Den Monsun abwartenvon Robert Notz
Ich werde, sagt sie, das nicht mehr tun, es bekommt mir nicht. Auf Spiele und Geschichten hab ich keine Lust mehr. Mit dreissig ist es an der Zeit, sich niederzulassen, einen Mann zu haben, verheiratet zu sein, Kinder. Verstehst du das? Ich hoffe es, tut mir leid. Dann ist sie draussen und für eine Weile räkelt sich die Schlampe Ruhe im Raum. Ich blas Rauch nach oben und schaue ernst in der Gegend umher. Frauen sind anstrengend, denke ich. Es gefällt mir, wie der Wind mit ihren Haaren spielt, wenn sie dasitzen oder liegen. Gesichter wie Gemälde, Farbkompositionen. Aber die ewigen Gespräche rauben mir den letzten Nerv. Diese eine, die nun weg ist, ist auf eine nicht unattraktive Weise naiv, glaubt an die Dinge, die das Fernsehen erzählt, an die Mathematik und dass es den südlichen Wendekreis tatsächlich gibt. Will es bequem haben im Leben, sammelt schöne Dinge und stellt sie in ihrem Zimmer auf. Blätter und Grashalme. Malt Bilder, die sie nicht signiert. Findet Brad Pitt hübsch. Liest bescheuerte Lebensratgeber, die Geschlechter verschiedenen Planeten zuordnen.
Vor zwei Wochen sind wir uns erstmals begegnet, bei lauter Musik dreht sie sich im Kreis. Ein Lächeln andeutend, bewegt sie sich wie das Licht, das in kurzen Abständen die Farbe wechselt. Darüber schwebt wie ein leichter Nebel auf einer Wiese im Sommer ihr schwarzes Haar. Trüb wird mit der Zeit auch meine Sicht, ich taumle, der Boden erscheint im selben Augenblick wie die neue Farbe. Bei Gelb schlage ich auf. Aus meinen Lippen fliesst Rotes. Mein Puls rast. Leute schauen auf mich hinab. Einige haben hohe Stimmen. Andere Augen. Schwarz umrahmt. Ich schwitze. Die Musik dröhnt weiter. Ich raffe mich auf, dem Morgen entgegen. Fühle Liebe oder was ähnliches und lasse mich wieder fallen. Sie hilft mir auf, setzt mich an den Rand und reicht mir Wasser. Glücklich umarme ich sie sanft. Dazu singt dieser vorpubertäre Halbgruftie ein Lied vom Monsun. Wie heisst du, frage ich, als der Raum sich nicht mehr dreht und das Licht wieder weiss wird. Elgün, sagt sie und lächelt, bevor das Lokal schliesst und wir uns verlieren.
Drei Tage später ruft sie mich an. Raucht, während sie spricht. Ich putze meine Fensterscheiben, sagt sie, bis Vögel hineinfliegen. Wer eine kleine Wohnung hat, muss Ordnung halten, ich wohne, erklärt sie, mit meinen Eltern und einem Bruder zusammen, drei Zimmer, eine Küche, ein Bad. Wenn die Sonne untergeht, schaue ich zum Horizont. Früher wollte ich immer den Punkt suchen gehen, an dem die Sonne den Boden berührt. Heute weiss ich, es gibt ihn nicht, es geht immer weiter. Trotzdem schaue ich manchmal hin.
Ich sage während der nächsten halben Stunde nichts ausser hmhm. Sie: Gestern schob meine Mutter wieder mal eine Krise. Die ist ma¬nisch, Mann, guckt den ganzen Tag aus dem Fenster. Nach draussen geht sie nie. – Und du, frage ich, als sie kurz innehält. Eigentlich auch nicht, sagt sie zögernd. Meist bleibe ich in mei¬nem Zimmer, rauche und höre Musik, Hiphop, das ist voll aggro. Nach draussen gehen ist stressig. Al¬les könnte passieren; es gibt so viele Dinge, so viele Menschen. Sie haben alle ihre Geschichte, ich kann es fühlen, das macht mir Angst. Wenn ich Angst habe, rauche ich mehr. Ich möchte damit aufhören können. Einmal war ich für ein paar Tage bei meinem Cousin, da ist es mir gelungen. Als ich zurückkam, habe ich wieder damit angefangen. Diese Wohnung ist für vier Personen zu klein, weisst du. – Mit dreissig, sage ich, ist es normal, dass einem die Wohnung der Eltern zu eng wird. – Ich bin Türkin, sagt sie. Was machst du morgen?
