Herbst-Idylle
von Martin Baumer

I. Vor Sonnenuntergang

Etwas ausser Atem war ich schon, als ich die Anhöhe erreicht hatte. Ich setzte mich auf die rot gestrichene Bank, die bei den drei Birken stand. Ich war in einen Landstrich gereist, der mir völlig unbekannt war und mir nun ganz vertraut vorkam. In dieses abgelegene Gebiet im Nordosten des Landes war ich bisher nie geraten. Und doch: Als ich aus dem Wald getreten war und zum Hügel hinaufblickte, war ich sicher, diese Horizontlinie zu kennen. Sanft geschwungen, als folgte sie einem ruhenden weiblichen Körper. Im Tal das abgeerntete Kornfeld, auf dem Krähen auf und ab gingen. In weitem Bogen führte der Weg zum Ruheplatz, ein gemächlicher Aufstieg, der einem nicht zuviel abverlangen sollte, auch wenn man auf die siebzig zuging.

„Wenn nichts dazwischen kommt“, hatte der Doktor letzte Woche gesagt, „werden Sie einmal daran sterben: Aorta-Ruptur“. Ein Wort wie für die Sprechausbildung. A-or-ta-rup-tur. „Könnte ein schneller, schöner Tod sein“, hatte ich dem Arzt geantwortet. „Gewiss“, hatte er mir – wie mir schien leicht belustigt – bestätigt und als Einschränkung wiederholt: „Wenn nichts anderes dazwischen kommt.“

Vielleicht war der Herzfehler der Grund, weshalb ich so kurzatmig geworden war. Ich freute mich, ausruhen zu können, und schaute in die Weite zu einem neuen Horizont. Die Sonne stand schon tief, und ich wollte warten, ob sich andere Farben - hellblau, türkis, rosa – ins Graublaue mischen würden.

Nebenan schärfte ein Bauer die Sense mit dem Wetzstein. Ein Geräusch, das mich an meine Ferien in der Kindheit erinnerte – bei den Grosseltern auf dem Bauernhof. Ich meinte, den Geruch von frisch geschnittenem Gras wahrzunehmen, das später auf den Wagen geladen und mit einem Kuhgespann auf den Hof geführt würde. Bauer werden – einer meiner Bubenträume.

Mit ruhigem Schritt näherte sich wenig später der Bauer, vielleicht noch etwas älter als ich, und setzte sich zu mir. Den dunklen Hut behielt er auf. „Ein Spaziergang aufs Land?“ begann er das Gespräch. „Du bist schon lange unterwegs.“ Dass er mich gleich geduzt hatte, verwunderte mich erst im Nachhinein. Er hatte sich vorgebeugt, die Arme auf die Oberschenkel abgestützt. Seine braunen, gefurchten Hände hatten gewiss schon vieles angepackt, schienen sicher im Griff. Hände, auf die man sich verlassen könnte. Ich berichtete von meinem ungeplanten Ausflug in diese Gegend, in die ich zum ersten Mal gekommen sei und die ich doch so gut zu kennen glaube. „Dann bist du heim gekommen“ sagte er. Ich wandte den Kopf, konnte jedoch seine Augen im Schatten der Hutkrempe nicht erkennen. Eine Antwort fiel mir nicht ein. Stattdessen zog ich mir den Pullover über, den ich neben mich gelegt hatte. „Es wird kühl“, sagte ich. Die Sonne lag nun auf der Horizontlinie. „Es ist Herbst“, antwortete der Bauer, „und es ist Abend. Behüt dich Gott“. Dann stand er auf und ging zum Feld zurück, nahm die Sense auf und entfernte sich mit langen Schritten. Ich schaute ihm nach, bis er in der Wegbiegung verschwunden war.

II. Davongekommen

Leise hat Judith die Tür geschlossen und geht mit raschen Schritten durch das grosse, helle Spitalzimmer zum Bett, das bei den grossen Fenstern steht. Konrad schläft. Er liegt auf dem Rücken, bis zum Kinn mit einer dünnen, weissen Decke zugedeckt. Sein Atem geht flach, die Decke bewegt sich kaum.

