Versuchskaninchen
von BB


Versuchskaninchen

Vroni
Nachdenklich schaut Vroni auf die dicke Nadel, die in ihrer Armvene steckt und sich mit jedem Herzschlag leicht wippend bewegt. Gleich wird der milchige Plastiksack, der neben ihr am Bett an einem Haken hängt, gefüllt sein und ein penetranter Piepston wird die Schwester aufs Parkett rufen. Diese wird sie von der Nadel erlösen, den Beutel mit dem wertvollen Saft mit einer Etikette versehen und behutsam in einen dafür vorgesehenen Schrank versorgen.
Etwas schwindlig ist ihr schon, ist es doch bereits das zweite Mal diesen Monat, wo sie angezapft wurde. Mit ihren 79 Jahren ist das mit der Bluterneuerung auch nicht mehr wie früher. Doch genau darum geht es in diesem Versuch. Wie kann man die Bluterneuerung nach einem grossen Blutverlust beschleunigen? Blutkonserven werden immer knapper und statistisch gesehen ist die Spendenfreude der Menschen jährlich am sinken.

Während des ganzen Monats musste Vroni Tabletten schlucken und sich zweimal eine milchige Infusion verabreichen lassen. Sie fühlt sich seither schlecht, ihr ist schwindlig und sie träumt diese merkwürdigen Träume. Solche, die uns morgens beim Übergang vom Schlaf- in den Wachzustand einen kleinen Moment unsicher und ängstlich werden lassen, bis wir endlich realisieren, dass es nur ein Traum war. Dann sind wir manchmal erleichtert, manchmal enttäuscht und überlegen noch ein Weilchen, was das wohl zu bedeuten hat.

Und das rechte Augenlid zuckt, fast ununterbrochen. Manchmal zwinkert ihr ein Mann im Bus zurück, dann findet sie das ganz angenehm.
Ablenkung verschafft ihr der Dienstag-Krimi . Da ist sie voll und ganz dabei, quasi im Film drin, löst den Fall auf ihre Weise mit Kombinationsfähigkeit und Intelligenz. Doch noch während des Abspanns fängt das Lid wieder an zu zucken. Dann legt sie sich frühzeitig ins Bett und träumt wieder einen neuen komischen Traum.
Und dabei konzentriert sie sich vor dem Einschlafen doch so sehr darauf, „ihren Traum“ zu träumen. Ihr ultimativer Traum, ihr Endziel sozusagen. Und dafür, davon ist sie überzeugt, lohnt es sich, ein bisschen oder manchmal ein bisschen mehr, zu leiden. Sie hat keine Angst mehr vor Spätfolgen und schmunzelt, wenn sie dieses Wort denkt.
Buenos Aires! Dieses Ziel vor Augen. Ein Land, eine Musik, ein Tanz. Und sie mittendrin. Ein süsser Traum, wie ein Dessert.

Heute gibt es ein Mars und zwei Fläschen Rivella, um den Kreislauf wieder in Schuss zu bringen. Sie hat nichts zu pressieren und lässt sich das Mars genüsslich auf der Zunge zergehen. In der Ecke des grossen Raumes steht eine kleine Sitzecke mit einladenden, kunterbunten Kunststoffsesseln mit dicken Sitzpolstern darauf. Manchmal trifft Vroni hier Gleichgesinnte. Einige wenige interessante Gespräche haben da stattgefunden. Doch leider
ist der Raum hauptsächlich mit leerem Geschwafel erfüllt,solches wie sie es im Altersheim täglich hört, oder auf der Parkbank, im Bus, im Kaffee, an der Migroskasse.
Vroni ist eine gebildete, belesene Frau, die sich mittels der Tagespresse über das Aktuelle informiert. Sie besitzt und benutzt ein Handy und googelt sich immer wieder die vielfältigsten Informationen vom Laptop im Altersheim. Sie hasst es, nicht Bescheid zu wissen, nur über das Wetter reden zu können, oder die nicht mehr vorhandene Gesundheit.
Die unabänderlichen Dinge nicht anzunehmen, das hat Vroni gelernt, kostet nur unnötige Energien. Nein, nein. Diese steckt sie lieber in ihren Traum und lässt sich geheimnisvolle Infusionen und farbige Tabletten verabreichen. Dafür gibt sie von ihrem Blut und füllt endlose Fragebogen mit oft fragwürdigen Fragen aus. Sie hat sonst rein gar nichts zu tun.