Wir spazieren über ein leer gemähtes Feld. Ich schminke mich nicht, erklärt sie, weil irgendwann habe ich begriffen, wie das läuft. Ich nicke, schaue ihr in die Augen. Es ist nichts als ein einziges Theater, fährt sie, etwas lauter als nötig, fort. Und, weisst du, ir¬gendwann hört man mit dem Kämpfen auf. Du bist an zwei Fronten zugleich: Freundinnen, Gruppenzwang, Werbung, Talkshows einerseits, draussen, Eltern zuhause, 3-Zimmer-Wohnung.
Ich nicke abermals.
Eine hölzerne Treppe führt zu einem Waldweg hoch. Elgün ist sehr schlank. Sie bewegt sich wie eine Frau, die weiss, dass sie betrachtet wird. Wir besteigen einen Hügel, die Sonne wärmt, Kühe grasen. Sie hat warmen Tee mit. Wir setzen uns ins Gras und rauchen. Die ersten Tropfen fallen nach wenigen Minuten, der Regen wird stärker, ein warmer Wind liebkost ihr Haar. Wir stellen uns in einer Waldhütte unter, setzen uns an einem hölzernen Tisch einander gegenüber. Sie schaut mich an. Ich kann dem Blick nicht standhalten, versuche es aber bald wieder.
Letzte Woche, erzählt sie, war ich an einem Firmenausflug, Jubiläum. Es gab Fleisch, das auf einem Stein im Teller weiterkocht. Dazu Rotwein. Eine Powerpoint-Präsentation zur Firmengeschichte. Der Chef und sein Assistent mit Bärten und weiten Hosen. Orange und Braun: die Siebziger. Ein Angelausflug, dann der erste Umzug, Grosshöchstetten neuer Standort.
Das im Emmental gelegene Dorf ist weder gross noch besonders hoch gelegen. Trotzdem boomte die Wirtschaft auch dort. Unter anderen wurde Elgün ausgebildet und später weiterbeschäftigt. Anlehre, Schnellbleiche, Büroassistenz in einer Marketingfirma, später festangestellt, Berufsmatur. Begann ein Studium, hat es aber wieder abgebrochen. Ist noch immer bei derselben Firma, hat sich mit einigen Mitarbeitern angefreundet.
Eigentlich, sagt sie, könnte ich das alles besser: Design, Werbesprüche und so. Aber ich schaffs nicht, was zu sagen, bin blockiert, die halten mich für blöd, nennen mich hinter vorgehaltener Hand Bürotusse. Nadia neben mir, zum Beispiel, ist genau das. Lacht mich wegen meiner Turnschuhe aus, nennt mich alternativ. Keine Ahnung haben die. Nächstes Jahr werden die ersten Leute entlassen, die Bude baut ab, alle in Panik.
Draussen fällt Regen.
Wir gehen dann doch nach Hause. Sie begleitet mich zum Bahnhof und bleibt dort. Winkt mir nicht nach, läuft einfach weg.
Wir sehen uns drei Tage nicht. Ich denke an andere Dinge. Arbeite, sehe fern und trinke ab und zu ein Glas Wein. Sorry, ich bin etwas verwirrt, sage ich deshalb, als sie am Mittwochabend unvermittelt losplappert, ihre ersten paar Sätze verpasse ich prompt. Du schaust immer so böse, meint sie, lächle doch mal! – Ich werds versuchen, murmle ich, und grinse. Nicht so, sagt sie. – Anders gehts gerade nicht, sage ich, und, nach einer Pause, wie geht es dir? Sie verzieht das Gesicht. Willst du das wirklich wissen? – Würde ich sonst fragen? – Ich glaube nicht, dass dich das interessiert. Chaos pur. Depression. Weltfrieden, UNICEF, Angela und ihr neuer Freund, Stress im Büro, Ängste, Zukunft und so. Mein Ex. Dinge halt. Ich habe dich gewarnt. Du willst das nicht wissen. – Ich habe dir doch gesagt, erkläre ich ihr ungeduldig, dass es mich interessiert. – Menschen erzählen irgendwelche Dinge, den ganzen Tag labern sie einen voll, wollen einen von irgendwas überzeugen, können sich nicht zurückhalten, immer nur ich, ich, ich und so weiter… - Ja, sage ich und schaue abwesend an ihr vorbei. Sie: Was ist? Ich dreh den Kopf. Nichts, wieso? – Sag es doch! – Was denn? – Es ist