Sie weiss nicht, wie lange sie schon da gesessen hat, als sie das schmatzende Geräusch der Gummidichtungen an der Tür hört. Jemand tritt ein. Judith dreht sich nicht um, bis ihre Augen einen Blumenstrauss wahrnehmen. Im selben Augenblick sagt eine Frauenstimme „Ich bin Katja.“ Judith hebt den Kopf, der Blick wandert langen Beinen entlang, die in Jeans stecken, der Bund ist von einer dunkelblauen Jacke halb verdeckt, darunter trägt die Besucherin eine weisse Bluse. „Ach so“ sagt Judith und zieht das O etwas in die Länge. „Und Sie sind gewiss Judith“ sagt Katja. „Ich bin Konrads Frau“ antwortet Judith, ohne den Kopf nochmals zu heben. Wie es ihm gehe, will Katja wissen, und Judith sagt mit fester Stimme, dass er jetzt müde sei und ohnehin nicht lange reden möge. „Ich versuche es ein anderes Mal“ sagt Katja, und bittet, Konrad Grüsse auszurichten. Sie legt die Blumen auf den Tisch und streckt die Hand zum Abschied aus. Judith bemerkt es nicht. Das Schmatzen der Tür begleitet Katjas Abgang.

Judith ist froh, dass Konrad noch nicht aufgewacht ist. Es ist ihr lieber, mit den Gedanken und Gefühlen, die sie bedrängen, noch allein zu sein. Bald dreizehn Jahre sind seither vergangen, rechnet sie nach. Doch das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren, spürt sie, als wäre Konrads Verrat gestern geschehen.

Jetzt bewegt sich Konrad. Er schliesst den Mund, öffnet die Augen, „Ich bin noch da“, sagt er leise und hebt seine Hand. „Schön“ antwortet Judith und muss sich erst einmal räuspern, „schön, dass du da bist.“ Dann fügt sie an, dass sie vom Arzt beruhigende Auskünfte erhalten habe. Es sei alles gut verlaufen. Und in zwei Wochen werde er das Spital verlassen können. „Wenn nichts dazwischen kommt“, sagt Konrad.

Er schaut zum Tisch hinüber. „Hast du nun doch Blumen mitgebracht?“ fragt er. „Sie sind von Katja“, klärt Judith ihn auf. „Sie lässt dich grüssen“. Sie holt den Strauss und bemerkt die angeheftete Karte. „Lies sie mir vor“, bittet Konrad. Judith liest: „Ich denke an dich mit Wärme und wünsche dir Gutes. Katja“. Judiths Stimme ist belegt. „Übrigens steht der Satz zwischen Anführungs- und Schlusszeichen.“ „Es ist ein Zitat“, sagt Konrad. „Das Lächeln steht dir gut“, meint Judith, „und schön wäre es, es gälte mir“. Jetzt ist ihr doch ein solcher Satz passiert. „Mein Lächeln für dich ist von Dauer. Es ist auch dann da, wenn du es nicht siehst“, sagt Konrad und fügt nach einer Weile hinzu: „Das war kein Zitat“. Judith schweigt. Doch später will sie wissen, wieso Katja erfahren habe, dass er im Spital sei. „Ich hatte ihr geschrieben“, sagt Konrad, „weil ich glaubte, es gebe dort noch etwas aufzuräumen vor der Operation und für den Fall, dass…“ Judith bleibt stumm.

Beide bemerken die Pflegerin erst, als sie am Bett steht. Der Arzt werde gleich vorbeikommen, kündigt sie an. „Ich muss bald gehen“, sagt Judith und wartet noch, bis die Pflegerin verschwunden ist. Sie beugt sich über Konrad und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. „Gut, dass du da bist“ sagt sie zu ihm. „Bis morgen“. Konrad sucht ihren Blick und blinzelt mit dem linken Auge.

III. Ein Tag zum Sterben schön

Konrad klappt die Schreibmappe zu und legt sie auf den kleinen Tisch zurück, der zwischen seinem Rollstuhl und Judiths Liegestuhl steht. Er nimmt das Glas und trinkt einen Schluck vom kühlen, hellen Wein. Federweisser. Die Sonnenstrahlen, die durch die Äste des alten Apfelbaums Flasche und Gläser erreichen, lassen Lichtreflexe über das Tischblatt tanzen.

Die Terrassentür steht offen. Aus der Musikanlage tönt Klaviermusik. Konrad schaut zur Hecke, wo sich die Blätter zu verfärben beginnen. Rot leuchten Hagebutten und Kornelkirschen in der Sonne „Ein Tag zum Sterben schön“, sagt er. „Zum Leben auch“, antwortet Judith ihm lachend. Nach einer Weile stimmt Konrad zu. „Ja, es gibt die Tage, wo auch mich die Lebenslust packt. Wo ich das Leben tief einatmen will, die Arme weit mache, um die Welt zu umarmen.“

„Diesen Satz kenne ich, seit ich dich kenne. Auf unseren ersten Wanderungen, meist wenn die Landschaft weit war, hast du bereits diese Geste gemacht, die Arme ausgestreckt und gesagt, du wolltest die Welt umarmen. Und ich war es dann, die du umarmt hast.“ „Das ist unser Ritual geworden über alle Jahrzehnte“, bekräftigt Konrad. „Es gab schon Zeiten, wo du die Welt anderswo gesucht hast.“ Judith nimmt ihr Glas und wendet sich Konrad mit einem Lächeln zu.