Charles
Eines der überraschendsten Gespräche jedoch hat sie mit Charles geführt. Charles ist buchstäblich vergleichbar mit dem blinden Griff in eine Pralinenschachtel. Die Geschmacksexplosion auf der Zunge, eine,die man nicht erwartet hat. Dann einen Moment lang die Augen schliessen und alles vergessen .
So ein Mann ist Charles. Ein Mann mit Ohren wie der gleichnamige Prinz in Kombination mit einer griechischen Hakennase, herrlich. Seine noch zahlreichen gewellten Haare stehen wirr vom Kopf ab, schön ist er nicht, das dachte Vroni sofort, aber unglaublich interessant, wie sich später herausstellte.

Charles wohnt seit 4 Jahren im selben Altersheim wie sie, zwei Etagen höher, Westlage, Abendsonne auf dem winzigen Balkon.
Sie sind sich tatsächlich nie begegnet. Bei ihrem ersten Gespräch hat sich herausgestellt, dass sie unter dem gleichen Dach wohnen, gleich alt sind und aus demselben Beweggrund medizinische Versuchskaninchen sind.
Ein Traum, ein lange ersehnter Wunsch.

Charles ist quasi international. Englische Ohren, griechische Nase und italienische Hände. Diese schwingen einen Pizzateig in die Luft, lassen ihn auf dem Finger kreisen bis er hauchdünn ist und im Holzofen zu einer echten Versuchung wird.

Er war ein Gigolo, hatte als Pizzaiolo nie genug Geld, doch sein ausserordentlich auffälliges Aussehen zog das anderen Geschlecht magisch an, was nicht zu seinem Nachteil war. Er hat mehrere Kinder gezeugt, ohne dass er dafür jemals Verantwortung übernehmen musste. Charles hat viel Charme versprüht und noch mehr Süssholz geraspelt. Sein Leben war Wein, Weib und Petanque.

Vroni liess sich die Regeln dieses Spiels ausführlich erklären. Aha, Boccia!
Sie konnte diesem Sport nichts interessantes abgewinnen, fand es aber schön, dass Charles sein sonntägliches Vergnügen unter Gleichgesinnten hatte.

In Charles Club starb jedoch einer nach dem anderen weg, bis sich, zu seinem tiefsten Bedauern, vor zwei Monaten der Club wegen Mitgliedermangel auflöste, genau so, wie seine Verstorbenen Kugelfreunde.

Nun gab es für den hobbylosen Rentner eine neue Aufgabe zu suchen. Er ist ja topfit, hat ein Herz, das ihn um Jahre überleben könnte. Die Anzeige, wo für medizinische Zwecke betagte Menschen gesucht wurden, war quasi für ihn geschrieben. Er meldete sich ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Schliesslich winkt eine saftige Entlöhnung, weil, da ist noch sein Traum, den zu verwirklichen ohne ein bisschen Bares unmöglich ist. Er hat nichts zu verlieren, rein gar nichts. Diese Mediziner und Wissenschaftler wissen wohl, was sie tun, sind ihnen doch durch die strengen Gesetze Grenzen gesetzt.

Venedig. Sonnenuntergang. Der elegante Gondoliere gleitet durch das glatte Wasser. Ein lauer Sommerwind umschmeichelt das Gesicht. Seines und das seiner Diva, diese legt sanft ihren Kopf auf seine Schulter und schnurrt. Es ist keine geringere als Sophia Loren.

Eines weiss Charles genau, sein letzter Traum soll hoch gegriffen sein, keine falsche Bescheidenheit. Diese Einstellung hat ihm bis jetzt ein schönes, angenehmes Leben beschert. Ein bisschen von seinem Körper dafür zur Verfügung zu stellen scheint ihm angemessen.


So treffen sich Vroni und Charles immer öfter, verabreden sich zum Mittagessen oder machen ausgedehnte Spaziergänge.
Die Gespräche werden intensiver, sie werden persönlicher und lernen sich unter der Oberfläche kennen.
Vroni blüht auf, hat rote Bäckchen und glänzende Augen, das Blinzeln ist weniger geworden und die Träume angenehmer.
Charles lässt ein gänzlich neues Gefühle in sich zu, Begegnung, Austausch, Tiefgrund, ehrliches Interesse, Zuneigung. Das kannte er bis anhin nicht. Er lebte sein Leben rasant und dekadent.

Die medizinischen Versuchsreihen sind anstrengend und manchmal werden die beiden ausser Gefecht gesetzt. Träume zu verwirklichen bedeutet auch Opfer zu bringen.
„Diese Kinkerlitzchen bringen uns nicht um“ pflegt Vroni zu sagen. Charles ist da halt typisch Mann und seufzt und stöhnt zuweilen.
Die jeweilige Gegenwart des anderen lässt sie vieles vergessen, der Schmerz, das Alter, den Tod.
In ihren gemeinsamen Diskussionen malen sie ihre Träume farbig glitzernd an.Sie sind jung.