immer dasselbe mit den Typen, wollen nicht darüber sprechen, lassen einen im Unklaren, nur sich auf nichts festlegen, cool bleiben, die Welt kann mir am Arsch. Dann wieder Kriege, Gewalt und so. Frauen werden vergewaltigt, jeden Tag, keiner schaut hin. Fahren mit ihren Autos mit einem Neunziger durch die Fünfzigerzone. Den Kindersitz hintendrauf. Rauchen, saufen, schlagen ihre Frau… – Was meinst du, frage ich verwirrt. Sie: Womit? – Damit. – Was, damit? – Was du mich zuvor gefragt hast. – Habe ich dich etwas gefragt? Verstimmt sage ich ja. – Ja, fährt sie mich an, ist das alles? Ja kann vieles heissen, vielmehr noch als Nein, und Nein heisst eigentlich überhaupt nichts. Sowieso: Alle Worte bedeuten eigentlich nichts, die Leute tun nur so, als würden sie sich verstehen, dabei reden sie aneinander vorbei oder erzählen von sich selbst. Ich: Ja. Sie ruft meinen Namen. Hörst du mir überhaupt zu?, fragt sie. – Weshalb fragst du mich das? – Fragen, die Menschen stellen immer Fragen, wollen aber gar nichts wissen, aber Fragen stellen, wie die Polizei. Verhöre, Inquisition, Guantanamo, was weiss ich. Löcher bohren sie mit ihren Fragen. Höhlen einem aus, nehmen einem die Luft zum Atmen. Patriarchat, Sozialversicherungen, Zutexten, Bekehren … In meinem Kopf dreht sich alles. Sie atmet geräuschvoll aus, um danach einen Schluck Tee aus dem Glas zu trinken, das bereits seit zehn Minuten unberührt vor ihr steht. Sie nimmt einzelne, ganz kleine Schlucke. Ich mag das.
Was hast du damit gemeint, als du mich gefragt hast ›was ist?‹, frage ich, da mir ihr Trinken das Wort gibt. – Habe ich das gefragt? Wann? – Vorhin – Wann vorhin? – Bevor du von der Sozialversicherung zu reden begonnen hast und von Kindersitzen und Guantanamo – Sozialversicherung, fragt sie verständnislos, – vergiss es. – Was? – Die Sozialversicherung. Ist eh eine Verarschung.
Wir zünden uns zeitgleich eine Zigarette an und schauen aneinander vorbei. Sie zieht sich die Jacke zu. Ist dir kalt? Sie nickt: Ich muss auswandern, in den Süden oder so, keiner hält es in dieser verdammten Kleinstadt aus. Immer nur kaufen, kaufen, kaufen, konsumieren, Geld, Geld, Geld, ich, ich, ich… – Wohin denn? frage ich. Sie: Auswandern? Ich deute ein Nicken an. Südafrika, Brasilien, Guatemala, Rio, Venezuela, was weiß ich. Wos warm ist und Palmen wachsen und die Menschen nicht so spinnen… Spinner gibt es überall, denke ich, und während sie weitererzählt, betrachte ihr schwarzes Haar und denke: Weshalb spricht sie bloss so viel?
Freitag schläft sie dann doch bei mir. Letzten Bus verpasst oder so. Ihr Haar riecht nach Regen, ihr Atem nach Wein. Sie berührt mich sehr sanft, schmiegt sich an mich, schläft sofort ein. Ich liege die ganze Nacht wach und streiche mit der Hand durch ihr Haar. Draussen stürzt ein Gewitter über das Dach. Der Sommer beginnt.
Um halb sieben steht sie auf und raucht erstmal eine Zigarette. Kaffee will sie nicht. Muss mich beeilen, sagt sie, einkaufen und so. Ich schlafe bis zehn Uhr weiter. Wie der Tag und die Nacht wechseln sich die Gefühle ab. Der Anfang grüsst das Ende, plappert mit ihm über das Wetter, welches, weil es eindunkelt, besonders dramatisch und farbenfroh ist. Danach ist es dunkel oder hell, man arbeitet, schläft und isst. Manchmal jedoch, wenn Wolken die Sicht auf den Horizont verdecken, geschieht der Wechsel ganz unbemerkt: Blau wird zu grau. Das Sonnenlicht stufenweise dunkler gedreht. Plötzlich liegt sie neben mir und ihre Haut ist zum Wahnsinnigwerden weich. Wie klein sie doch ist: Hat unter meinen Armen Platz.