„Die Stare haben sich zu sammeln begonnen“. Konrad weist mit ausgestreckter Hand auf einen Schwarm, der vorüberzieht, seine Form verändert, sich teilt und in unterschiedlichen Richtungen weiterfliegt. „Noch fallen sie über Rebberge und Beerensträucher her, bevor sie sich auf die grosse Reise vorbereiten.“
„Wolltest du nicht einmal eine Geschichte über das Reisen schreiben?“ erkundigt sich Judith. „Sie ist mir etwas entglitten“, antwortet Konrad. „Vielleicht hätte ich besser über Stare geschrieben. Sie kommen mir immer so ungeduldig, so aufgeregt vor, wenn sie sich auf den Hochspannungsleitungen sammeln. Es scheint, dass sie viel miteinander zu besprechen hätten, bevor sie aufbrechen.“
Sie haben ja auch Grosses vor“, meint Judith. „Es gibt die Erfahrenen, die schon mehrmals hin und zurück gereist sind, und die Jungen, denen die erste Reise bevorsteht. Das gibt schon zu reden.“

„Erste Reise – letzte Reise“, sagt Konrad langsam. „Das Motiv der Lebensreise liegt so nahe, ist schon so oft verwendet worden, dass es verbraucht ist. Wahrscheinlich bin ich deshalb mit dem Thema nicht zu einem Ende gekommen.“

„Ich gehe eine neue CD einlegen. Was möchtest du hören?“ erkundigt sich Judith.
„Beethoven“ wünscht sich Konrad. „Beethovens Pastorale“.
„Deine Lieblingssymphonie“, sagt Judith, „Das Geheimnis, das ich nicht kenne.“

Als Judith mit einer neuen Flasche Federweisser zurückkehrt, zitiert sie die Beschreibung des ersten Satzes der Symphonie: „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“. Sie schenkt nach und erhebt ihr Glas „Heitere Gefühle in dein Herz, Konrad“. Konrad nimmt ihre Hand: „Festhalten und loslassen“.

Langsam wird es kühl und Judith geht ins Haus, Pullover und Jacke holen. Als sie zurückkehrt, sitzt Konrad etwas schief im Rollstuhl. Seine rechte Hand hängt über die Armlehne, das Glas liegt am Boden. „Konrad?“ Es sollte eine Frage sein, doch Judiths Stimme tönt schrill. „Konrad, schläfst Du?“ Er gibt keine Antwort, und Judiths Verstand sagt, dass er nie mehr antworten wird. Es ist ein Gefühl von Panik, das sie überfällt. Sie versucht, Konrad aufzurichten, legt seinen Arm auf die Lehne zurück. „Ich will das nicht“, sagt sie, „ich will das nicht. Du kannst nicht einfach so weggehen.“ Leer kommt ihr der Kopf vor, kein klarer Gedanke, ausser dass sie den Arzt rufen müsste. Sie nimmt wieder Konrads Arm, hält seine Hand und legt sie in seinen Schoss. Dann hebt sie das Glas vom Boden auf. „Er hat es losgelassen“, sagt sie halblaut. „Und es ist ganz geblieben.“

IV. Gartenfest

Die Gäste haben sich in kleinen Gruppen bei den Bäumen versammelt, auf der Wiese, wo Tische und Stühle aufgestellt sind. Das Wetter ist seit Tagen beständig, die Temperatur für November überraschend mild. Es sind mehr Leute gekommen, als Judith gedacht hat, einzeln, als Paare oder sonst zu mehreren. Um die dreissig Hände hat sie gedrückt, Umarmungen über sich ergehen lassen und Begrüssungsküsse ausgetauscht. Luftküsse. Die Stimmen der Menschen haben einen fröhlichen Klang, als wäre es das jährliche Gartenfest, zu dem sie und Konrad jeweils im August einladen, eingeladen haben. Eine Tradition seit vielen Jahren. Judith hatte auch während der Zeit daran festgehalten, als Konrad seine eigenen Wege ging und glaubte, in der Stadt hätte er es besser, bei der anderen wäre er glücklicher.