Eines morgens, ein Freitag im Mai, erscheint Vroni nicht zur Tabletten-Vergabe in der Klinik. Charles hatte sie am Vorabend in seine Lieblings Pizzeria ausgeführt. Sie schien ihm nachdenklich, ein wenig in sich gekehrt.
Die Anrufe auf ihr Zimmer sind erfolglos, die Türe wird aufs Klopfen auch nicht aufgemacht.

Als die Klinikleiterin in Charles Begleitung mit dem Notschlüssel die Türe öffnet, finden sie ein leeres Zimmer vor. Säuberlich aufgeräumt. Auf einem kleinen, gelben Zettel am Spiegel beim Eingang steht mit leicht zittriger Schrift „Bin verreist auf unbestimmte Zeit. Vroni“.
Charles steht mit blasser Mine vor dem Spiegel, die Knie werden weich, er setzt sich aufs Bett.
Die Klinikleiterin verliert die Nerven, ob so einer ungewohnten Unverschämtheit. Sie reisst unter Fluchtiraden den Zettel vom Spiegel, packt den gelähmten Charles am Arm und befiehlt ihm, aufs Zimmer zu gehen. Sie ist knallrot im Gesicht und scheint bald zu explodieren. Im Stechschritt eilt sie den Gang hinunter zu ihrem Büro, um, ja, was zu tun? Sie weiss es einfach nicht, ist hilflos. So etwas ist ihr in den 32 Jahren auch noch nicht untergekommen.

Charles scheint geschrumpft. Innert Minuten ist er ein alter Mann geworden. Alles Leben ist schlagartig aus ihm gewichen.
Jetzt erst einmal was trinken. Er sollte noch eine Flasche Cognac für Notfälle im Schrank versteckt haben. Wenn das verdammt nochmal kein Notfall ist! Warum tut sie mir das an?
Er öffnet die Türe, tritt ins Zimmer und fühlt ein Stück Papier unter seinen Füssen. Ein Brief! Eine Erklärung?
Er setzt sich in seinen Fernsehsessel, atmet dreimal tief ein und aus ,öffnet den Umschlag langsam und zieht ein Foto heraus. Es zeigt Vroni in einem halblangen, schwarz schimmernden Tangokleid und hohen Schuhen mit Riemen über dem Rist. Die Haare sind streng nach hinten gekämmt. So liegt sie in den Armen eines argentinischen Tangotänzers. Ihre Blicke treffen sich, leicht herablassend und doch leidenschaftlich.
Charles hätte sie kaum erkannt. Sie sieht unerhört gut aus. Er atmet kaum, als er das Foto umdreht und liest.

„Liebster Charly!
Darf ich Dich so nennen? Ich erlaube es mir, es macht Dir nichts aus, Du schmunzelst ja schon wieder. Hab ich Dir Angst eingejagt? Richtig so, ein bisschen Adrenalin ab und zu hält uns am Leben und verhindert, dass wir sanft entschlafen! Das ist es, was wir beide nicht wollen. Hab ich recht?
Mir fehlt einfach die Zeit Charly.
Mich von Dir zu trennen war schwer, sonst war es leicht! Hurra.
Charly, wenn Du das liest, bin ich auf dem Weg nach Buones Aires und der Erfüllung meines Traumes näher, als je zuvor.
Komm! Ich warte auf Dich, aber nicht zu lange....
Vroni“

P.S. Das ist übrigens eine Fotomontage, gut oder?

Charles lässt das Foto auf seinen Schoss sinken und blickt ins Leere. Er ist fassungslos, geschockt, überrascht! Er schaut sich das Foto noch einmal an und muss lächeln, dann lacht
er und bald laufen ihm die Tränen über die Wangen, er kann überhaupt nicht mehr aufhören zu lachen. Der Bauch tut ihm weh und er fühlt, wie sich sein Körper mit Leben füllt, das Herz pocht wie wild. Wann hat er das letzte Mal so gelacht?

Er überlegt nicht lange, zieht seinen Koffer unter dem Bett hervor und wirft eilig ein paar Sachen hinein. Der Koffer ist halb leer, als er ihn schliesst. Er steckt seinen Pass und seine Bankkarten in die Brieftasche, wirft sich die sportliche , braune Lederjacke über die Schulter und schliesst die Türe leise hinter sich . Den Koffer lässt er gepackt auf dem Bett liegen. Er braucht gar nichts mitzunehmen. Nur das Leben will er spüren, so, wie er es gerade eben gespürt hat.

Als die Klinikleiterin am späten Abend die Zimmertüre mit dem Notschlüssel öffnet, findet sie am Spiegel ein Post-it mit der Aufschrift:
„Bin auf unbestimmte Zeit verreist. Charles“.