Es bleibt noch einige Stunden nachdem sie gegangen ist eine Ahnung zurück, eine Spur von etwas sehr Schönem. Traumwandlerisch staubsauge ich die Wohnung.
Montag, zurück in der überhitzten Wohnung, Wäsche türmt sich, Geschirr. Bücher über den Boden verstreut, die Stereoanlage auszuschalten vergessen. Bahne mir einen Weg zum Schreibtisch, setze mich und stütze den Kopf mit der rechten Hand. Walther von der Vogelweide erscheint mir als Geist und singt von Blumen, Tieren und Frauen. Wie hält der das bloss aus? Es gibt keine Wiederholung, denke ich. Kierkegaard hatte Recht: Das Bewusstsein, dass etwas zum zweiten Mal geschieht, verunmöglicht, dass es ganz genau so wiederkommt. Manchmal als Parodie, manchmal als Albtraum, manchmal besser als es war. Dasselbe Pochen wie heute mit Elgün hatte ich auch vor ein paar Jahren wenn ich Monika ein paar Tage nicht sah oder keine Nachricht erhielt. Wir schrieben uns Briefe. Nun ist sie nicht mehr wegzudenken. Aber auch Elgün vermisse ich. Eine Beziehung mit ihr scheint völlig aussichtslos, aber gerade das ist es, was mich reizt: Wäre es ein Leichtes, es würde womöglich bald langweilig. Es ist die Jagd, die einen zwar so schrecklich ermüdet, den Atem und den Schlaf raubt, jedoch das Spiel ausmacht. Auf Spiele und Geschichten hat sie aber keine Lust mehr. Ich umso mehr. Manchmal, selten genug, wenn sich zwei Menschen gegenüberstehen, gibt es plötzlich kein Entrinnen mehr. Ausweichen wird unmöglich. Dinge geschehen, ohne dass wir die geringste Chance haben, uns dagegen zu wehren. Wir fallen in ein Augenpaar, das eine Tiefe verheisst, die kaum abzuschätzen ist, tauchen ein und ertrinken hoffnungslos. Und dann, viel später, hält der Alltag Einzug, bleibt am Ufer stehen und schaut mit stechendem Blick hinüber: Geschirr spülen, aufräumen, organisieren, zusammen einkaufen, kochen, fernsehen. Die Magie reist ab und versteckt sich, schickt vielleicht ab und zu eine Karte aus einem fernen Land, lässt sich nur mehr ganz mühsam zurücklocken. Kreativität und Phantasie werden wichtig, will man sich nicht ganz verlieren, sich gehen lassen, Kinder zeugen, ein Haus bauen, im Garten grillen, den Spruch »Papa ist der Beste« auf eine Scherzschürze gestickt als Geschenk akzeptieren.
Das Telefon klingelt. Elgün. Die gibt nicht auf. Als wäre nichts geschehen, plappert sie los, erzählt vom Büro, dass sie sich den Chef auf den Mond wünscht, das Patriarchat sowieso und diese ganzen sich für etwas Besseres haltenden Akademiker hinterher. Ich freue mich darüber, sie zu hören, stelle mir ihren Körper unter meinen Armen vor und lehne mich zurück. Ihre Stimme ist eigentlich, sieht man von der Aggression und von den derben Slangausdrücken ab, sehr, sehr weich, manchmal sogar etwas kindlich. Obwohl sie ein äusserst lebendiger und temperamentvoller Mensch ist, hat sie doch etwas Beherrschtes, Zurückhaltendes, Scheues. Als ich mit der Hand über ihre Brüste fuhr, hatte sie kein Geräusch von sich gegeben, atmete bloss ein und aus und ich hätte nicht sagen können, ob es ihr gefallen hat oder nicht. Jedenfalls lässt sie mich machen, reisst meine Hände nicht weg. Lehnt sich aber auch nicht zurück, bäumt sich nicht auf, noch dreht sie sich weg. Nur wenn sie tief schläft, verrät sie sich ab und zu durch ein leises Stöhnen. Natürlich verpasse ich eine Frage, sie hat lange erzählt, doch plötzlich innegehalten. Wir sind noch immer am Telefon. Reime mir ungefähr zusammen, was sie gesagt haben könnte, und antworte aufs Geratewohl mit »ja«. Sie: Weshalb? – Weshalb was?, frage ich und das Spiel beginnt erneut.