Die Kirchenuhr schlägt drei. Die Gäste bewegen sich auf die Linde zu, folgen Roberts diskreter Anweisung und bilden einen Halbkreis um den Baum. Judith hat Robert gebeten, ein paar Worte zu sagen. Er tue dies als Konrads langjährigster Freund, beginnt er seine Rede. Von Konrads Wunsch spricht er, dass im Garten von ihm Abschied genommen, seine Asche unter diesem Baum in die Erde gegeben werde, an dem Platz, den er seit langem dafür bestimmt hatte. Roberts unbeschwerte Stimme hätte Konrad wahrscheinlich zugesagt. Judith scheint sie mit einem Mal nicht mehr passend. Es ist eben doch nicht das jährliche Gartenfest. Sie wendet den Blick von Robert ab und schaut auf die Fläche, die vom Laub befreit worden ist, auf die ausgehobene Erde, die tönerne Urne. „Partir c’est mourir un peu“ hört sie Robert sagen, und die weniger bekannte Ergänzung: „Mais mourir, c’est partir beaucoup.“ Judith hat die Ansichtskarte vor Augen, die Konrad vor zwei Jahren aus Paris erhalten hatte und die er in seiner Schreibmappe aufbewahrte. „Partir c’est mourir un peu. Gisèle“ stand darauf, darunter mit Konrads Handschrift der zweite Teil des Zitats und das Datum seiner Entlassung aus dem Spital vor zwei Monaten.

Nach der Rede bleibt es ruhig. Judith bückt sich zur Urne und hebt das bauchige Gefäss an. Asche rieselt körnig in die vorbereitete Grube. Robert wird sich darum kümmern, dass Erde über die Asche geschüttet und das Grab mit dem sorgfältig ausgestochenen Wiesenstück geschlossen wird. Judith streicht das Kleid glatt, geht die Treppenstufen zur Terrasse hinauf und tritt ins Haus.

Kaum kehrt sie in den Garten zurück, geht Robert auf sie zu. Judith dankt ihm freundlich für alle Hilfe und Unterstützung und für seine Rede. „Wer ist eigentlich Gisèle“, fragt Robert unvermittelt. „Eine langjährige, gute Freundin“ antwortet Judith und wendet sich den andern Gästen zu. Die Gespräche fliessen offensichtlich leicht und die Stimmung wird heiter. Bald wird auch Konrad aus dem Mittelpunkt der Gespräche verabschiedet sein. Der eigene Alltag, die Selbstverständlichkeit, noch am Leben zu sein, haben wieder ihren Platz.

Plötzlich flauen die Gespräche ab. Die Menschen stehen mit einem Mal bewegungslos da, als ob ein Film angehalten worden wäre. Alle hören einen klaren Trompetenton, eine schwermütige, fast klagende Melodie. Eine Frau – blaue Hose, weisse Bluse, rote Jacke – nähert sich der Linde. Die silberfarbene Trompete hält sie waagrecht. Bei der Urne bleibt sie stehen und spielt die Melodie zu Ende, schliesst mit einem lang gezogenen Ton, klar und fest. Dann geht sie auf Judith zu, die auf der Treppenstufe stehengeblieben ist. Judith übersieht Roberts fragenden Blick. Sie strafft ihre ohnehin aufrechte Haltung. „Sehr schön. Und sauber gespielt“, sagt sie, „danke“. Die Spielerin hebt den Kopf, aufrecht auch sie, und begegnet Judiths Blick. „Ich habe auch für Sie gespielt“, sagt sie leise. Judith macht einen Schritt auf sie zu, zögert kurz und lädt, nun wieder ganz Gastgeberin, die Frau zum Bleiben ein. Fast unmerklich schüttelt diese den Kopf und reicht ihr die Hand zum Abschied. „Ich verstehe“ sagt Judith, auch wenn sie gar nichts versteht. Dreissig Augenpaare oder mehr begleiten den Abgang der Frau. „Das hätte Konrad gefallen“, meint Robert. „Es hat ihm gefallen“, antwortet Judith lächelnd, nimmt ein Glas vom Tisch und tritt zu den Menschen, die beim Apfelbaum stehen. Nach fünf brechen die ersten Gäste auf; bis zum Schluss sind es wieder über dreissig Verabschiedungen mit Umarmungen und Luftküssen.

Später geht Judith zur Linde zurück, steht vor dem Wiesenstück, das sich noch gut erkennbar von der übrigen Fläche abhebt. „Gisèle? Was war mit Gisèle?“ flüstert sie und schaut zur Baumkrone hoch. Fast schwarz heben sich die Zweige vom nachtblauen Himmel ab. Lautlos fliegt ein Vogel weg.