bisschen grösser sein, aber die Kumpels vom Fussballclub werden ihre Freude haben“ und ohne weiter nachzudenken, steckt der Kommissar die kleinen Möpschen ein.